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Familientrio:Wie viel Nacktsein ist okay?

Zwei Kindergartenkinder laufen gerne nackt durch die Wohnung, ziehen einander am Penis und kichern. Wo sind die Grenzen, fragt die Mutter. Unsere Familienexperten antworten.

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Giselle R. aus Frankfurt fragt:

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Quelle: imago/PhotoAlto

Unsere Jungs, 3 und 5 Jahre alt, laufen abends gern stundenlang nackt durch die Wohnung und ziehen sich dabei kichernd gegenseitig am Penis. Wir finden es grundsätzlich gut, dass sie gern nackt sind und sich dafür auch nicht schämen. Gleichzeitig fragen wir uns aber schon, wo es da eine Grenze gibt. Was meinen Sie?

Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de.

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Kirsten Fuchs

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Quelle: Stefanie Fiebrig

Also ewig wird das Penisgeziehe ja nicht andauern. Irgendwann ist das ja auch vorbei. Insgesamt ist mehr Positives dran als Negatives: Es ist lustig, die Brüder haben sich gern, es macht ein gesundes körperliches Selbstbewusstsein, alles super. Wenn Sie da jetzt einschreiten, könnten Sie zu viel in zwei Kinderherzen kaputt machen - oder das Interesse daran bestärken und das wollen Sie ja auch nicht. Wenn Sie daran irgendwas stört, dann stellen Sie doch Penisziehregeln auf, zum Beispiel, nur zwei Stunden, nur wenn beide wollen, nur zu Hause. Die Grenze ist da, wo einer der beiden das nicht möchte, oder sie es im Beisein von Menschen tun, denen das unangenehm ist.

Ich habe meiner Tochter erklärt, was Intimität ist: alles, was schon mal im Körper war, und Geschlechtsteile auch. Intime Sachen macht man, je älter das Kind wird, zu Hause oder alleine im Bett. Wo welches Verhalten angemessen oder nicht angemessen ist, das können Sie mit den Jungs auf jeden Fall mal bereden. Ebenso, wie man mit den Grenzen von anderen umgeht. Da ist das Penisgeziehe eine gute Gelegenheit.

Kirsten Fuchs ist Schriftstellerin und lebt mit Tochter, Mann und Hund in Berlin. Sie schreibt vor allem Kurzgeschichten und Romane, aber auch Theaterstücke sowie Kinder- und Jugendbücher. Ihr Buch "Mädchenmeute" erhielt 2016 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

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Herbert Renz-Polster

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Quelle: Random House

Wie schön, dass Sie Ihren Kindern das unbeschwerte Nacktsein zugestehen können, das sage ich jetzt bewusst mit Blick auf die auch hierzulande immer öfter anzutreffende puritanische Haltung dem Nacktsein gegenüber. (Wir haben sieben Jahre mit unseren Kindern in den USA gelebt, ich weiß, wohin das noch führen kann.) Also, was Sie beschreiben, ist ein völlig normales, altersgerechtes Verhalten, bei dem es um Freude, gemeinsames Entdecken und die lustvolle Erfahrung des eigenen Geschlechts geht. Da braucht es keine Einmischung oder Zumischung irgendwelcher Ängste, und auch keine klugen Erklärungen. Die beiden Jungs freuen sich an ihrem Körper, was unter dem Nabel hängt, gehört dazu. Die Grenzen? Wenn ein Kind dabei keine Freude hat. Wenn der Spielimpuls immer nur von einem Kind kommt. Oder wenn sie auf "Blödsinn" kommen, der vielleicht wehtut oder gefährlich ist. Etwa wenn sie unbedingt etwas in dieses Loch da vorne reinstecken wollen. Ansonsten: Alles gut, die Kindernatur braucht Auslauf.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

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Collien Ulmen-Fernandes

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Quelle: Anatol Kotte

Ich kann mir da sehr viele Grenzen vorstellen, etwa, wenn der eine dem anderen dabei wehtut. Ich denke aber nicht, dass diese Grenzen in dem Fall erreicht sind. Grundsätzlich erscheint es mir als ein Brother's Business, in das Sie sich nicht über die Maßen einmischen sollten, und wie eine normale kindliche Phase, in der sich gleichzeitig ein Körperbewusstsein entwickelt, wie auch das Humorverständnis. Wenn man bedenkt, dass etliche Comedians mittleren Alters ihr Programm auf Pimmelzupf-Reflektionen aufbauen und 90 Minuten vor Publikum darüber reden, mache ich mir humoristisch keine Sorgen. Ich bin mir sicher, dass sich andere Phasen anschließen, in denen neue Themen in den Vordergrund rücken. Sollten sich die beiden mit 21 noch am Penis zupfen, und sollte es das Familientrio bis dahin noch geben, stellen Sie die Frage gerne noch mal.

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter hat mehrfach Texte zum Thema Elternsein veröffentlicht, 2014 erschien von ihr das Buch "Ich bin dann mal Mama".

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Quelle: SZ

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