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Europas größte Hähnchenschlachtfabrik:Bis aufs Blut

Drinnen rasen am Förderhaken tote Hähnchen vorbei, draußen ketten sich Demonstranten an - und Niedersachsens Ministerin für Tierschutz blamiert sich. In Franz-Josef Rothkötters Schlachtfabrik sterben jährlich 120 Millionen Hähnchen. Bei Tierschützern ist er verhasst, vor allem, seit er expandieren will. Ein Besuch.

Franz-Josef Rothkötter ist ein Mann, der Zahlen mag. Bevor er den Besucher durch seine Fabrik führt, beschreibt er den Betriebsablauf deshalb von der rechnerischen Seite: Bei zwei Schlachtlinien mit einer Kapazität von je 3,33 Hähnchen pro Sekunde macht das 23.976 Stück pro Stunde, 384.000 Stück am Tag oder genau 119,808 Millionen Stück im Jahr. In Kilogramm umgerechnet sei das ein Viertel der deutschen Hähnchenproduktion, führt Rothkötter aus, 200.000 Tonnen Fleisch pro Jahr - und das alles aus diesem einen Betrieb hier in Haren an der Ems in Niedersachsen. Von außen sieht er aus wie eine Schrauben- oder Kartonagenfabrik, nicht aber wie die größte Hähnchenschlachterei Europas. Aber Größe allein, sagt Rothkötter, sei kein Wert an sich. Es gehe ihm vielmehr um ein gutes Endprodukt und um Effizienz.

"Wir können ja auch sagen, wir produzieren in China": Franz-Josef Rothkötter führt Europas größte Hähnchenschlachtfabrik.

(Foto: Sebastian Beck)

Ein paar Packungen mit dem Endprodukt hat er in einer Designerküche ausgestellt, die auch als Besprechungsraum dient. Wie ein Schrein ist die Kühlvitrine in der Wand eingelassen. Blassrosa leuchten darin Hähnchenschenkel, Flügel, marinierte Minutenschnitzel und Filets. Discounter und Fastfoodketten, sie alle zählen zu den Kunden von Emsland Frischgeflügel. Fast jeder Deutsche hat irgendwann einmal Hähnchen aus Rothkötters Fabrik gegessen - Vegetarier und Tierschützer ausgenommen. Rothkötter, Jahrgang 1961, ist der Hähnchenfürst an der Ems, Chef von 1250 Mitarbeitern, ein Mann, der nach eigenem Bekunden nur vor drei Dingen Angst hat: vor Vogelgrippe, Fleischskandalen und vor Feuer.

Genau deshalb aber hat Rothkötter allen Grund, sich Sorgen zu machen.

Anfang August wurde im niedersächsischen Sprötze die Baustelle eines Maststalls für 36.000 Hähnchen in Brand gesteckt. Der Betrieb hätte für ihn vom kommenden Jahr an Tiere zuliefern sollen. Jetzt sitzt Rothkötter in seiner Musterküche und zeigt ein anonymes Bekennerschreiben. Es endet mit den Sätzen: "Wir möchten dazu ermutigen, für die Befreiung aller Individuen von jeglicher Form der Herrschaft auf seine/ihre Weise zu kämpfen. Für die Freiheit aller Tiere!"

Rothkötter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: "Ich begreife das alles nicht mehr", sagt er über den Widerstand gegen die Expansionspläne seines Unternehmens. Mit dem Leben als unauffälliger Geschäftsmann in der norddeutschen Provinz ist es jedenfalls vorbei. Denn plötzlich findet sich der Betriebswirt inmitten einer Diskussion wieder, in der es nicht nur um eine neue Fabrik oder um Fragen der Kühlung geht, sondern um sehr Grundsätzliches: beispielsweise um die Folgen der Massentierhaltung und darum, ob Tiere mehr sind als nur ein Produktionsfaktor wie Wasser oder Strom.

Das neue Projekt: Noch leistungsfähiger

In der niedersächsischen Gemeinde Wietze, etwa 230 Kilometer von Haren entfernt, plant Rothkötter ein zweites Werk. Das soll noch leistungsfähiger als der Stammsitz im Emsland sein: Bis zu 134,8 Millionen Hähnchen könnten hier pro Jahr einmal geschlachtet werden. Die Schlachtanlage ist allerdings nur ein kleiner Teil einer riesigen Hühnerlogistik. Sie umfasst eigene Futtermittelwerke, eine Brüterei sowie 400 Mastbetriebe im Umkreis von 200 Kilometern, alles minutiös aufeinander abgestimmt und vertaktet.

Polizei raeumt Protestcamp gegen Gefluegelschlachthof

Tierschützer wollen die Expansion der größten Geflügelschlachtfabrik Europas verhinden und besetzten seit Ende Mai das Baugrundstück. Nun rückte die Polizei an, um deren Notbehausungen zu räumen.

