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Experten-Tipps zur Erziehung:Geduldsprobe im Restaurant

Spielzeug beim Essen? Benehmen sich die Kinder dann nicht erst recht daneben?

Das sollte tatsächlich eine Ausnahme bleiben, denn eine Hauptaufgabe der Eltern ist es, dem Essen Priorität einzuräumen. Und die kleinen, lehrreichen Theaterstückchen sind ein Spiel um das Thema Essen, aber nicht mit dem Essen. Die Erwachsenen müssen sich aber auch daran halten und nicht am Tisch telefonieren oder SMS schreiben. Neulich habe ich eine Familie in einem Restaurant gesehen, da saß der Vater mit dem Laptop da, die Mutter mit dem iPhone und das Kind mit dem iPad - alle schweigend, jeder für sich. Furchtbar.

Gerade im Restaurant sind Eltern aber manchmal ganz froh über ablenkendes Spielzeug.

Das ist klar, schließlich wollen Eltern langsam essen und sich unterhalten, während den Kindern dabei todlangweilig wird. Dennoch sollte gelten: "Solange wir essen, isst du ebenfalls und spielst nicht." Aber dann müssen sich die Eltern natürlich auch mit den Kindern unterhalten. Haben alle aufgegessen und die Eltern gehen zum gemütlichen Plausch über, dürfen die Kinder dann lesen oder auch Nintendo spielen. Aber das gemeinsame Essen ist es wert, gewürdigt zu werden. Väter und Mütter sollten es selbst genießen und dabei nicht Themen aus dem Alltag diskutieren.

In vielen Familien sehen sich aber alle Mitglieder - wenn überhaupt - nur zum gemeinsamen Mahl. Und da soll man nicht besprechen, was am Tag wichtig war?

Natürlich dürfen Sie erzählen, sollen es sogar. Es ermutigt Kinder, auch ihre Gefühle und Erlebnisse zu offenbaren, wenn sie hören, dass es den Vater heute geärgert hat, dass er die U-Bahn knapp verpasst hat. Allerdings sollten die Kinder nicht ausgefragt und ihre Themen sofort bewertet oder gar abgewertet werden. Etwa wenn ein Schüler erzählt, dass er in Mathe an die Tafel musste. Wenn dann nach zwei Sätzen die Frage der Eltern kommt, "Warum hast du das wieder nicht gekonnt?", haben sie so etwas zum letzten Mal erfahren. Und das Essen macht dem Kind bestimmt auch keinen Spaß mehr. Stellen Sie sich mal vor, Ihr Kind fragt Sie bei der gemeinsamen Mahlzeit: "Warum hast du dich bei dem Meeting wieder nicht zu Wort gemeldet? Das muss nächstes Mal besser werden!"

Elisabeth Bonneau arbeitet als Kommunikationstrainerin und war davor 20 Jahre lang Lehrerin am Gymnasium: "Da habe ich gemerkt, dass es mit Kindern leichter ist, wenn man es ihnen nicht so schwer macht." Sie ist Autorin zahlreicher Knigge-Ratgeber, unter anderem des "Großen Ess- und Tischknigge" und von "Spaghetti, Jeans und flotte Sprüche - Knigge für Kids".

Es gibt Familien, in denen schmatzen die Kinder nicht, sie meckern nicht, sie zappeln nicht - und bleiben am Tisch sitzen, bis alle aufgegessen haben. Leider gehören derart vorbildliche Tischmanieren in der eigenen Familie nicht zum Standard-Repertoire. Die Erziehungskolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn".

© Süddeutsche.de/holz/rus
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