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Essay:Runter vom Platz

Philipp Lahm verlässt das Spielfeld nach seinem letzten Bundesligaspiel im Mai 2017.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Von Lahm bis zu Merkel und Seehofer: Warum es eine Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt fürs Aufhören zu finden.

Die öffentliche Meinung kann gnadenlos sein. Wie mag es sich für den Betreffenden anfühlen, wenn ein langjähriger Firmenchef seinen Rücktritt ankündigt und die Börse honoriert das mit einem Kurssprung? So etwa geschehen bei Steve Ballmer, langjähriger Chef von Microsoft, dem zeitweise wertvollsten Unternehmen der Welt: Die Aktie der Firma legte allein nach Ballmers Ankündigung, innerhalb eines Jahres zurücktreten zu wollen, im Sommer 2013 auf einen Schlag um bis zu acht Prozent zu. Der Wert der Person scheint hier auf viele Milliarden Dollar Minus taxiert zu werden.

Ähnliches könnte gerade auch Angela Merkel umtreiben. Ihre Partei, die CDU, hat in den Umfragen seit der Ankündigung ihres Rückzugs vom Parteivorsitz und langfristig auch vom Kanzleramt deutlich in der Wählergunst zugelegt. Mit einer Besonderheit: Gewonnen hat neben der Partei auch die Person Angela Merkel. Ihre Beliebtheit hat stark zugenommen, in manchen Befragungen steht sie nun sogar an der Spitze aller dort genannten Politiker.

Das wirkt wie ein Widerspruch: Kann man so froh sein, wenn jemand geht, dass man ihn oder sie allein wegen eines angekündigten Rückzugs gut findet? Offenbar nicht automatisch, zumindest bei Horst Seehofer scheint es nicht zu funktionieren. Seine Beliebtheitswerte haben sich nach der Ankündigung, auf den CSU-Vorsitz zu verzichten, nicht wesentlich erholt. Offenbar hat Frau Merkel mit ihrem Rückzug, sei es mit der Art, wie sie es getan hat, oder auch mit dem Zeitpunkt, etwas richtig gemacht.

Vielleicht hat Fußballfan Merkel sich dabei etwas von jemandem abgeschaut, der das zu beherrschen scheint: Philipp Lahm. Direkt nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 verkündete der seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft und 2017 mit dem erneuten Gewinn der Deutschen Meisterschaft beim FC Bayern aus dem aktiven Fußball. Und schaffte damit den Übergang zum Unternehmer und zum Chef des Organisationskomitees für die Fußball- Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Allerdings waren 2014 auch Fragen laut geworden, ob es richtig sei, sich so einfach aus der Nationalmannschaft zurückzuziehen, ob sich aus der Position als Nationalspieler nicht auch Pflichten ergäben, man seine eigenen Interessen denen der Mannschaft unterordnen müsse. Was dann auch für das Aufhören gilt.

Die Griechen hatten eine Gottheit für den richtigen Moment: Kairos

Es lohnt sich deshalb, genauer über das Aufhören nachzudenken. Aufhören im Sinne von Rücktritt, Beenden, nicht Weitermachen. Gibt es das richtige Aufhören, eine Kunst des Aufhörens? Es mag ein wenig anachronistisch erscheinen, darüber just zu Beginn des Jahres zu sinnieren, statt jahreszeitgemäß über das Anfangen. Aber bei näherer Betrachtung passen die Gedanken nicht so schlecht ins junge Jahr. In der Neujahrsnacht feiert man zwar ins neue Jahr hinein, schließt aber zugleich das alte ab; weshalb man sich im Fränkischen statt "guten Rutsch" "guten Beschluss" wünscht. Das neue Jahr braucht also, um zu entstehen, das Ende des alten Jahres, was zugleich bedeutet, dass im Beginn des neuen Jahres dessen Ende schon mit angelegt ist. "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", heißt es in Hermann Hesses Gedicht "Stufen", das einem beim Thema Aufhören unvermittelt in den Sinn kommt, handelt es doch davon, dass man loslassen soll, "bei jedem Lebensrufe". Hier jedoch müsste man es umformulieren: "Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne."

"Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne", der Satz scheint ein Schlüssel zu sein für die Betrachtung des Aufhörens. Positiv wie negativ. Positiv, weil man das Aufhören damit als etwas Natürliches sehen und damit hinnehmen kann, negativ, weil sich das Aufhören damit als Teil der Vergänglichkeit bis hin zum Tode darstellt. Die Geburt eines Menschen stellt einen Anfang dar und zugleich dessen Negation. Es ist der Beginn eines neuen Lebens, das aber von diesem Moment an dem Ende zugeht. Das Leben wird Höhen und Tiefen beinhalten, man mag darüber streiten, ob und wann es einen Höhepunkt erreicht. Aber betrachtet man die Lebenszeit, ist die Geburt der Anfang vom Ende. "Von nun an ging's bergab", wie ein berühmtes Lied von Hildegard Knef heißt.

