Fabelwesen:Ungeheuer gut

Fabelwesen: "Ich brauche das Arbeiten mit den Händen": Der Drache aus dem "Drachenreiter", gezeichnet von Cornelia Funke.

"Ich brauche das Arbeiten mit den Händen": Der Drache aus dem "Drachenreiter", gezeichnet von Cornelia Funke.

(Foto: Dressler, Cornelia Funke)

Heute sind sie Freunde und Beschützer der Menschen, früher galten sie als das pure Böse: Über die erstaunliche Verwandlung der Drachen, die dabei aber in einem immer gleich bleiben.

Von Barbara Hordych

Als tollpatschige und liebenswerte Gestalten beflügeln sie die Fantasie in Kinderbüchern - der kleine Drache Kokosnuss etwa, Tabaluga aus Grünland oder Koks mit der Feuerzeugnase. Später in Fantasy-Büchern und -Filmen wie "Drachenreiter", "Eragon" oder "Elliot der Drache" sind die Drachen dann wertvolle Freunde und Beschützer von Menschen. Doch das war nicht immer so. Über Jahrtausende galt der Drache als das pure Böse. Ein grässliches Ungeheuer, das Angst und Schrecken verbreitete, das es zu töten galt. Eine erstaunliche Entwicklung. Wie konnte es dazu kommen?

So wie Einhorn, Sphinx oder Wolfsmenschen gehört der Drache zu den fantastischen Tieren, ist selbst aber das fabelhafteste aller Fabeltiere. Geschichten von Drachen erzählen sich Menschen fast überall auf der Welt. Der Begriff Drache kommt vom griechischen Wort "dracon", was so viel bedeutet wie "große Schlange". Viele Erzählungen stellen Drachen als besonders langlebige Wesen dar, manchmal sollen sie unsterblich sein. Sie hausen in Höhlen oder im Meer. Oft gelten Drachen als gierig, bewachen wertvolle Schätze.

Wofür aber waren die Drachen da? Zuallererst, um sie zu besiegen. Drachen sind die Gestalten, an denen Helden ihren Mut beweisen konnten. Ein solcher ist etwa der Held Siegfried aus dem Nibelungenlied. Ihm gelingt es, den "greulichen Wurm" zu besiegen und den wertvollen Nibelungen-Schatz zu bergen. Er badet im Blut der getöteten Bestie und wird so unverwundbar. Aber ein Lindenblatt fällt auf seiner Schulter. Dort bleibt Siegfried verletzbar - und stirbt später auch durch eine Wunde an genau dieser Stelle.

Oft ging es in den Heldengeschichten auch darum, schöne Jungfrauen und Prinzessinnen aus der Gefangenschaft der Drachen zu befreien. Schon in der griechischen Mythologie erzählt eine Sage von dem Helden Perseus, der die schöne Königstochter Andromeda rettet. In der Bibel kämpft der Erzengel Michael gegen einen Drachen mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Ein christlicher Drachentöter ist auch der Heilige Georg, der einen Drachen bezwingt und dadurch eine Königstochter davor bewahrt, gefressen zu werden.

In Deutschland erzählen sich besonders die Menschen in der Region nahe des Rheins Geschichten von Drachen. Im Siebengebirge gibt es beispielsweise den Drachenfels, wo früher ein Drache gehaust haben soll. Manche sagen, es sei genau der Drache, den Siegfried einst getötet hat. Jedenfalls steht noch heute auf dem Berg eine Ruine, die Burg Drachenfels. Im bayerischen Furth wird jedes Jahr im August "der Drache gestochen", also getötet. Und das seit über 500 Jahren. Die Rolle des Untiers übernimmt dort heute der größte mobile Roboter der Welt, der sogar in das Guinnessbuch der Rekorde eingetragen ist.

Und wie wurde nun aus dem grässlichen Ungeheuer von früher der Beschützer und Kamerad der Fantasy-Helden von heute? So sehr sich der Drache selbst auch verändert hat - das, was gleich geblieben ist, ist seine Kraft, Menschen zum Helden zu machen. In den Erzählungen früher mussten sie ihn dafür töten. Heute muss der Held den Drachen zähmen, wird zum Drachenreiter oder belebt die ganze Drachenspezies wieder so wie die silberhaarige Daenerys Targaryen in der Fantasy-Serie "Game of Thrones". Gegen das Böse kämpfen sie dann gemeinsam: Mensch und Drache, Seite an Seite.

© SZ vom 17.12.2016
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