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Familie:Die Befreiung

Wolf Küper wollte Karriere machen, hatte nicht viel Zeit für die Kinder. Doch dann stellte seine Tochter eine Frage - mit weitreisenden Folgen.

Kinder stellen viele Fragen, und oft sind die einfachen Fragen die besten. Den einfachen Fragen können sich die Erwachsenen nur schwer entziehen, vor allem dann, wenn sie auch noch eine Botschaft, eine implizite Aufforderung enthalten. Bei Wolf Küper war es auch so, als er wieder mal schwer unter Zeitdruck war und seiner vierjährigen Tochter nur noch kurz vorlesen wollte, eine letzte Gute-Nacht-Geschichte. Eltern kennen das: Man ist selbst so müde, dass man auf dem Kinderbett fast einschläft; es warten ja noch so viele Dinge, die nach der Asterix-Pflichtlektüre erledigt werden müssen. Also gut, zehn Minuten, dann ist Schluss.

Als gut bezahlter Gutachter für die UN hatte er alle Chancen. Aber dann kam er ins Grübeln

Das war der Moment, als die kleine Nina bei ihrem Vater intervenierte: Die zehn Minuten Lesezeit seien ja okay, für diesen Abend, aber morgen - müsste es dann schon etwas mehr sein. "Ach, Papa, ich wünschte, wir hätten morgen eine Million Minuten. Nur für die ganzen schönen Sachen, weißt du? Du kannst mir morgen eine Geschichte von einer Million Minuten erzählen, ja?"

Ganz schön maßlos, die Tochter, die allerdings ein spezielles Verhältnis zur Zeit hat: Seit ihrer Geburt braucht Nina immer länger als andere Kinder, auch in ihrer körperlichen Entwicklung geht es schleppend voran. Sie leidet an Ataxie, einer schweren Bewegungs- und Koordinationsstörung, die man am sogenannten Seemannsgang erkennt. Erst mit 27 Monaten fängt sie an zu laufen, die Prognosen der Ärzte und Psychologen sind deprimierend. Und die Eltern müssen damit fertig werden, dass Nina kein normales Leben führen kann - aber was heißt das eigentlich, "normal"?

Wolf Küper sitzt, als er von Nina erzählt, in einem Münchner Café. Ein sportlicher 43-Jähriger mit verwuschelten Haaren, Typ Abenteurer. Küper ist gerade auf Tour mit seinem Buch "Eine Million Minuten". Im Radio, im Fernsehen, in Buchläden in Freiburg, München, Heilbronn und anderswo erzählt er seine Geschichte. Die Geschichte eines Vaters, der die Frage seiner Tochter so ernst nahm, dass er sein ganzes Leben infrage stellte und mit der Familie zwei Jahre lang auf Weltreise ging: "Das war das Beste, was wir machen konnten. Weil man erst weit weg fahren muss, um zu begreifen, dass die Wirklichkeit, die wir für normal halten, eine Fiktion ist".

Wolf Küper ist Mitte 30, als seine Tochter zur Welt kommt. Wie seine Frau Vera hat er für das Lehramt studiert, Biologie und Geschichte, aber er hat größere Pläne. Erst mal Karriere machen, am besten im Dauersprint, man muss ja die anderen überholen, solange man die Puste hat. Einige Jahre arbeitet der promovierte Biologe als Tropenforscher in Südamerika, dann als Gutachter bei den Vereinten Nationen, ein gut bezahlter Job, bei dem einem die Welt offensteht. Bis er völlig platt ist, ein Opfer der eigenen To-do-Liste, die immer länger wird.

Im Buch beschreibt der Autor den Denkprozess, den die Frage seiner Tochter ausgelöst hat: "Hatte ich nicht selbst, ohne es zu merken, meine großen Träume längst stillschweigend in das Irgendwann verschoben? Rückte dieses Irgendwann nicht in Wahrheit von Tag zu Tag in immer weitere Ferne? Erst die Arbeit, dann das Spiel. Erst die Realität, dann die Träume."

Viele Menschen träumen ihr Leben lang vom Loslassen. Es bleibt ein Traum, weil ihnen das Wagnis zu groß erscheint. Vor allem Familien mit kleinen Kindern sind selten so wagemutig, alles auf den Kopf zu stellen. Wolf Küper und seine Frau tun aber genau das, als sie sich einmal dazu entschlossen haben: Sie verkaufen den Hausstand ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Bonn, das Teeservice von der Oma, die Lieblingsbücher und die alte Zeiss-Ikon-Kamera; sie versuchen das absolut Lebensnotwendige in Koffer zu packen, die ein Maximalgewicht von 69 Kilo nicht überschreiten dürfen - Vorgabe der Fluggesellschaft. Zwischendrin beantworten sie Fragen irritierter Freunde und Arbeitskollegen. Und dann beginnen sie mit ihrer Tochter und dem einjährigen Sohn die Reise durch Thailand, Australien und Neuseeland.

Wie finanziert man eine zweijährige Auszeit, wenn man nicht gerade ein Vermögen geerbt hat? Der Autor hat die Frage schon oft beantwortet: "Das war der VW Passat", sagt Küper, "der Neuwagen für 35 000 Euro, den wir uns nie geleistet haben. Und wenn man dann noch den neuen Carport draufrechnet, hat man wieder drei Monate Reisegeld gewonnen." Der Unterschied ist nur: Geld für ein Auto und einen Carport gelten als normale Ausgaben, eine Weltreise als Luxus. Warum eigentlich?

