Essay Generation Alpha

Sicherheitsfixiert, selbstoptimiert, angepasst: So tickt angeblich die Jugend 2016. Aber vielleicht legen die Alten einfach nur falsche Maßstäbe an. Ein Vermittlungsversuch.

Von Evelyn Roll

Rebellion, Auflehnung, politischer Kampf? Fehlanzeige. Provozierende Ansichten wenigstens? Nur in Ausnahmefällen. Freiheit? Gar kein Thema. "Mainstream" und "Neokonventionalismus" sind die Vokabeln des Grauens, die man als Wissenschaftler offenbar wählen muss, um die Jugend 2016 zu beschreiben. Die Forscher vom Sinus-Institut, die alle vier Jahre mitteilen, wie unsere Jugendlichen ticken, haben in ihrer neuesten und viel beachteten Studie bei den 14- bis 17-Jährigen vor allem Sehnsucht nach Aufgehoben- und Akzeptiertsein gefunden, nach Geborgenheit und Halt. Wenn alles stimmt, wenn man also mit der Befragung von 72 Jugendlichen tatsächlich allgemeingültige Aussagen gewinnen kann, dann ist diese Generation Z so bejammernswürdig brav und angepasst, wie es angeblich schon die X-er und Ypsiloner waren.

Und jetzt geht das natürlich wieder los: Was waren wir, die wilden Baby-Boomer-Eltern und Nach-68er-Großeltern, dagegen doch für nichtbrave Superfreiheitskämpfer, "Born to be wild" und "Free like a bird", wie die Musik, die wir als Kinder hörten: Bob Dylan, The Who, Janis Joplin, die Befreiungslieder der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Und später dann ein bisschen Punkie, gottseidankie.

Anschnallpflicht hielten wir für einen schweren Eingriff in die bürgerlichen Freiheitsrechte

Großmutter legt euch gerne noch mal die alten Platten auf und groovt ein bisschen in den Erinnerungen an ihre rebellische, kämpferische und politisch hochaktive Jugend: "I'm free to do what I want". "Sex and Drugs and Rock 'n' Roll". Einmal, bitte sehr, ist sie sogar fast von der Schule geflogen, weil sie im Kunstunterricht Streichhölzer Kopf an Kopf um das Pult gelegt, an einem Ende angezündet und, während die Flamme um den kleinen Tisch sauste, "Happening!" gerufen hat. Weil die Kleinstadt-Lehrer Anfang der Siebzigerjahre noch etwas weniger Ahnung hatten als ihre Schülerinnen, was genau das sein könnte, ein Happening, stand hinterher unter der Überschrift "dritter und den Schulverbleib gefährdender Tadel" im Klassenbuch: Roll versucht, aus politischen Motiven die Schule anzuzünden.

Was wir in Wirklichkeit versucht haben, war: Anderssein als unsere von Krieg und Nationalsozialismus beschädigten, mit dem Vergessen und Verdrängen beschäftigten Eltern. So schnell wie möglich weg von zu Hause. Frei sein.

Ziviler Ungehorsam war für uns erste Bürgerpflicht. Gegen Mittelstreckenraketen, gegen die Startbahn West, gegen den Rhein-Main-Donau-Kanal, gegen Atomkraftwerke. Anschnallpflicht hielten wir für einen schweren Eingriff in die bürgerlichen Freiheitsrechte, bei Rot an der Fußgängerampel stehen bleiben zu müssen für strukturelle Gewalt. Wer über Rente sprach und davon, dass er überlege, zur Absicherung seines Alters eine Eigentumswohnung zu kaufen, wurde ausgelacht. Es gab noch einige andere Verwirrungen und Kategoriefehler, Frank Witzel hat sie alle aufgeschrieben in "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969".

Noch mehr als das böse Waldsterben, die Pershings und die Atomenergie hassten wir den Überwachungsstaat. Wenn es in der Telefonleitung verdächtig klackte, sagten wir: "Guten Tag auch den Damen und Herren vom Verfassungsschutz." Das war nicht nur im Osten so, wo unsere Generationsgenossen später sogar eine wirkliche Revolution gemacht haben, bei der es, wenn wir uns richtig erinnern, vor allem um Freiheit ging und nicht so sehr um Sicherheit oder Bananen.

