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Familie und Partnerschaft:Traditionelle Rollenbilder machen Frauen zu Gatekeeperinnen

Solche "schweren" Fälle seien aber selten, betont sie, viel typischer - und leichter therapierbar - seien Probleme rund um die ungleiche Aufgabenverteilung in der Kinderbetreuung und im Haushalt. Und diese resultiert wiederum oft aus den traditionellen Rollenbildern, die sich offenbar so tief ins Bewusstsein eingegraben haben, dass sie nicht so einfach abzuschütteln sind: Die Frau hält zu Hause die Stellung, während der Mann das Geld verdient und die Familie ernährt.

Für eine Liebesbeziehung haben alle Formen von "maternal gatekeeping" Folgen. Der Mann fühlt sich aus der Partnerschaft ausgeschlossen, weil er seine Frau nur noch als Mutter, nicht mehr als Partnerin sieht. Er fühlt sich von ihr nicht mehr geliebt und erlebt die Vereinnahmung der Kinder als Misstrauen oder sogar als Aggression ihm gegenüber. "In diesem Klima haben positive Gefühle füreinander keinen Platz", erklärt Gabriele Leipold. Es komme nicht selten vor, dass Paare sich dann trennen.

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So wie Julia und Clemens Schall*. Die Erzieherin und der Marketing-Manager aus München waren Berufsanfänger, als sie vor sieben Jahren ihre erste und drei Jahre später ihre zweite Tochter bekamen. Trotzdem entschieden sie sich gegen eine Krippe und für das traditionelle Modell: Sie war den ganzen Tag mit den Kindern zu Hause, er arbeitete von früh bis spät, oft auch am Wochenende. "Ich wollte das so, weil ich ein großes Verantwortungsgefühl als Mutter habe und weil es sich für mich als Erzieherin absurd anfühlte, meine eigenen Kinder für viel Geld betreuen zu lassen und mich stattdessen um fremde Kinder zu kümmern", sagt Julia Schall.

Frauen glauben, es besser zu wissen

Clemens Schall dagegen hatte das Gefühl, dass ihm die Zügel aus der Hand genommen wurden, dass er nicht der Vater sein durfte, der er gerne sein wollte: "Ich wäre nicht jedes Mal sofort hingerannt, wenn eines der Kinder weinte. Aber egal, was ich tat, ob ich wickelte, fütterte oder die Mädchen ins Bett brachte, Julia stand die ganze Zeit daneben und korrigierte mich." Seine Frau kontert: "Ich hatte das alles ja schon Hunderte Male gemacht und wusste deswegen genau, wie es am besten funktioniert."

Das war nicht der einzige Streitpunkt: Sie wollte die Kinder abends Punkt sieben im Bett haben, er hatte nach der Arbeit das Bedürfnis, noch ein bisschen mit ihnen zu toben. Sie fand es wichtig, die Kinder gesund zu ernähren, er kaufte ihnen zwei Kugeln Eis statt einer. Sie hätte sich gewünscht, dass er sich auch mal um Kinderarzttermine und Geburtstagsgeschenke kümmert, er hatte längst den Überblick verloren. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Irgendwann stritten sie so viel, dass sie vor eineinhalb Jahren beschlossen, sich zu trennen.

Sie erlebe in ihrer Praxis häufig eine gewisse Unflexibilität von Seiten der Frauen, sagt Gabriele Leipold, aber auch große Frustration. Von außen betrachtet, gibt sie zu bedenken, wirke deren besserwisserisches Verhalten vielleicht wie eine Machtdemonstration, doch tatsächlich verberge sich Ohnmacht dahinter: "Viele Frauen haben nach einer längeren Babypause Minderwertigkeitskomplexe und die durchaus berechtigte Sorge, beim Wiedereinstieg in den Job auf dem Abstellgleis zu landen. Zu Hause dagegen sind sie so perfekt eingearbeitet, dass der Mann beinahe überflüssig ist. Aus diesem Grund halten sie oft so lange an ihrem Hausfrauenstatus fest."

Die Expertin rät zur To-do-Liste

Ihren Klienten rät sie, exakt festzulegen, wer welche Aufgaben übernimmt, und To-do-Listen zu führen - und zwar schon, bevor sich Nachwuchs ankündigt. "Man muss die Männer fordern, aber ihnen dann auch die Chance geben, sich in diese neuen Aufgabengebiete einzuarbeiten", fasst Gabriele Leipold ihre Erfahrungen aus der Praxis zusammen. Wer jetzt findet, dass im Jahr 2016 Hausarbeit für Männer kein Neuland mehr sein sollte, dem kann man nur zustimmen. Doch die Zahlen belegen das Gegenteil: Der Anteil, den Männer an der Haus- und Erziehungsarbeit übernehmen, hat sich seit den Siebzigerjahren kaum verändert, er beträgt im Schnitt gerade mal 30 Prozent. Das fand die Darmstädter Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch in einer viel beachteten Studie heraus. Ihr Fazit: Die Gleichheit der Geschlechter ist eine Illusion.

Es ist also höchste Zeit umzudenken, und zwar für Frauen und Männer. Julia Schall etwa sieht ihre Entscheidung, wegen der Kinder insgesamt sechs Jahre lang zu Hause geblieben zu sein, inzwischen kritisch: "Ich frage mich oft, ob wir noch zusammen wären, wenn ich wieder gearbeitet hätte. Weil wir so unterschiedliche Leben führten, hatten wir zu wenig Verständnis füreinander." Und ihr Ex-Mann sagt: "Es tut mir bis heute weh, dass ich vom Alltag meiner Familie so wenig mitbekommen habe."

*Namen geändert

Familie Stets zu Diensten
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