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Eye Contact Experiments:Schau mir in die Augen, Fremder

Eye Contact Experiment in Athen.

(Foto: mauritius images)

Bei sogenannten Eye Contact Experiments schauen sich zwei Fremde minutenlang an, ohne zu sprechen. Viele Teilnehmer suchen Nähe - und finden vor allem sich selbst.

Lena hat sich den Stuhl gegenüber von Jens ausgesucht. Die junge Frau berührt ihn kurz an der Schulter und nickt, dann geht es los: Die beiden sehen sich tief in die Augen. Es ist eine Auseinandersetzung mit Blicken. Sehen, dass man angesehen wird. Lenas Rücken ist kerzengerade, wie bei einer Meditation. Sie lächelt Jens versonnen an. Der blinzelt nervös durch seine rahmenlose Brille zurück und sieht aus, als wolle er etwas sagen.

Doch beim "Eye Contact Experiment" ist Reden verboten. Es ist eine Übung, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, Nähe zu erzeugen, ohne zu sprechen. Das Prinzip klingt einfacher, als es ist: Zwei Fremde schauen sich in die Augen, minutenlang, manchmal stundenlang, und sagen kein Wort.

Was denkt sie, was ich denke, was sie denkt?

Als sich Jens an der Nase zupft, zieht Lena eine Schnute, als würde es auch bei ihr jucken. Die Spiegelneuronen tun ihren Dienst. Wissenschaftler nennen es "Chamäleon-Effekt", wenn zwei Menschen die Signale des anderen unbewusst wiederholen. Einfühlung ist nämlich zuallererst ein körperlicher Prozess: Wenn wir angelächelt werden, lockert sich auch unsere eigene Mimik. Das Gefühl der Entspannung, das wir dabei erleben, schreiben wir dem Gegenüber zu. Das funktioniert sogar bei Smileys. Der Körper schüttet das Zufriedenheitshormon Serotonin aus, und wir denken, dem Smiley gehe es gut.

Lena und Jens gehen gemeinsam raus vor die Tür, wo andere Teilnehmer des Experiments schon stehen und sich unterhalten, die meisten sind Studenten. Im Strascheg Center for Entrepeneurship, das zur Hochschule München gehört, treffen sich sonst junge Unternehmer zum Positiv-Denken und Ressourcen-Mobilisieren. "Stell dir vor, die Zukunft wird wunderbar - und du bist schuld!", steht auf einem Poster, gleich neben der Dose für die freiwilligen Unkostenbeiträge. Jens hat die Sitzung mit Lena nach zehn Minuten beendet. Er habe sich, sagt er, gefühlt, "als hätte man etwas im Mund und würde es nicht runterschlucken".

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Jetzt erst erfahren die beiden, wer der andere eigentlich ist. Jens ist 27 und für seine Medizin-Promotion nach München gekommen, war neugierig, "emotional unterfordert". Lena, 29, sieht im "Kontakten" einen Ausgleich zur Anonymität ihres Bürojobs, des Internets, des 21. Jahrhunderts. Ein Schlangentattoo zieht sich ihren Nacken abwärts und verschwindet in einem bunten Trägertop. Weil es aus dem Nichts kam, war Lenas Lächeln für ihn komplett unergründlich, erklärt Jens. Das habe ihn irritiert: "Meint sie überhaupt mich?" Schließlich kannte sie nicht einmal seinen Namen und er hätte ja auch ein Kinderschänder sein können. Außerdem wisse man während des Experiments, dass jede noch so kleine Regung der Mimik und der Haltung aufmerksamer als sonst registriert und interpretiert wird.

Was denkt sie, was ich denke, was sie denkt? Lena hingegen sagt, sie habe Jens gespürt, so wie man das Wetter spürt, oder einen Geist. Nicht so sehr als Person, sondern als "etwas, das einfach da ist". Seine Angst, auch dass es in ihm arbeitet, habe sie gesehen. Allerdings wisse sie, dass diese Dinge nicht mit ihr, sondern mit ihm zu tun hatten. Also habe sie ihm einfach "diese teilnahmslose Offenheit" geschenkt, die sie sogar körperlich in der Brust spüren könne, bei jedem "Kontakt". Jens sieht sie verstohlen von der Seite an, während sie von einem inneren Licht erzählt.

Flirten die beiden etwa? "Nein", erklärt Alena, eine 24-jährige Studentin, "darum geht es hier nicht." Zwar kommt es vor, dass sich manche Männer auffällig oft hübschen jungen Frauen gegenübersetzen, aber die Organisatoren achten darauf, dass aus der Veranstaltung keine Single-Börse wird.

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