Expertentipps zur Erziehung:"Übers Zähneputzen sollten Eltern nicht verhandeln"

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Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten die Zähne putzen. Muss das sein, fragen sich nicht nur die Kinder?

(Foto: Kzenon - Fotolia)

Manche Kinder verweigern, sobald sie die Zahnbürste sehen, andere halten nie drei Minuten durch: Kinderzahnärztin Jutta Hübner erklärt im Interview, wie Eltern Streit ums Zähneputzen vermeiden und es von Anfang an zum festen Ritual machen.

Von Katja Schnitzler

Jedes Kind hat mal keine Lust, sich die Zähne zu putzen. Jutta Hübner weiß aus ihrer Praxis für Kinderzahnheilkunde, wie man die Kleinen für Mundhygiene begeistern kann.

SZ.de: In manchen Familien gibt es jeden Morgen und jeden Abend Streit ums Zähneputzen. Was läuft da schief?

Jutta Hübner: Da geht es oft weniger um das Zähneputzen, sondern darum, in einem typischen Eltern-Kind-Kampf Grenzen abzustecken. Mütter und Väter, denen Konsequenz generell schwerer fällt, haben da auch mehr Probleme. Aber Eltern sollten sich nicht immer wieder auf Diskussionen übers Zähneputzen einlassen. Es ist zu wichtig, um ständig darüber zu verhandeln. Diesen Müttern und Vätern hilft es, das Zähneputzen zu einem festen Ritual zu machen und es bei kleinen Kindern zum Beispiel immer mit demselben Lied oder einer Geschichte zu begleiten.

Ab welchem Alter sollten Eltern damit anfangen?

Mit dem ersten Milchzahn. Sie setzen das Kind auf den Schoß oder legen es auf den Wickeltisch, schmücken dieses Ritual etwa mit einem Gedicht aus, und das Putzen geht sowieso schnell. Im ersten Lebensjahr würde sogar noch einmal am Tag ausreichen. Aber ich empfehle immer, gleich morgens und abends zu putzen, um das Kind von Anfang an daran zu gewöhnen.

Aber gerade in der Trotzphase stellen Kinder solche Rituale in Frage. Was tun, wenn sich die Kleinen hartnäckig verweigern?

Durch die Trotzphase müssen leider alle durch, Kinder und Eltern. Manchmal helfen spannende Geschichten, zum Beispiel von kleinen Rittern, die mit ihren Bürstenschwertern gegen Zahnschmutzfinken kämpfen. Oder Elfen, die mit ihren Zauberbürstchen die Zähne zum Glitzern bringen. Wenn das alles nichts nützt, dürfen die Eltern aber nicht aufgeben. Je häufiger die Kinder mit ihrer Verweigerungshaltung durchkommen, desto öfter versuchen sie es. Zur Not setzt ein Elternteil das Kind auf den Schoß und hält es fest. Und der andere kitzelt, bis der Mund aufgeht. Aber oft hilft es schon, dem Kind zuzugestehen, dass es ja jetzt schon "groß" sei und es deshalb selbst mitmachen dürfe: Dann putzen Mutter oder Vater mit einer Zahnbürste erst die eine Seite, während das Kind mit einer zweiten Bürste auf der anderen Seite werkelt, dann werden die Seiten gewechselt.

Wann können Kinder wirklich selbständig Zähne putzen, ohne dass die Eltern nachsäubern?

Sie müssen feinmotorisch so weit sein, dass sie durch Drehen und Wenden der Bürste an alle Zahnseiten kommen. Das ist meistens dann der Fall, wenn sie die Schreibschrift flüssig beherrschen, also im Lauf der zweiten Klasse. Vorschulkinder, die gut und gerne malen, dürfen auch schon morgens alleine putzen, während die Eltern abends noch nacharbeiten.

Vielen Kindern dauern die empfohlenen drei Minuten einfach zu lang. Wie kann man sie zum Durchhalten motivieren?

Viel wichtiger als die Zeit ist, dass die Kinder alle Flächen erwischen. Sie beginnen mit den Kauflächen, dann bearbeiten sie von einer Seite zur anderen die Außenseiten, danach alle Innenseiten. Wenn die Kinder nach diesem Schema geputzt haben, sind sie fertig - auch wenn drei Minuten noch nicht um sind. Die sind für Vorschulkinder noch viel zu lang. Ganz Faule dürfen auch nebenbei Fernsehen oder Comics anschauen - solange die Eltern darauf achten, dass die Kinder trotzdem das Putzschema einhalten.

Wie Kinder Karies bekommen

Zähneputzen im Wohnzimmer? Da geht doch bestimmt was daneben ...

Ein erbsengroßer Zahnpastaklecks reicht aus, ihren Speichel können die Kinder in einen Becher spucken. Und Wasser zum Ausspülen brauchen sie nicht, denn sie sollten sowieso nicht nachspülen. Wenn das Fluorid aus der Pasta direkt an den Zähnen bleibt und nicht größtenteils abgewaschen wird, schützt es deutlich besser vor Karies.

Damit Kinder gar nicht erst Karies bekommen, sollen sie immer eigene Löffel bekommen. Wieso eigentlich?

Karies ist eine Infektionskrankheit, die Bakterien werden im Speichel übertragen - auch wenn Eltern den Schnuller oder Löffel ablecken und dann weiterreichen. Die Mundhöhle des Kleinkindes ist noch kaum mit Bakterien besetzt. Je älter die Kinder sind, desto mehr gute Bakterien haben sich im Mund angesiedelt, so dass für die Karieserreger einfach weniger Platz ist. Daher sollten auch die Eltern auf eine gute Prophylaxe bei sich selbst achten: Haben sie weniger Kariesbakterien im Mund, ist die Ansteckungsgefahr geringer.

Die Vorsätze sind meist gut, aber wenn die Kinder abends übermüdet sind, erlassen viele Eltern schon mal das Zähneputzen. Wie sehr schadet das?

Wenn es eine Ausnahme bleibt, bekommt man von einmal Nichtputzen keine Probleme. Aber die Kinder müssen ja verinnerlichen, wie wichtig das Ritual des Zähneputzens morgens und auch abends ist. Also sollte man es nicht zu oft ausfallen lassen. Und lieber die Kinder bald nach dem Abendessen zum Zähneputzen schicken, bevor sie vor Müdigkeit nicht mehr können. Danach dürfen sie dann noch eine halbe Stunde spielen - und nicht umgekehrt.

Dr. Jutta Hübner ist ausgebildete Kinderzahnärztin und hat ihre Praxis in Neuried bei München. Dort zaubert sie gemeinsam mit den kleinen Patienten den Behandlungsstuhl erst einmal in die richtige Position, bevor sie die Milchzähne zum "Glitzern" bringt.

Es ist doch wirklich kein Problem, sich morgens und abends die Zähne zu putzen, denken Eltern. Doch, das ist es, denken die Totalverweigerer unter den Kindern. Und halten zweimal am Tag die Klappe. Hier lesen Sie die Erziehungskolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn".

© Süddeutsche.de/dd
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