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EU schafft Glühbirne ab:Ein Licht geht aus

Basispatent Nummer 223898: Manche Glühbirne brennt länger als 100 Jahre. Diese Erfindung war eine der wenigen Konstanten in einer sich rasch wandelnden Zeit.

Es gibt viele tolle Witze, in denen eine Glühbirne vorkommt. Die meisten handeln davon, wie viele Menschen einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe nötig sind, um sie zu wechseln - vier Microsoft-Mitarbeiter zum Beispiel. Es gibt auch tolle Fernsehserien mit Glühbirnen: Der Erfinder McGyver konnte sich in einer Folge nur deshalb das Leben retten, weil er wusste, dass eine Lampe explodiert, wenn man kaltes Wasser darüberkippt.

Warum fallen einem Witze und Filme und Serien ein, obwohl man nur von einer nüchternen und sinnvollen EU-Entscheidung gehört hat? Die Meldung ist klar und verständlich: "Europa schafft die klassische Glühbirne ab. Wegen des zu hohen Stromverbrauchs sollen sie bis 2012 vollständig aus dem Handel verschwinden."

Wahrscheinlich ist es so, weil die Glühbirne nicht nur als Stromfresser im kollektiven Gedächtnis verankert ist, sondern als lichtspendende Konstante.

Sie ist kein kurzlebiges Hype-Produkt wie der CD-Spieler, der dem Grammophon folgte und fünfzehn Jahre später vom MP3-Player abgelöst wurde. Die Glühbirne war schon immer da - und irgendwie dachte man, dass sie auch immer da sein werde. Der glühende Beweis ist das Centennial Light in der Feuerwache der kalifornischen Stadt Livermore. Seit 1901 brennt die Vier-Watt-Birne fast ununterbrochen und ist damit laut dem Guinness-Buch der Rekorde die langlebigste Lampe der Welt.

Die Glühbirne war eine der wenigen fixen Größen in einer sich immer schneller verändernden Welt. Holz-Tennisschläger verschwanden genauso wie der Walkman, Disko-Rollschuhe und Acht-Millimeter-Kameras. Sie alle mussten dem technischen Fortschritt weichen, die Glühbirne blieb.

Floskeln und Karikaturen

Im Jahr 1809 hatte der britische Chemiker Humphry Davy eine Bogenlampe vorgestellt - eine Gasentladungslampe mit glühenden Graphitelektroden. Es gab zahlreiche Verbesserungen und Erweiterungen, Patentprozesse und Streitigkeiten, ehe Thomas Edison am 27. Januar 1880 in den Vereinigten Staaten das Basispatent mit der Nummer 223898 anmeldete. Seine Glühlampe war erfolgreich im Wettbewerb mit den Gaslampen.

Und so gibt es nun die Glühlampen, und es gibt verschiedene Gewinde - weswegen ahnungslose Ehemänner fluchend im Geschäft stehen, weil sie die alte Birne vergessen haben und nicht wissen, welche Lampe sie kaufen müssen. Es gibt die Floskel "Da geht dir ein Licht auf", die Beleidigung "Du Blitzbirne" und auch die wahnsinnig witzige Karikatur, bei der ein Kopf durch eine Glühbirne ersetzt wird. Man musste im Physik-Unterricht lernen, dass sich die Stromstärke aus der Formel I = P / U (oder auch I = U / R) ergibt und dass deshalb ein Betriebsstrom von 0,26 Ampere fließt. So etwas vergisst man nicht.

Es kommt nun die große Zeit der Energiesparlampen, der Halogenleuchten und der Leuchtdioden. Die Glühbirne wird verschwinden. Auch die großangelegte Aktion von Google Maps, die beste Weihnachtsbeleuchtung aus Glühbirnen finden zu wollen, wird in Europa wohl eingestellt werden. Gewinnen wird ein Haus in den USA, es führt derzeit ein Gebäude mit 87.000 Glühbirnen.

Viele Produkte gibt es nicht mehr, die uns daran erinnern, dass eine Erfindung oder eine gute Idee länger überleben kann als die herstellende Firma mit ihrer Sucht, gute Quartalsergebnisse zu liefern. Aber so ist es wohl - und deshalb wird man sich manche Witze künftig anders erzählen. Einer wird dann so gehen:

"Wie viele Microsoft-Mitarbeiter braucht man, um eine Energiesparlampe zu wechseln? Antwort: vier: Der erste wechselt die Leuchtdiode; der zweite ändert die Fassung, so dass keine Apple-Lampen hineinpassen; der dritte baut einen Kurzschlussmechanismus ein, der Sun-Leuchten zerstört - und der vierte macht dem amerikanischen Justizministerium klar, dass das alles lauterer Wettbewerb ist."

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