Familie und Partnerschaft So ein Stündchen heile Welt

Gutes Team: Zusammen sind Janik und seine Oma berühmt geworden.

(Foto: Andrea Fabry)

Als Marmeladenoma liest die 85-jährige Helga Märchen auf Youtube vor - nicht besonders gut und nie passiert etwas Aufregendes. Trotzdem hat sie 180 000 Abonnenten. Warum?

Von Fabian Swidrak

Als der Riese das tapfere Schneiderlein in seine Höhle bittet, spricht Helga mit tiefer Stimme, um bedrohlich zu klingen. Besonders gut gelingt ihr das nicht. Helga, lila Samtbluse, lila Halskette, ein Märchenbuch in der Hand, wirkt eher niedlich. Sie liest etwas schnell, übergeht Punkte und Kommas. Ihre Stimme aber ist ruhig und klingt auch dann noch liebevoll, als der Riese das Bett des Schneiderleins mit einer Eisenstange entzwei haut. Helgas Fans lieben ihre Stimme.

Samstagabend, kurz nach 20 Uhr in Ettlingen bei Karlsruhe. Janik hockt zwei Meter links von Helga am Schreibtisch und sieht auf den Computerbildschirm. Er sieht dort, wie seine Oma aus dem Märchenbuch vorliest. Zwei Stunden machen sie das so. An fast jedem Samstagabend. Was Janik auf seinem Bildschirm sieht, sehen gleichzeitig Tausende Menschen auf ihren Bildschirmen. Janik, 15, und seine Oma Helga, 85, sind Internetstars.

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Einmal pro Woche liest Helga als Marmeladenoma online Märchen vor. Janik kümmert sich um die Technik, denn davon hat seine Oma keine Ahnung. Vor einem Jahr erstellten sie bei Youtube das Profil der Marmeladenoma, mit einem Foto, auf dem Helga ein großes Buch in den Händen hält. Heute hat ihr Youtube-Kanal mehr als 180 000 Abonnenten. Ihre Videos sind bisher mehr als acht Millionen Mal angesehen worden.

Helga und Janik erzählen gemeinsam Geschichten, mit denen die meisten Menschen in Janiks Alter nichts anfangen können. Im Internet, mit dem die meisten Menschen in Helgas Alter nichts anfangen können.

Wer an diesem Samstagabend den Stream der Marmeladenoma eingeschaltet hat, sieht Helga am Tisch sitzen, vor ihr ein Stapel Märchenbücher, daneben eine Rapunzel-Figur und eine Vase. Vor einer Woche spendete ein Zuschauer zehn Euro für Blumen - Helga hat Rosen gekauft. Jede Woche dekoriert sie den Tisch neu, die ganze Wohnung ist vollgestellt. Auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt ein Plüsch-Löwe mit ausgebreiteten Armen. Daneben stapeln sich Muscheln und Steine auf einer Kommode. Aufgeräumt ist es nur bei Janik. Er hat in der Wohnung ein eigenes Zimmer, weil er oft bei seiner Oma übernachtet.

Das Zimmer ist Schlafplatz und Studio. In einer Ecke steht ein Hochbett, darunter der Schreibtisch, an dem Janik sitzt und mit Kopfhörern prüft, ob die Zuschauer seine Oma auch gut verstehen. Vor ihm stehen zwei Bildschirme und ein Mischpult, links daneben die Kamera auf einem Stativ. Am Bett hat Janik eine Tonangel befestigt. Das Mikrofon schwebt über seiner Oma.

Helga ist eine Art Ersatzoma für 180 000 Menschen

Janik, schmal, kurze Haare, Brille, trägt ein T-Shirt mit Marmeladenglas-Aufdruck. Für die Zuschauer ist er nicht zu sehen. Während Helga sich vor der Kamera wohlfühlt, immer frech drauflosredet, ist Janik eher schüchtern. Die Marmeladenoma war seine Idee. Wie er auf den Namen gekommen ist, weiß er schon nicht mehr.

Wenn Janik früher bei seiner Oma übernachtete, haben sie mit Legosteinen gespielt, oder Helga las Märchen vor. Irgendwann wurde Janik zu alt, saß oft am Computer. Weil er weiter etwas mit seiner Oma machen wollte, schlug er ihr vor, online vorzulesen. "Janik ist wie ein Sohn für mich", sagt Helga. Sie erinnert sich, dass Janik eines Tages zu ihr kam und sagte, die Menschen würden nicht mehr miteinander sprechen, sondern nur noch auf ihre Handys starren. Gemeinsam schufen sie deshalb einen Ort der Farbe und Poesie, wie Helga sagt. Sie nennen ihn Märcheninsel.

Die Marmeladenoma liest nicht besonders gut vor, und während ihrer Sendung passiert nie etwas Aufregendes. Helga aber befriedigt für viele Menschen die Sehnsucht nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach zwei Stunden heiler Welt. Viele Zuschauer erzählen in den Kommentaren unter den Videos von verstorbenen oder schwer kranken Großeltern. Helga ist eine Art Ersatzoma für 180 000 Menschen.