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Expertentipps zur Erziehung:"Nutzen Sie den Alltag"

Süddeutsche.de: Was raten Sie diesen Eltern?

Frevert: Es soll kein Druck entstehen, damit die Kinder ihre Freude an der Kommunikation behalten. Wichtig ist, entspannte Gesprächssituationen zu schaffen. Sie können sich zum Beispiel abends Zeit für ein Bilderbuch nehmen und nicht nur die kurzen Texte vorlesen, sondern kleine Geschichten zu den Bildern erzählen - und dabei die Kinder mit einbinden, ohne sie abzufragen.

Süddeutsche.de: Also ist es mit "Wo ist die Kuh?" nicht getan?

Frevert: Besser sind Fragen wie "Was ist denn das für ein Tier? Oh, eine Kuh. Was macht denn die Kuh da?" Dabei sollten Eltern jeden Kommunikationsversuch des Kindes honorieren, wenn statt "Kuh" immer nur "Mmm" kommt, nicht auf das korrekte Wort drängen. Sondern das Angebot des Kindes aufgreifen und sagen, "genau, die Kuh macht muh. Und schau nur, sie frisst Gras." Wer das zehn Minuten jeden Abend macht, fördert sein Kind enorm.

Süddeutsche.de: Reicht das denn aus?

Frevert: Bei vielen Kindern: Ja. Eltern müssen um Gottes willen nicht immer auf das Kind einreden. Jede gestresste Mutter hat das gute Recht, auch mal schweigend mit dem Kind spazieren zu gehen. Aber man kann sich angewöhnen, mehrere "Sprachinseln" in den Tag einzubauen und zum Beispiel seine Alltagstätigkeiten nicht immer still zu verrichten, sondern sie sprachlich zu begleiten. So hören die Kinder dieselben Wörter immer und immer wieder - nur so erweitern sie ihr Vokabular und lernen die richtige Grammatik gleich mit. Ich kann schweigend den Tisch decken oder aber sagen "Jetzt decken wir den Tisch, wo sind denn die Gläser. Trägst du dein Glas selbst zum Tisch?" Gut ist es, sich zu überlegen, was mein Kind interessiert: Wenn der Sohn Baustellen liebt, schauen Sie dort öfter vorbei und sprechen Sie über Bagger und Kräne, deren Farben und was diese Maschinen gerade machen.

Süddeutsche.de: Manche Kinder ersetzen den fehlenden Wortschatz durch eine ganz eigene Lautsprache, die meist nur ihre Familien verstehen. Sollen Eltern für andere übersetzen?

Frevert: Ja, denn das Kind will ja kommunizieren und ein guter Gesprächspartner sein. Es kann nur einfach noch nicht sprechen. Also sollten sich Eltern kurz in das Kinderspiel einschalten und dem anderen Kind erklären "Ich glaube, er will den Bagger."

Süddeutsche.de: Andere "späte Sprecher" kommen auch mit Gesten gut klar, was gerade von Außenstehenden oft als "maulfaul" ausgelegt wird ...

Frevert: Das ist aber keine Faulheit. Wenn sie es können, werden die Kinder sprechen. Bis dahin sollte man ihnen helfen, indem man auf die Gesten eingeht, aber mit Worten. Wenn das Kind etwa auf das Milchglas zeigt, sagen die Eltern: "Du möchtest die Milch? Warte, ich gebe dir deine Milch gleich." Je öfter das Wort wiederholt wird, desto eher nimmt es das Kind in seinen Wortschatz auf. Und irgendwann kommt dann "Mi" statt der Geste.