(Foto: ddp)

Mit Ausnahme der Grünen und Linken hat Wietzes Gemeinderat im vergangenen Jahr die Ansiedlung gebilligt. Zuvor hatten die Lokalpolitiker das weitgehend baugleiche Werk in Haren besichtigt: Man sei "fast durchgängig begeistert gewesen", sagt Wietzes CDU-Bürgermeister Wolfgang Klußmann über den Ortstermin. Stundenlöhne von mehr als zehn Euro, demnächst auch eine betriebliche Kindertagesstätte, Gutscheine fürs Schwimmbad, all das hat Eindruck hinterlassen. Und bei 13 Prozent Arbeitslosigkeit in der Region um Wietze sei die Aussicht auf bis zu 1000 Jobs für gering Qualifizierte verlockend. Etwas gewunden fügt Klußmann hinzu: Er persönlich könne sich kleinbäuerliche Landwirtschaft auch "besser vorstellen". Aber die Nachfrage nach billigem Fleisch sei nun einmal da: "Der Verbraucher bestimmt, was passiert."

Doch mit so heftigem Widerstand gegen den Investor hat Klußmann nicht gerechnet. Geschätzte 3000 Protestmails bekommt er jeden Tag - vom Vegetarierbund bis zum Bündnis zur Rettung des Regenwalds. Die Bürgerinitiative in Wietze hat mittlerweile mehr als 850 Mitglieder, in der ganzen Region wächst der Protest gegen Rothkötters Schlachtbetrieb, vor allem aber gegen die vielen Mastställe, die dafür errichtet werden müssen. Es drohe die "Emslandisierung" einer ganzen Region, lautet das Schlagwort der Gegner.

Selbst Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen ist in den Streit hineingezogen worden: Es sei richtig, neue Mastställe zu bauen, bekräftigte sie nach dem Brandanschlag von Sprötze. Danach wurde bekannt, dass ihr Mann Deutschlands zweitgrößte Putenbrüterei besitzt. Tierschützer veröffentlichten ein Video, das angeblich aus zwei Mastbetrieben in Mecklenburg-Vorpommern stammt, an die Grotelüschens Firma Küken liefert: Die Bilder zeigen sterbende und verletzte Tiere, die im Stall herumliegen. Mit Rothkötters Unternehmen hat das zwar nichts zu tun. Doch die Gegner der industriellen Tiermast fühlen sich dadurch nur bestärkt: Christian Meyer, der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Landtag von Niedersachsen, warnt vor den Folgen der Massenhaltung von Geflügel: "Die Umweltbelastungen sind massiv." Ammoniak-Ausdünstungen und die Verunreinigung des Grundwassers mit Nitrat seien nur zwei der Folgen, sagt Meyer.

Auch um den Tierschutz ist es nach seiner Einschätzung schlecht bestellt: Gemäß der neuen "Hähnchenhaltungsverordnung" vom 12. Juni 2009 dürfen bis zu 21 Vögel auf einem Quadratmeter zusammengepfercht werden. Federpicken und Gelenkschäden seien die Regel. Überdies werde den Tieren zu viel Brustfleisch angezüchtet. "Vor der Schlachtung", sagt Meyer, "kippen die fast um."

Rothkötter sagt, er habe nichts zu verbergen

Wenn Rothkötter die Kritik hört, steigt in ihm der Ärger auf. Er halte sich schließlich an sämtliche Vorschriften. Die deutschen Normen seien teilweise sogar schärfer als die der EU: "Wir können ja auch sagen, wir produzieren in China." Er habe nichts zu verbergen, beteuert Rothkötter und lädt ein, einen Blick in den Betrieb zu werfen. Mit bäuerlicher Landwirtschaft hat der nichts mehr zu tun. Scharrende Hühner auf dem Hof sind nur noch etwas für Romantiker und Werbespots. Rothkötter spricht lieber über Chancen und Risiken der Agglomeration, über "Economies of Scales" oder den Einsatz von Ressourcen. Aus der Agrarwirtschaft ist im Emsland eine gigantische Industrie geworden.

In Sichtweite der Schlachterei legen fast täglich Schiffe am Hafen an. Sie liefern Rohstoffe für Rothkötters Futtermittelwerke, in denen jährlich 700000 Tonnen produziert werden. Allein aus Brasilien landen dafür 150000 Tonnen Sojaschrot im Hafen an.

Alles "Non-Amazonas" und "Non-Gen-Ware", versichert Rothkötter, obwohl ihm anzumerken ist, dass ihn auch diese Diskussion erheblich nervt.

Das Hähnchen ist ein Standardprodukt, auf seinem Weg in die Kühltheken führt es ein kurzes Standardleben: 21 Tage und fünf Stunden dauert das Ausbrüten der Eier, anschließen werden die Küken mit dem Sattelschlepper zu den Lohnmästern gebracht. Bauer Franz Oschem ist einer von ihnen, ein Vorzeigebetrieb, augenscheinlich ohne sterbende Hähnchen. Zwei schmucke Häuser hat sich die Familie gebaut. Daneben stehen die Ställe mit 130000 Tieren, vollklimatisiert, Tag- und Nachtsteuerung, automatische Fütterung. Sechs Wochen dauert die Mast bei drei Prozent Verlustrate, dann wird der Stall für die nächsten Küken gereinigt und alles fängt wieder von vorne an. Rein rechnerisch, sagt der Bauer, mache das 7,249 Durchgänge pro Jahr. Er könne nicht verstehen, warum nun ein Feindbild aufgebaut werde. Das Emsland profitiere doch von den Veredelungsbetrieben.