Vermutlich liegt darin die Hauptschwierigkeit, die viele mit dem Aufhören haben: die Konfrontation mit der Endlichkeit. Allgemein, vor allem aber mit der eigenen Endlichkeit, dem eigenen Tod. Das aber fällt schwer, wie eine Maxime des französischen Moralisten François de La Rochefoucauld erklärt: "Le soleil ni la mort ne se peuvent regarder fixement." Weder die Sonne noch den Tod können wir ansehen, ohne den Blick abzuwenden. Aufhören, darüber nachdenken, es planen und dann tun, zwingt jedoch genau dazu: der eigenen Vergänglichkeit, dem eigenen Tod ins Gesicht zu blicken. Wir wissen, dass wir sterben müssen, aber wir wollen es nicht sehen. Es ist der gleiche Mechanismus, der viele Menschen, obwohl sie im Grunde Organspende befürworten, dennoch davon abhält, einen Organspendeausweis auszufüllen. Denn auch das zwingt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Die man ebenso vermeidet wie in die Sonne zu schauen.

Was ist Aufhören? Allgemein ausgedrückt, ist es die Trennung einer Person von dem, womit sie aufhört

Daneben konfrontiert das Aufhören mit der eigenen Ersetzbarkeit bis hin zur Austauschbarkeit. Insofern beinhaltet das Aufhören psychologisch immer auch den Ansatz einer narzisstischen Kränkung: Offensichtlich geht es auch ohne einen weiter. Umso schlimmer, falls es nicht nur einfach weitergeht, sondern womöglich sogar besser. Die darin enthaltene Kränkung zu verhindern dürfte die Idee sein, dann aufzuhören, "wenn's am schönsten ist". Ein fast schon widersinniger Rat - warum sollte man auf etwas Schönes verzichten? -, der damit verständlich wird: Der Verzicht schmerzt weniger als die Kränkung, ersetzbar zu sein. Wenn man am Höhepunkt aufhört, geht es ohne einen höchstwahrscheinlich schlechter weiter. Philipp Lahm kann das nur bestätigen.

Jedoch folgt aus der unumstößlichen Tatsache, dass der Mensch sterblich ist, ganz zwangsläufig, dass es immer ein Aufhören geben muss. Spätestens mit seinem Tod. Aufhören ist keine Frage des Ob, sondern nur eine des Wann und des Wie. Wenn man so etwas wie die Kunst des Aufhörens formulieren will, kann sie sich deshalb nur um diese beiden Fragen drehen. Dazu muss man sich zunächst überlegen: Was ist Aufhören? Allgemein ausgedrückt, ist es die Trennung einer Person von dem, womit sie aufhört. In dem Sinn, um den es hier geht - also nicht darum, mit dem Rauchen oder dem Trinken aufzuhören -, ist Aufhören somit die Trennung von Person und Funktion, Aufgabe oder Amt. Parteivorsitz, Kanzleramt, aktive Politik, Unternehmensführung, Profisport und andere langjährige Tätigkeiten.

Wenn aber das Aufhören die Trennung von Person und Funktion darstellt, diese also danach getrennt sind, gibt es zwangsläufig für das gute Aufhören auch zwei Blickwinkel: von der Person und von der Funktion her. Eine Trennung kann für beide gut oder schlecht sein, aber auch nur für einen von beiden. Die Kunst des guten Aufhörens besteht darin, die beiden Belange, die der Funktion, Aufgabe oder Amtes einerseits, und die der Person andererseits zu berücksichtigen und möglichst in Einklang zu bringen. Wie dabei zu gewichten ist, dürfte auch von der Bedeutung der Aufgabe oder des Amtes abhängen. Je größer diese Bedeutung ist, desto mehr tritt die Person in den Hintergrund. Aufhören ist demnach, je nachdem, wie man es macht, eine Übung in Demut oder in Hochmut.

Das schon zitierte "Man soll aufhören, wenn's am schönsten ist" stellt die Person in den Vordergrund. Dem Satz liegt die Idee zugrunde, dass man alles gehabt hat, alles bekommen hat, was man wollte, und nun auch noch die besten Erinnerungen mitnimmt und in bester Erinnerung bleibt. Im Grunde lässt sich das fast nur bei Aufgaben und Funktionen vertreten, bei denen es um wenig geht oder vor allem um den eigenen Vorteil. Was der Kernpunkt der Diskussion um Philipp Lahms Rückzug aus der Nationalmannschaft gewesen sein dürfte. Für ihn war es der richtige Zeitpunkt, mehr konnte er kaum mehr erreichen. Ob er das dem Wohl der Mannschaft hätte unterordnen müssen, hängt davon ab, als was man Fußball, speziell auf nationaler Ebene sieht: als Aufgabe oder doch, seinem Wesen gemäß, als Spiel.

