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Familie als Glaubensfrage:Eine Zumutung, diese Eltern

"Leben und leben lassen" gilt nicht mehr, wenn Familienmodelle aufeinandertreffen: Vollzeitmütter hetzen gegen Karrierefrauen, dazwischen sticheln Teilzeiteltern. Ein Glaubenskampf, in dem es nur Verlierer gibt. Dabei könnten alle Gewinner sein.

Von Katja Schnitzler

Nach einem Vormittag im Büro sitzt die Mutter am Spielplatz, ihr Sohn spielt friedlich. Sie lässt Blicke und Gedanken schweifen. Dann verfinstert sich ihre Miene. Mitten im Sandkasten bespielt die Nachbarin ihre Tochter, für die sie sich aus dem Berufsleben verabschiedete. "Wahrscheinlich verblödet sie bald auf Kleinkindniveau. Dann sucht sich ihr Mann eine andere und sie bereichert die Armutsstatistik", denkt die Mutter gehässig und wendet sich demonstrativ ab.

Eine Kollegin hetzt vorbei, die erst kürzlich zur Mutter am Spielplatz gesagt hatte, sie könne sich wirklich nicht vorstellen, auf Teilzeit zu reduzieren. Die Mutter blickt auf die Uhr und grinst schadenfroh. Die Kollegin wird ihren Sohn wieder nicht rechtzeitig vom Kindergarten abholen. Zehn Minuten später muss die Kollegin den Vierjährigen am Spielplatz vorbeiziehen, zum Toben ist keine Zeit. "Und wenn sie es doch mal herschaffen, checkt Miss Traumkarriere Mails am Handy und ignoriert ihren emotional vernachlässigten Nachwuchs." Die Mutter hält inne, erschrocken über die eigenen Gedanken. Eigentlich hatte sie sich für toleranter gehalten.

Solch vernichtende Urteile würden Sie niemals fällen? Glückwunsch, Sie können stolz auf sich sein, denn Sie gehören zu einer edlen Minderheit. Etliche Eltern haben weniger Hemmungen, anderen Müttern und Vätern das Familienleben schwerer zu machen, als es sowieso schon ist. Und nicht alle schämen sich dafür.

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Je nach Familienmodell drücken sie anderen Stempel auf: "karrieregeil", "faul und verhuscht" oder "Teilzeit-Mamis, die auf Chefposten verzichten und damit die Emanzipation abwürgen" (denn meist sind es ja doch noch Mütter, die ihre Arbeitsstunden reduzieren). Hinter und auch vor diesen Eltern wird gestichelt und deren jeweiliger Lebensentwurf vernichtend kritisiert.

Also, modern ist das nicht. Solidarisch auch nicht, und tolerant schon gar nicht.

In der alten, wenn auch nicht unbedingt guten Zeit, blieben zwar weitaus mehr Frauen zu Hause. Wer bei "Mutter am Herd" aber an Frauen denkt, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, als Kuchen zu backen, den Kindern liebevoll über den Kopf zu streichen und geduldig die Welt zu erklären, ist offenbar unbedarft, stockkonservativ oder beides.

Denn dieses verklärte Idealbild aus dem vergangenen Jahrhundert gab es in der Realität so gut wie nie. Frauen waren zwar daheim, aber zum Kinder-Überbehüten kamen sie nicht - sie hatten genug zu tun, um Haus, Hof und Betrieb am Laufen zu halten. Es gab kaum öffentliche Betreuung, so dass die Jüngeren mit den Älteren allein um die Häuser, über die Felder und in die Wälder zogen. Sie hatten die Freiheit, sich mit sich selbst beschäftigen zu dürfen - zwangsläufig. Frauen, die nicht zu Hause blieben, mussten meist Geld verdienen, um die Familie durchzubringen. Ihr Nachwuchs bekam einen eigenen Namen: "Schlüsselkinder".

Was die schlimmsten Lästermäuler umtreibt

Nachdem Pillenknick und Emanzipation die Politiker so erschreckt hatten, dass sie die Kinderbetreuung ausbauten, stehen zumindest halbwegs gut situierten Eltern fast alle Möglichkeiten offen - ohne dass sie ihren Kindern den Hausschlüssel um den Hals hängen müssen. Solange sie einen Platz in Krippe, Kindergarten oder Hort ergattert haben, deren Öffnungszeiten halbwegs zum Job passen - und das Kind nicht überfordert ist von acht Stunden in der Kita-Großgruppe mit wechselnden Erziehern - haben Eltern die Freiheit, auszudiskutieren: Wer bleibt wann für wie lange beim Nachwuchs daheim? Und wer soll Teilzeit, ganztags oder im Haushalt arbeiten? Hauptsache es passt zur jeweiligen Familiensituation, und auch diese ist meist nur eine Phase: Es darf weiterverhandelt werden!