Wie sehr sich die Perspektive ändert, wenn man mal losgelassen hat, illustriert der Autor mit einem Erlebnis in Australien. Er wollte einkaufen gehen, es war 17.55 Uhr, der Supermarkt hatte offiziell bis 18 Uhr geöffnet. "Die machen ja hier früh zu, dachte ich. Dann fuhr ich ans Meer. Dort traf ich den Supermarktbetreiber, der mit seinem Sohn Drachen steigen ließ. ,Ist doch toll, dass Sie einfach zusperren', sagte ich. Der Mann reagierte verwundert: ,Wieso? Bei uns ist das ganz normal.'"

Das Buch "Eine Million Minuten" kann man auf unterschiedliche Weise lesen. Erstens ist es eines dieser Weltenbummlerbücher mit Animationscharakter. Zweitens ist es das Bekenntnis eines Vaters, der die Behinderung seiner Tochter als Chance zur Selbsterkenntnis nutzen will, ohne die Heldin seiner Erzählung an den Rand zu drücken: Die kleinen Abenteuer erleben Vater und Tochter gemeinsam. Drittens kann man es als Anleitung zum Downshifting lesen. Auf jeden Fall ist es, weil alles recht durcheinandergeht, ein ziemlich anarchisches und lustiges Buch.

"Ich bin ja eigentlich kein lustiger Typ", sagt Küper. "Aber Humor ist manchmal die Rettung. Wenn der Mut der Verzweiflung nicht mehr hilft, dann gibt es immer noch den Humor der Verzweiflung." Zum Beispiel dann, wenn man Zeuge wird, wie die eigene Tochter bei der entscheidenden kognitiven Untersuchung die einfachste Frage auf dadaistische Weise beantwortet.

"Was ist nass und fällt vom Himmel", will der Psychologe wissen. "Ein Hund", antwortet die lustige Nina, die ganz in ihrer eigenen Welt lebt - in dieser Welt können eben auch mal Hunde vom Himmel fallen. So wie beim surrealistischen Maler Salvador Dalí die Uhren zerfließen: "An dieses Bild von Dalí musste ich oft denken, wenn meine Tochter wieder mal schrecklich getrödelt hat - die Zeit zerfließt dann förmlich." Ob beim Essen, beim Schuhebinden, beim Schwimmen, Klettern, beim Lernen in der Schule: Nina ist immer die Letzte.

Auf der Weltreise macht Wolf Küper, der begeisterte Kitesurfer, eine ähnliche Erfahrung, als er Mitglied bei einer ehrgeizigen Laufgruppe in West-Australien wird. Vor den Augen seiner Kinder geht er beim 4000-Meter-Rennen nicht nur lange nach den anderen ins Ziel, er bricht fast zusammen vor Schmerz und Überforderung. Danach schaut er in erstaunte Gesichter, Nina und Simon können es kaum glauben. Papa ist auf einmal der Allerletzte? Manchmal ist es auch ein Erlebnis, wenn man von den eigenen Kindern als Verlierer wahrgenommen wird. Das Schöne daran ist: Man kann sich von ihnen trösten lassen.

Als Kind hat Küper hautnah miterlebt, wie der Lebenstraum seines Vaters zerplatzte

Vier Jahre ist die Reise jetzt her. Die Familie lebt wieder in Bonn, und der Autor findet, dass er seinen Kindern sehr viel näher ist als früher. Nina geht auf eine weiterführende Inklusionsschule, in der es eine individuelle Betreuung gibt, "auch deshalb leben wir gerne hier, weil so etwas hier möglich ist". Simon besucht die Grundschule, Vera hat eine Stelle als Lehrerin gefunden. Die Weltreise hat wohl am meisten das Leben des Vaters durcheinandergewirbelt. Wolf Küper arbeitet heute in der Lehrerfortbildung. Aber er hat jetzt noch etwas Neues entdeckt: das Schreiben, "das würde ich gerne zum Beruf machen". Ob das klappt, nach dieser herzergreifenden Geschichte, die irgendwie auch ein Selbstläufer war, weil sich die Verlage darum rissen?

Ein Buch will er auf jeden Fall noch schreiben. Es geht um seinen Vater, einen renommierten Bariton an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, der mit 36 Jahren auf einmal seine Stimme verlor. Keine Auftritte mehr, kein Geld mehr, der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür. "Ich habe das damals als Kind alles hautnah miterlebt. Wie ein Lebenstraum zerplatzt." Aber kann man darüber überhaupt schreiben: über die Tragödie des eigenen Vaters, der auf der Bühne so viele Figuren verkörperte, dass er seinem Sohn, der neben der Souffleuse lauschen durfte, immer etwas rätselhaft blieb?

Wolf Küper sagt, dass sein Vater erst jetzt, nach mehr als 30 Jahren, seinen Frieden gemacht habe. "Ich glaube, er würde die Dinge lieber ruhen lassen. Wenn ich dieses Buch mache, dann geht das nur mit viel Humor." Eine schwierige Aufgabe, über die Menschen zu schreiben, die einem am nächsten sind: Man muss sie beschützen und gleichzeitig ehrlich sein. In "Eine Million Minuten" ist das schon mal geglückt.

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