Gibt es überhaupt einen richtigen Moment für das gute Aufhören? Beim FC Bayern scheint sich diese Frage gerade bei Franck Ribéry und Arjen Robben zu stellen. Wenn bei Franck Ribéry nicht über andere Dinge diskutiert wird, mit denen er aus verschiedenen Gründen sofort aufhören sollte. Dass es auf den richtigen Augenblick ankommt, nicht nur beim Aufhören, hatte man schon in der griechischen Antike erkannt und ihm eine eigene Gottheit gewidmet: Kairos. Anders als Chronos, der Gott der fortlaufenden Zeit, war er für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung zuständig. Sein auffälligstes Merkmal war ein am Hinterkopf kahler Schädel mit einem üppigen Haarschopf auf der Stirn. An diesem Schopfe konnte man, wenn man den richtigen Augenblick erwischt, die Gelegenheit packen. Aber Kairos hatte auch, ähnlich wie Hermes, geflügelte Füße oder Schuhe, war also schnell, und wenn die Gelegenheit verstrichen war, konnte man ihn nicht mehr fassen: Der Hinterkopf ist ja kahl.

Womöglich lag es an Horst Seehofers Zögern, Zuwarten oder Taktieren, dass er, anders als Angela Merkel, den richtigen Moment des Aufhörens nicht erwischt hat. Sie hat Kairos am Schopf gepackt, er nur wenig später am kahlen Hinterkopf vergeblich hinterhergegriffen. Oder man hatte von außen gesehen den Eindruck, die beiden haben die Blickwinkel für ihre Überlegungen zum Aufhören unterschiedlich gewählt: Frau Merkel mehr von Amt und Aufgabe her, Herr Seehofer eher von seiner Person.

Hinzu kommt eine wichtige Überlegung für die Kunst des guten Aufhörens, die man oft übersieht: Das Ende ist ein Teil der Aufgabe. Bei vielen Ämtern und Aufgaben, insbesondere bei politischen Ämtern in einer Demokratie, folgt das aus ihrem Wesen, dass sie auf Zeit und auf Widerruf vergeben werden. Bei anderen Aufgaben folgt das spätestens aus der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Deshalb gehört das geordnete und gute Aufhören mit zu den Pflichten, die man mit der Aufgabe übernommen hat. Dafür gibt es ein klassisches Beispiel, in Joseph Conrads Roman "Lord Jim" bekommt man es eindrücklich vorgeführt: Die Mannschaft, speziell der Kapitän, ist nicht frei darin, wann und wie sie ihren Posten aufgeben. Bei einem sinkenden Schiff müssen sie als Letzte von Bord gehen. Zugegebenermaßen wirkt diese Metapher ein wenig veraltet, hätte es nicht durch die Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia neue Aktualität erlangt. Ihr Kapitän wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt, unter anderem weil er das Schiff verlassen hatte, obwohl noch Menschen an Bord waren.

Im politischen Bereich kennt man das Bild vom Verlassen des Schiffes eher unter umgekehrten Vorzeichen aus der Karikatur "Der Lotse geht von Bord" aus dem Jahr 1890: Otto von Bismarck muss nach seiner Entlassung durch Wilhelm II. das Schiff, das Deutschland darstellt, gegen seinen Willen verlassen.

Fällt Politikern das Aufhören besonders schwer? Manchmal hat man den Eindruck, und eine Erklärung dafür kann man bei Hannah Arendt finden. Sie geht weit über den Gemeinplatz hinaus, dass es schwerfällt, die Schalthebel der Macht loszulassen oder aus dem Rampenlicht zu treten. In ihrem philosophischen Opus Magnum, "Vita activa oder Vom tätigen Leben" unterscheidet Arendt drei Arten von menschlichen Grundtätigkeiten: Arbeit, Herstellen und Handeln.

Arbeit entspricht laut Arendt dem biologischen Prozess des Körpers mit Wachstum, Stoffwechsel und Verfall, sie dient dazu, dem Organismus die Lebensnotwendigkeiten zuzuführen, im Grunde der Broterwerb. Herstellen hingegen bedeutet etwas zu schaffen, künstliche Dinge, die sich der eigenen Vergänglichkeit zumindest zu einem gewissen Grade widersetzen. Handeln schließlich ist dem Sprechen verwandt und umfasst die Interaktion zwischen den Menschen. Handeln ist deshalb, so Arendt, das eigentliche Wesen der politischen Tätigkeit.

Mit der Arbeit kann man somit leicht aufhören, wenn das Leben auch ohne sie gewährleistet ist. In unserer Gesellschaft ist das üblicherweise dann der Fall, wenn man in Rente geht - und diese ausreichend hoch ist. Mit dem Herstellen kann man dann aufhören, oder muss es sogar, wenn das Werk fertig ist. Das Aufhören damit kann vielleicht auch deshalb leichter fallen, weil das Herstellen, wie Arendt betont, mit dem Werk etwas hervorbringt, das sich der individuellen Vergänglichkeit widersetzt. Es ist die Idee, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, oder "das Haus gut bestellt zu haben", auch eine Art der überdauernden Hinterlassenschaft. Das Handeln, also auch die politische Tätigkeit, aufzugeben, bedeutet jedoch, sich aus dem großen Kreislauf des Lebens zu lösen, auf die Linearität des individuellen Lebens zurückgeworfen zu werden.

Umso wichtiger ist deshalb zu erkennen, dass das Aufhören selbst, nicht nur im politischen Bereich, auch Handeln darstellt. Ein Handeln, das ebenso Teil der zu Ende gehenden Aufgabe ist, wie Teil des eigenen Lebens.