Familien-NewsletterNicht laut genug für Veränderung

Lesezeit: 2 Min.

Kinder setzen ihren Willen gerne lautstark um.
Kinder setzen ihren Willen gerne lautstark um. Thomas Trutschel/imago

Zwischen dem Schreianfall der Dreijährigen und dem Bemühen um einen pünktlichen Arbeitsbeginn fragt sich unsere Autorin, warum die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen fast ausschließlich Eltern betreffen.

Ein Familien-Newsletter von Karin Janker

Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute Morgen war es wieder einmal so weit: Meine Tochter, drei willensstarke Jahre alt, wollte nicht in der Kita bleiben, in die sie eben noch singend hineingehüpft war. Zumindest nicht ohne ihr Schäfchen. Aber Schäfchen lag zu Hause, die Tochter wusste exakt wo. Es half kein Argumentieren und Flehen meinerseits – Schäfchen musste geholt werden. Und Töchterchen kam mit. Während der Diskussion stand die Erzieherin neben uns und raunte mir zu: „Du musst ganz klar sein, dann kann sie das auch annehmen.“

Von wegen. Klarheit war nicht unser Problem. Meine Klarheit wurde von der Klarheit einer Dreijährigen einfach überschrien. Als Elternteil kennt man diese Augenblicke, in denen es einem schier das Herz zerreißt. Meine Kollegin Friederike Zoe Grasshoff hat in ihrer aktuellen Folge der Kolumne „Die Erziehungsberechtigten“ (hier finden Sie alle Folgen, SZ Plus) über diesen Moment geschrieben. Schließlich belegt er das Bemühen, den sich widersprechenden Anforderungen (an diesem Morgen: kindliches Bedürfnis versus pünktlicher Arbeitsbeginn) gerecht zu werden. Und auf die eine oder andere Weise zu scheitern.

Dabei sind solche Kita-Anekdoten natürlich Kinkerlitzchen, wenn man sich ansieht, wie es um die Kindergesundheit in Deutschland bestellt ist. Mein Kollege Jakob Biazza hat den Kinder- und Jugendpsychiater Martin Holtmann interviewt (SZ Plus), der von alarmierenden Fallzahlen spricht. Holtmann mahnt die Gesellschaft, die von Kindern und Jugendlichen sehr viel erwarte: „Sie sollen zukünftig wehrhaft sein und unser Land verteidigen, sie sollen die Renten zahlen und unsere Pflege übernehmen. Da sollten wir uns dringend auch mal wieder fragen: Was tun wir eigentlich, damit die Kinder und Jugendlichen die Bedingungen haben, um das alles erfüllen zu können.“

Die Sorge, den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht zu werden, treibt erstaunlicherweise aber vor allem Eltern um, weniger die Gesellschaft oder ihre gewählten Politikerinnen und Politiker. Zum Beispiel scheint es den meisten Menschen ziemlich egal zu sein, wie eine Schule ohne (Leidens-)Druck für Schülerinnen und Schüler aussehen könnte. Privatproblem. Ist es Empathie, die hier fehlt? Die Fähigkeit, die Probleme der anderen zu sehen? Oder sind die Kinder und Jugendlichen, die de facto keine politische Lobby haben, einfach nicht laut genug?

Für meine Dreijährige zumindest gilt das nicht.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende,

Karin Janker

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