Am Schluss wartet die Schlachterei. Rothkötter zeigt sie von der Fleischseite, also gewissermaßen vom Endprodukt her: Zuvor muss er durch die Desinfektionsschleuse. Drinnen rasen an Förderhaken Hähnchenleiber kreuz und quer durch die vier Grad kalte Halle. Hunderte, Tausende. Dazwischen Arbeiter an Filetier- und Mariniermaschinen. Im beheizten Kontrollstand wird die Produktion überwacht: "Line Efficiency", ruft Rothkötter und deutet auf ein Säulendiagramm am Computer.

Er eilt voraus in den Schlachtbereich, immer Richtung Lebendseite. Heiß und stickig ist es hier, irgendwo mischt sich Musik unter den Maschinenlärm. Es geht vorbei an Herzen, Mägen, Lebern, der Rupf- und Brühanlage, der Blutbahn, wo die Tiere ausbluten. Die Betäubungsmaschine noch, dann durch die Tür in die nächste Halle. Stille. Ein Sattelschlepper steht im Dämmerlicht. Nur ein Glucksen ist zu hören, wenn der Inhalt der Paletten aufs Förderband gekippt wird: weiße Hühner der Rasse "Ross 708", ein Produkt des US-Konzerns Aviagen. 15 Minuten dauert der Weg der Tiere durch die Fabrik. Morgen schon wird ihr Filet in den Discountern zu kaufen sein, das Kilo für weniger als sechs Euro. Draußen vor dem Tor wartet der Nachschub.

Herzen, Mägen, Lebern

Grotelüschen weist Vorwürfe wegen Mastküken zurück

In der Kritik: Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen (CDU) äußerte sich zum Streit um Rothkötters Fabrik. Kurz darauf wurde bekannt, dass ihr Mann Deutschlands zweitgrößte Putenbrüterei besitzt.

(Foto: dpa)

"Humbug, alles Humbug", schimpft Rothkötter auf dem Parkplatz über die Vorwürfe seiner Gegner in Wietze: von wegen Geruchs- und Lärmbelästigung. Was sei hier von außen schon zu riechen und zu hören? So gut wie nichts. Er möchte jetzt so bald wie möglich bauen. Im Mai soll die neue Fabrik die Produktion aufnehmen, vorerst mit einem Viertel der Kapazität wie im Stammwerk.

Am Dienstag hat die Polizei sein Baugrundstück in Wietze geräumt. Demonstranten - die meisten von ihnen kaum älter als zwanzig - hielten es seit Pfingstmontag besetzt. Sie errichteten ein Hüttendorf samt Graben und gaben veganische Kochkurse, wie es heißt, mit eher mittelmäßigem Erfolg. "Fleisch ist Mord", steht auf einem ihrer Transparente zu lesen. Als die Polizei am Morgen anrückte, ketteten sich zehn Aktivisten an Betonröhren fest, zwei von ihnen in einem halb eingegrabenen Wohnwagen.

In aller Ruhe, geradezu behutsam werden sie von den Beamten wieder befreit. Er habe ja auch Kinder, die ganz scharf auf Fastfood seien, sagt ein Polizist. Aber was er da neulich über die Putenmast und Ministerin Grotelüschen im Fernsehen gesehen habe, da könne einem schon der Appetit vergehen. Im Ort beraten zur gleichen Zeit die Mitglieder der Bürgerinitiative über ihr weiteres Vorgehen gegen Rothkötter: Man erwäge eine Klage vor dem Verwaltungsgericht gegen den Betrieb, droht ihr Sprecher Norbert Juretzko. "Da gibt es ein ganzes Instrumentarium. Wir sind noch lange nicht fertig."

Auch Franz-Josef Rothkötter kann sich noch so einiges vorstellen. Der durchschnittliche Deutsche, rechnet er vor, verzehrte 2009 gerade einmal 10,7 Kilo Hühnerfleisch. Im EU-Schnitt seien es 17,1 Kilogramm; Brasilianer und Amerikaner brächten es sogar auf gut 40 Kilogramm. Im Übrigen seien Hähnchen die Tiere mit der besten Futterverwertung und zudem unbelastet von jeglichen religiösen Tabus, die den Verzehr beeinträchtigen. Trotz des ganzes Ärgers also ein Wachstumssegment, ein Geschäft mit Zukunft. "Da stehen einige Ampeln auf Grün", sagt Rothkötter. Er will demnächst ein neues Produkt einführen: "Tulips" - Hühnerflügel angeordnet in Tulpenform. Die Deutschen, hofft Rothkötter, werden Appetit drauf haben.

© SZ vom 14.08.2010/seng
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