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Familie und Partnerschaft:Mama, wo ist mein Schuh?

April 16 2013 Toronto ONTARIO CANADA Hunter looks for some toys in his room Hunter Kemp who

Hm, wo könnte das nur sein?

(Foto: imago/ZUMA Press)

In Wimmelbüchern finden Kinder jede Maus, im echten Leben niemals ihre Hausschuhe. Woran liegt das?

Von Christina Berndt

Da hat man mit den Kindern, als sie klein waren, stundenlang Wimmelbücher angeguckt. Ist "In den Bergen" und "Auf dem Lande" gewesen mit Ali Mitgutsch, hat die extravagante Frau mit dem Hut durch alle Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner verfolgt und immer sofort wiederentdeckt. Und nun das: "Mama, ich finde mein Lateinbuch nicht! ... Bei den Schulbüchern? ... Au ja!" - "Ich hab überhaupt kein T-Shirt mehr im Schrank! ... Oh, die hab ich nicht gesehen." - "Wo ist denn mein Fahrradhelm?

... Aufm Kopf? ... Klasse, da ist er ja!" Eltern fragen sich regelmäßig, ob ihre Kinder eigentlich an einer behandlungsbedürftigen Wahrnehmungsstörung leiden. Oder rufen sie, wenn ihnen Dinge des täglichen Bedarfs abgehen, nur aus Faulheit ständig nach Mama - weil es eben bequemer ist, wenn das von der Natur gegebene Dienstpersonal sich auf den Weg macht? Seltsam nur, dass sie auch dann rufen, wenn sie wirklich ein Objekt der Begierde suchen, eines, dessen Auffinden ihnen wichtig, ja fast heilig ist.

Die Antwort von Sabina Pauen beruhigt und erschreckt zugleich: "Es gibt keinen neurobiologischen Grund, warum Kinder etwas nicht wahrnehmen", sagt die Professorin für Entwicklungspsychologie von der Universität Heidelberg. "Dass uns Dinge durch die Lappen gehen, gibt es in jedem Lebensalter. Dass wir bestimmte Dinge nicht sehen wollen, auch. Und manchmal sind wir einfach abgelenkt. Aber ein grundsätzliches Wahrnehmungsproblem ist das nicht." Selbst im größten Kuddelmuddel können Kinder prinzipiell etwas finden, das haben sie schließlich schon beim Wimmelbuchgucken bewiesen.

Ali Mitgutsch Wimmelbilder

Wo backt eine Frau Pfannkuchen? Das sehen Kinder oft schnell. Ihre Schuhe finden sie trotzdem nicht. Bild: Ali Mitgutsch

Und doch ist die Suchblindheit von Kindern mehr als nur dürftig getarnte Faulheit. Erfolgreiches Suchen ist nämlich ganz schön anspruchsvoll. Man muss Dinge in den Fokus nehmen, muss Ausdauer beweisen. Und schließlich muss man flexibel sein und darf keine feste Erwartung haben, wo genau sich der gesuchte Gegenstand gefälligst zu befinden hat. Vor allem den letzten Punkt lernt man ein Leben lang. Die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte zu lenken - damit beginnen Kinder schon lange vor dem Eintritt in die Schule, sagt Pauen. Babys etwa haben es mit dem Suchen tatsächlich noch rein aus Wahrnehmungsgründen schwer. "Neugeborene können nicht besonders scharf und detailreich sehen. Sie scannen zunächst nur die äußeren Konturen von Dingen, etwa den Rand eines Bildes, weil da der größte Kontrast zur Wand besteht." Deshalb irritiert es Kinder in diesem Alter viel mehr, wenn der Vater sich von seinem Hipster-Bart trennt, als wenn er traurig guckt. Erst später lernen Babys, auch kleinere Kontraste wahrzunehmen. Im Krippenalter können sie sich dann auf einzelne Objekte fokussieren und alles andere ausblenden - wie beim Suchen einer rot-weißen Mütze im Wimmelbuch.