Nur warum regen sich ausgerechnet andere Eltern so furchtbar über diese Entscheidung auf, die sie gar nichts angeht - statt solidarisch zu sein? Und wenn das zu viel verlangt ist: Warum können viele Eltern andere Familien nicht einfach ihr Leben leben lassen?

Den Grund werden sich gerade die schlimmsten Lästermäuler am wenigsten eingestehen: Sie sind ja nur neidisch.

Das Modell der anderen stellt ihr eigenes Leben in Frage; sie gehen vorsorglich zum Angriff über, um selbst nicht angegriffen zu werden, dafür dass sie Hausfrau, Teilzeiter oder 40-Stunden-Arbeiter sind. Was diese Eltern bei den anderen aufregt: Sie führen ihnen die Optionen vor Augen, auf die sie selbst verzichten.

Was fehlt zum Glück?

Dann ist es unerträglich, wenn die Hausfrau von den Gehversuchen ihres Kindes schwärmt, während das eigene die ersten Schritte in der Kita machte. Oder wenn die Karrieremutter nicht über Zeitnot jammert, sondern berichtet, dass ihr ein spannendes Projekt anvertraut wurde. Statt sich mitzufreuen, denken die Neidischen an das eigene Dauerprojekt "Waschmaschine, Hausputz und Nahrung auf den Tisch bringen", das zwar in Anspruch nimmt, aber nicht wirklich anspruchsvoll ist. Da können sich Neidgeplagte schon mal unterschwellig kritisiert und in ihrem Selbstbild bedroht fühlen. Vielleicht sogar ein wenig minderwertig.

Und was hilft dagegen? Schnellstmöglich den anderen herabzusetzen, auf eine Stufe unter sich. So fühlen sie sich kurzfristig besser, aber der Neid bleibt. Statt sich aber die eigenen Wünsche bewusst zu machen, vergeuden Eltern ihre Energien in einem Glaubenskampf: Alle glauben, recht zu haben. Und wie das so ist mit Glaubenskriegen, werden alle zu Verlierern. Dabei wäre gewinnen gar nicht so schwer.

Was dafür nötig ist, gibt es im Überfluss: Neid - wenn man ihn zu nutzen weiß.

Zugegeben, Neid hat keinen sonderlich guten Ruf in der Gefühlswelt. Aber Neid ist ein Antrieb, um Dinge zu verändern - zum Besseren. Nur wer sagt, "das will ich auch haben/machen/können", rafft sich auf, sein Leben anders zu gestalten und so zufriedener zu werden. Dafür muss man gnadenlos ehrlich sein, gegenüber sich selbst: Warum regt mich das Leben der anderen eigentlich so sehr auf?

Wer seine Angst erkennt, nach Jahren zu Hause den Wiedereinstieg in den Beruf nicht zu schaffen, kann vielleicht in Fortbildungen investieren. Wer anderen die Zeit mit den Kindern neidet, macht den Kollegen klar, dass er künftig nach Feierabend keine Mails mehr beantwortet, um sich ganz dem Nachwuchs zu widmen. Und wem klar wird, dass ihm der Teilzeitjob nicht mehr genügt, kann vielleicht mit einem zeitlich begrenzten Projekt ausprobieren, wie sich Mehrarbeit mit dem Familienalltag vereinbaren lässt.

Es ist also sinnvoll, genau auf die anderen zu schauen - um so zu erfahren, was man am eigenen Familiengefüge ändern will. Oder dass man letztlich zufrieden sein kann mit seinem Leben, wie es gerade ist.

Dafür brauchen wir ein neues Glaubensbekenntnis: Ich glaube, dass es noch andere Familienmodelle neben meinem gibt. Ich glaube an deren Berechtigung, selbst wenn ich nicht unbedingt so leben möchte. Jedenfalls nicht zurzeit. Und ich glaube fest daran, dass allein wichtig ist, dass es meiner Familie gutgeht - egal, was die anderen sagen.

Dann kann man auch mal etwas völlig Verrücktes ausprobieren: Andere leben und erziehen lassen, wie sie wollen.

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© SZ.de/olkl/dd/cat
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