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Expertentipps zur Erziehung:Eltern haben eine falsche Sicht auf die Dinge

Tausendmal gesagt, tausendmal hat es nichts genützt. Macht es Sinn, auf ein Kind einzureden, das mit leerem Blick durch einen hindurchschaut? Psychologin Silke Rieckenberg erklärt, wie Eltern ihr Ziel ohne ständiges Schimpfen erreichen - und endlich wieder Gehör bei Kleinkindern und auch Jugendlichen finden.

Jede Mutter und jeder Vater ruft irgendwann einmal diesen Satz: "Habe ich dir nicht schon tausendmal gesagt, dass du nicht ..." Doch das Kind hört offenbar nicht zu. Die Psychologin und ausgebildete Psychotherapeutin Silke Rieckenberg weiß, wie Eltern ihr erzieherisches Ziel erreichen können, ohne ständig Schimpfen zu müssen. Das vermittelt sie als Ausbilderin auch Pädagogen, Erziehern und Eltern mit dem Trainingsprogramm Triple P (Positive Parenting Program), das unter anderem die Kommunikation in der Familie verbessern soll.

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"Hör! Mir! Zu!" Es gibt leisere und weniger stressige Wege, um sich bei seinem Kind Gehör zu verschaffen.

(Foto: Richard Clark/iStockphoto)

Süddeutsche.de: Mütter und Väter wiederholen hundert- und gefühlt tausendmal ihre Verbote und dennoch machen Kinder immer und immer wieder dasselbe falsch. Was läuft da schief?

Silke Rieckenberg: Eltern müssen berücksichtigen, dass jederzeit folgsame Kinder unrealistisch sind. Mit dem Alter werden sie unabhängiger und wollen auch eigene Entscheidungen treffen. Wir haben viele erlernte soziale Regeln im Kopf, die das Kind aber noch nicht kennen kann, es hat ja nicht unsere Erfahrung. Und wenn wir diese Regeln voraussetzen, ohne sie zu äußern, klappt das nicht. Wenn jedoch den ganzen Tag lang eine Aufforderung nach der anderen auf das Kind einprasselt, bekommt es das Gefühl, es sowieso nicht recht machen zu können. Und hört dann gar nicht mehr hin.

Süddeutsche.de: Wann ist der richtige Zeitpunkt, solche Regeln zu vermitteln?

Rieckenberg: Am besten schon im Vorhinein: Besprechen Sie vor dem Gang zum Spielplatz sowohl, welches Verhalten im Sandkasten in Ordnung ist, als auch was Sie nicht wünschen, etwa mit Sand werfen oder beim Restaurantbesuch Herumrennen zwischen den Tischen. Und erklären Sie auch, warum Sie das nicht wünschen, auch schon kleinen Kindern. Gerade beim Essengehen hilft zusätzlich die richtige Vorbereitung, indem Sie überlegen, was Sie zur Beschäftigung mitnehmen. Wenn Kinder nämlich eine halbe Stunde nur ruhig am Tisch sitzen sollen, machen sie sich die Situation selbst interessant. Das ist dann meist nicht im Sinne der Eltern.

Süddeutsche.de: Nun schleudert das Kind aber vergnügt mit Sand auf den Nebenmann, die Eltern müssen reagieren, belohnen den kleinen Übeltäter also mit Aufmerksamkeit - ein Dilemma ...

Rieckenberg: Nicht, wenn man es richtig macht. Man muss nicht bei jedem kleinen Fehler gleich eine Ermahnung quer durch den Raum rufen, die kommt sowieso nicht an. Sondern sich überlegen, ob einem die Angelegenheit wirklich wichtig ist, oder ob das Verhalten doch noch tolerabel ist. Wenn andere Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden, muss man natürlich aktiv werden. Das heißt, nicht von der Spielplatzbank herüberschreien, sondern zum Kind gehen, es direkt ansprechen und sagen, was man sich wünscht: "Hör bitte auf, mit Sand zu werfen, der tut in den Augen weh. Schaufel den Sand stattdessen in den Eimer."

Süddeutsche.de: Muss diese Anweisung so exakt sein?

Rieckenberg: Oft wissen Kinder nicht gleich, was sie statt des Fehlverhaltens tun könnten, diese konkrete Handlungsorientierung hilft ihnen da heraus. Wenn sie dann normal weiterspielen, sollten Eltern das loben. So unterstützen sie das Verhalten, das sie sich wünschen - und nicht das Sandwerfen. Wer nur schimpft, belohnt ohne es zu wollen unangemessenes Benehmen mit Aufmerksamkeit.

Süddeutsche.de: Was unternehmen die Eltern, deren Kind dennoch weiter den Sand lieber auf den Nachbarn als in den Eimer schaufelt?