Diese Entwicklung hat mit dem Reduktionsprozess im sich entwickelnden Gehirn zu tun, erklärt Sabine Michalek, Professorin für Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Berlin. "Unsere Sinne können viel mehr wahrnehmen, als unser Gehirn verarbeiten kann, deshalb müssen wir unsere Sinneseindrücke reduzieren." 10 000 Buchstaben auf einer Zeitungsseite? Kein Problem für die Augen, sie in einer Millisekunde zu sehen; sie zu lesen aber dauert zehn Minuten. Das Gehirn muss also filtern. Es muss aus der Fülle von Sinnesreizen, die auf es einprasseln,einzelne herausholen und sich auf diese konzentrieren. Beim Zeitunglesen bedeutet das: Wort für Wort, Zeile für Zeile, von links nach rechts. Lesen ist eine besonders große Fokussierungsleistung. Auch deshalb lernen Kinder das gewöhnlich erst im Vorschulalter. Aber Fokussierung braucht man ständig und überall. "Was nützt es, wenn ich beim Fußballspielen jeden Grashalm wahrnehme, aber übersehe, dass der Ball gerade auf mich zurollt?", fragt Michalek. Fachleute sprechen von der "Figur-Grund-Wahrnehmung", die es uns erlaubt, bunte Bauklötze auf einem bunten Teppich zu entdecken. "Kindergartenkindern fällt das oft noch schwer. Sie stolpern über die Klötze, weil sie sie einfach nicht sehen", sagt Michalek.

Wer auch später noch viel stolpert, hat womöglich wirklich eine Wahrnehmungsstörung. Oder ein Aufmerksamkeitsproblem. Kinder mit dem Zappelphilipp-Syndrom ADHS oder mit manchen Formen von Autismus können oft nicht so gut filtern. Für sie ist die ganze Welt wie ein Wimmelbuch, wo es auf allen fünf Sinneskanälen wuselt. Sie leiden unter den vielen Reizen. Besonders ausgeprägt ist häufig die visuelle Wahrnehmung dieser Kinder: "Sie sind oft sehr stark in Computerspielen und später gute Autofahrer, weil sie Dinge schnell sehen", sagt Michalek. Gleichzeitig sind sie oft Träumer, wegen der Reizüberflutung müssen sie sich zurückziehen. So hören sie die Ansage der Lehrerin nicht, das Matheheft rauszuholen. Würde die Botschaft aber auf einem Bildschirm aufploppen, würden sie sofort reagieren. Heilpädagogen versuchen, Kindern mit Autismus oder ADHS durch Übungen zu helfen, die von Wimmelbüchern und Fehlersuchbildern gar nicht so weit entfernt sind. Für sich normal entwickelnde Kinder ist der Alltag Übung genug. Ständig lernen sie, Dinge aus der Fülle der Wirklichkeit herauszufiltern. "Das ist ein tägliches Training", sagt Sabina Pauen. Und eine Grundvoraussetzung fürs Suchen. Mit der Zeit sammelt man dabei auch weitere wichtige Erkenntnisse, ohne die man bei noch so guter Aufmerksamkeitsleistung scheitert.

Sabina Pauen, Uni Heidelberg

"Suchen ist viel mehr als gucken und wahrnehmen. Man muss dazu eine Strategie entwickeln."

Erstens: Dinge sind mitunter gar nicht da, wo man sie erwartet. Erst wenn man das begriffen hat, nimmt man beim Suchen auch mal was hoch oder schaut ein Stückchen rechts oder links. Bis zu dieser Erkenntnis aber kommt die Zehnjährige weinend zurück, weil ihre knallgrüne Sporttasche, die sie in ihrem Fahrradkorb vergessen hat, nicht mehr da ist. Dabei liegt sie im Fahrradkorb nebenan.

Zweitens: Dinge sehen manchmal nicht exakt so aus, wie man das erwartet. Womöglich ist die Lieblingsjeans diesmal etwas anders gefaltet, dann ist es aber immer noch die Lieblingsjeans.

Und drittens: Man lernt, dass man sich irren und Dinge übersehen kann. Deshalb filzen Erwachsene auf der Suche nach ihrem Schlüssel ihre Jackentasche, wenn nötig, ein drittes Mal. Oder sie schauen doch noch im Rucksack nach, auch wenn der Schlüssel "da gar nicht sein kann". Suchen ist viel mehr als gucken und wahrnehmen. "Man muss dazu eine Strategie entwickeln", sagt Pauen. Natürlich nur, sofern man etwas wirklich selber finden will. "Mama, wo ... ?" ist schließlich auch eine oft sehr zielführende Strategie.

© SZ vom 21.10.2017/bavo
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