Familie und Angst "Für die Eltern gilt: Behaltet die Angst bei euch"

Szene nach dem Amoklauf von München im vergangenen Jahr: Ratlosigkeit befällt viele Eltern bei der Frage, wie sie ihren Kindern die Ursachen von Terror, Gewalt und Krieg erklären sollen.

(Foto: AFP)

Wie sollen Eltern ihren Kindern Terror und Krieg erklären? Familientherapeut Manfred Cierpka gibt Tipps.

Interview von Nina von Hardenberg

SZ: Vor dem Einschlafen sage ich zu meiner ein Jahr alten Tochter: "Alles ist gut!" Da sagt meine Siebenjährige: "Stimmt nicht, es gibt Krieg." Was soll ich darauf antworten?

Manfred Cierpka: Da müssen Sie sich wohl eine neue Abendbotschaft überlegen, die angemessener für Ihre ältere Tochter ist. Für die Große wäre jetzt vielleicht der Satz passender: "Lass uns morgen wieder für das Gute kämpfen."

Wie viel von meinen Sorgen über den Zustand der Welt darf ich mit meinen Kindern teilen?

Kinder brauchen Sicherheit und Ängste kratzen daran. Darum mein Rat: Haltet sie von den Kindern fern! Kinder können Terrorismus oder ähnliche Bedrohungen in ihrem ganzen Umfang ohnehin noch nicht verstehen. Die sind viel zu abstrakt.

Aber Kinder spüren, wenn meine Beschwichtigungen unecht klingen ...

Solange Ihr Kind Sie nicht darauf anspricht, sollten Sie nicht von sich aus von Schießereien in Discos reden. Etwas anderes ist es, wenn Ihre Tochter im Fernsehen beunruhigende Bilder gesehen hat. Wenn ich bemerke, dass mein Kind unsicher wird, würde ich es ansprechen.

Und wie genau?

"Was denkst du denn gerade?" Dann sagt Ihr Kind vielleicht: "Ich habe Angst." "Wovor? Kannst du das sagen?" Wenn es dann zum Beispiel erzählt, dass es Flugzeugentführungen im Fernsehen gesehen hat, sagen Sie: "Ja, das kommt vor in der Welt. Aber sie sind sehr selten." Also nicht Angst schüren oder verstärken.

Was kann man zu einem Ereignis wie dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sagen?

"Ja, das ist passiert, aber das war ein Verrückter." Ich würde es nicht bagatellisieren, aber die Message sollte sein: "Das ist nicht nah an dir dran." Der beste Schutz für die Kinder ist übrigens, wenn die Eltern selbst nicht so viel Angst haben. Weil sie die Angst im Gesicht der Mutter sehen.

Aber wenn man einfach Angst hat?

Dann sucht man Halt. Aber bitte nicht beim Kind. Dafür gibt es die Erwachsenen, damit man sich an ihnen anlehnen kann. Für die Eltern gilt: Behaltet die Angst bei euch.

Die Teenagertochter einer Kollegin meidet das Einkaufszentrum in München, wo im vergangenen Juli ein Schüler Amok lief. Soll die Mutter sie in Ruhe lassen oder es ansprechen?

Solange es bei dem einen Gebäude bleibt, würde ich das nicht als besorgniserregend auffassen. Wenn sich aber zeigt, dass sie Menschenansammlungen meidet, dann geht sie der Angst aus dem Weg. Dann würde ich ihr anbieten, mal zusammen hinzugehen. Damit sie lernt, dass man die Angst nicht walten lässt, sondern ihr entgegentritt. Das ist eine ganz wichtige Botschaft fürs Leben: Man kann Ängste auch überwinden.

Wie verarbeiten Kinder ihre Angst?

Früher hatten wir Märchen und Kinderbücher dafür. Das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" zum Beispiel ist ganz wichtig für Kinder, weil es sagt, Angst gehört zum Leben. Man hat ja beim Märchenvorlesen manchmal den Reflex, das Ende, wo die Stiefmutter auf glühenden Kohlen tanzen muss, abzumildern.

Zu Recht?

Eltern stellen sich das zu bildlich vor. Die Fantasie von Kindern ist anders. Für Kinder ist wichtig, dass das Gute siegt. Da gehört die Strafe dazu. Kinder sind ja auch fasziniert vom Bösen.

Gibt es das überhaupt, einen bösen Menschen?

Das Böse ist in jedem Menschen vorhanden. Das liegt daran, dass man mit Aggression Dinge schnell durchsetzen kann, die sonst viel schwerer zu erreichen sind. Beobachten Sie nur die Kinder: Es ist für sie viel einfacher, ein Spielzeug wegzureißen, als mühsam danach zu fragen. Erst durch die Sozialisation wird die Aggression in gute Bahnen gelenkt. Sie wird zu einer positiven Energie, die uns hilft, uns zu behaupten - aber eben ohne andere zu verletzen. Dieser Weg gelingt aber nicht bei allen. Das Böse ist also immer mit uns. Die Aggression steckt in den Kindern drin. Aber deshalb werden sie noch lange nicht böse Menschen.

Leben wir in einem Zeitalter der Angst?

Die Menschen geben sich heute mehr ihren Angstfantasien hin. Dadurch sehen wir auch viel mehr den Bedarf, beim Kind gegen die Angst vorzugehen.

Das ist aber keine reale Angst?

Reale Angst empfinden die Menschen in Syrien. Die Bewohner von Homs etwa, die wissen, dass die ganze Armee auf ihre Stadt zufährt und dass es Tote geben wird. Das hat natürlich eine andere Dimension als unsere Verunsicherung, etwa nach einem Terroranschlag. Trotzdem fühlen wir die Angst, weil unsere Fantasie sehr rege ist. Real wäre, wenn wir uns fragen würden, wie viele Menschen in Deutschland wirklich durch Terror sterben, und das ins Verhältnis zu anderen Gefahren setzen würden. Aber die Angst, die auf Fantasien beruht, ist meistens schlimmer. Darum müssen wir sehr aufpassen, dass wir uns nicht von dieser Furcht mitreißen lassen.

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