Rieckenberg: Dann müssen sie das Kind aus der Situation holen mit einer kurzen, logischen Konsequenz, zum Beispiel muss es zwei Minuten raus aus dem Sandkasten. Dabei kann man das Kind auch an die Regeln erinnern, die man vereinbart hatte. Nach dieser wirklich nur kurzen Auszeit darf das Kind wieder in den Sandkasten - und wird gelobt, wenn es nun normal spielt. Wer aber wutentbrannt Kind und Spielzeug packt und nach Hause rauscht, bringt das Kind um diese Chance, sich zu bewähren. Und sich selbst auch.

Süddeutsche.de: Wenn Eltern schimpfen, schauen viele Kinder sie nur mit einem eher leeren Gesichtsausdruck an. Dringt da irgendetwas von dem Gesagten zu ihnen durch?

Rieckenberg: Viele Eltern erklären und erklären und erklären in der Hoffnung, dass es bei ihrem Kind irgendwann "Klick" macht. Aber wenn Kinder in derselben Situation immer wieder dasselbe hören, schalten sie ab. Es ist zwar durchaus wichtig, die möglichen Folgen einer Handlung zu erläutern, aber nicht sechsmal hintereinander. Da bringt eine zweiminütige Auszeit langfristig mehr.

So dringen Eltern auch zu älteren Kindern durch

Süddeutsche.de: Ältere Kinder haben andere Ansprüche als Kleinkinder. Wie sollte ein Gespräch zwischen Eltern und Schulkindern ablaufen?

Rieckenberg: Letztlich ist es das gleiche Prinzip: Regeln erklären und begründen sollte man schon bei kleinen Kindern. Je älter sie sind, desto mehr Entscheidungsspielraum wollen die Kinder haben, also sollten Eltern Alternativen in Aussicht stellen: Etwa abends beim Schlafengehen wählen lassen, ob das Kind lieber noch eine Viertelstunde spielt oder direkt ins Bett geht und noch etwas vorgelesen bekommt.

Süddeutsche.de: Jugendliche verweigern das Gespräch oft ganz. Wie halten Eltern die Kommunikation aufrecht?

Rieckenberg: Sie müssen überlegen, was ihre Kinder interessiert - und zwar in jedem Alter. Dort sollten sie Anknüpfungspunkte finden beziehungsweise Interesse zeigen. Allerdings nicht ausfragen, sonst fühlen sich die Jugendlichen kontrolliert. Dabei spielt die Vorbildfunktion eine wichtige Rolle, etwa wenn beim gemeinsamen Essen die Eltern auch von ihrem Tag erzählen.

Süddeutsche.de: Nun ist es eine Sache, mit Pubertierenden überhaupt im Gespräch zu bleiben, und eine andere, gezielt Probleme zu besprechen, zum Beispiel zu spätes Nachhausekommen ...

Rieckenberg: Solche Gespräche sollten nicht zwischen Tür und Angel stattfinden, sie sollten sich vielmehr Zeit nehmen und sich dafür verabreden. Dabei sollten zunächst die Eltern ihre Gedanken und Bedenken schildern, aber auch den Jugendlichen die Gelegenheit dazu geben. Dann erarbeitet man gemeinsam, wie die Eltern Sicherheit von den Jugendlichen bekommen, etwa dass sie rechtzeitig nachts heimkommen. Andererseits sollte auch besprochen werden, wie die Eltern die Jugendlichen in ihren Bedürfnissen unterstützen können, zum Beispiel indem sie sie im Wechsel mit den Eltern der Freunde nachts abholen. Zudem müssen die Eltern ihr eigenes Verhalten reflektieren: Wer selbst nicht pünktlich kommt, kann das auch nicht von seinen Kindern erwarten. Eltern können viel tun, dass Kinder kooperieren, indem sie Positives fördern, statt nur genervt auf Negatives zu reagieren. Selbst darauf zu achten, was gut läuft, und dann zu loben, ist weitaus befriedigender als falschem Verhalten hinterherzuschimpfen.

Süddeutsche.de: Nun haben die Eltern Regeln und Konsequenzen besprochen, haben gelobt und sind, wenn nötig, eingeschritten - trotzdem macht das Kind schon wieder dasselbe falsch. Was können Eltern jetzt noch tun?

Rieckenberg: Nach der Situation besprechen, was gut funktioniert hat - und was nächstes Mal anders werden soll. Überlegen Sie gemeinsam mit den Kindern, wie Sie das hinbekommen. Wer Kinder mit einbezieht, wird überrascht sein, was für gute Ideen sie haben.

Hier finden Sie die Erziehungskolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn" zum Thema: "Tausendfache Raserei"