Bei der Volkszählung 1987 im Westen haben wir die Kontrollnummer der Fragebögen abgeschnitten, Falschangaben gemacht oder das Papier nach dem Motto "Politiker fragen - Bürger antworten nicht" gleich an die Westseite der Berliner Mauer geklebt und so dafür gesorgt, dass die Regierung für eine Milliarde Mark am Ende nichts als Datenschrott einsammelte. Innenminister Friedrich Zimmermann nannte uns Rechtsbrecher. Wir nannten es passiven Widerstand. Fantasievoll und heldenhaft, liebe Kinder, haben wir im Namen der Freiheit verhindert, was wir die "Totalaushorchung der Bürger" nannten. Wir waren mutig, wir waren Freiheitskämpfer, wir waren die Guten.

Wir waren. "Those were the days, my friend." Und was sind wir heute?

Nun: Die meisten von uns alten Wilden, die sich immer gerne über die jungen Milden erheben, geben genau wie ihre braven Kinder und angepassten Enkel an jedem einzelnen Tag zehnmal mehr Privatdaten freiwillig her, als der Staat damals nur einmal von uns wollte. Fast keiner der alten Freiheitskämpfer deaktiviert Ad-Tracking in Safari. Ist doch bequem, wenn Amazon schon vorher weiß, was ich nachher bestellen will. Und Spotify macht, weil es uns wirklich so gut kennt, die noch besseren Playlists als der eigene Ehemann. Auch teilen wir den Einbrechern auf Facebook und Instagram gerne mit, wenn wir für drei Wochen in Italien sind. Was soll's? Unsere iPhones zeichnen sowieso seit sechzehn Jahren jeden Ort auf, an dem wir gewesen sind. Diese Funktion hat auch niemand deaktiviert, außer Gerhart Baum wahrscheinlich. Ginge aber mit nur vier Klicks.

Einige von uns konnten es wie die Kinder sogar nicht abwarten, diese Kontroll-Datenbändchen freiwillig umzulegen, mit denen Staat und Krankenkassen später einmal zwangschecken werden, ob wir auch genug geschlafen und Bewegung gehabt und nicht zu viel Alkohol getrunken haben. Und wenn jetzt die Terroranschläge immer näher kommen, bibbern alle nur noch um ihre private Sicherheit - soll das BKA sich dafür doch gerne selbst ermächtigen, die Freiheitsrechte des Grundgesetzes gründlich zu ignorieren.

Die Verräter der Freiheit sind also gar nicht nur die angeblich so seltsam unpolitischen Jungen. Es sind wir alle, die mehreren jedenfalls. Es ist der Zeitgeist. Als wäre der Kampf um Bürgerrechte und Freiheit ausgekämpft oder an das Bundesverfassungsgericht delegiert. Die Freunde aus der VoBoIni (Volkszählungs-Boykott-Initiative) wählen oder sind heute Politiker einer Partei, die staatliche Zwangsbeglückungen wie den Veggie-Day fordert. Die neuerdings auch im linken Spektrum bewunderte Kanzlerin beschäftigt Soziologen und Psychologen für etwas, das sie niedlich "Nudging" nennen, also Anstupsen. Richtiger wäre: Gängeln. Wie bringe ich meine Bürger dazu, keine Zigaretten zu rauchen, weniger Fettes und Süßes zu essen und auch die Altersvorsorge bitte nicht zu vergessen.

Müssten, könnten, sollten wir nicht auch aufbrechen, anstatt ein Leben lang unauffällig zu funktionieren?

Fürsorge statt Freiheit. Immanuel Kant würde sagen: "Der Souverän will das Volk nach seinen Begriffen glücklich machen, und wird Despot." Und wir? Lassen es geschehen. Soll sich Sascha Lobo drum kümmern. Vater Staat und Mutti Merkel werden es schon richten.

Sätze wie "Die Jugend von heute interessiert sich ja leider so gar nicht für Politik und Freiheitsrechte" sind deswegen vor allem: sehr komisch. Erst helikoptern wir an sieben Tagen der Woche 24 Stunden um sie herum, verengen den Bewegungsradius ihrer Kindheit auf wenige Quadratmeter, verkürzen die Schulzeit, verschulen die Uni, und wackeln dann über den Shell- oder Sinus-Studien mit den Köpfen, weil wir die freiheitsliebende, rebellische Jugend doch sehr vermissen.

In Wahrheit vermissen wir uns selbst, spüren die eigene, tief vergessene Freiheitssehnsucht ja gerade erst wieder, seitdem wir Geflüchtete kennenlernen oder jeden Abend im TV sehen. Die Psychologen verstehen langsam, was da genau geschehen ist: Menschen, die nur mit ihren Liebsten und dem wenigen, was sie tragen können, weggegangen sind, um etwas Besseres zu finden als den Tod, erinnern uns offenbar daran, dass wir selbst eigentlich doch auch dringend fliehen wollten: aus sinnentleerten Alltagen, ungeliebten Jobs, formatierten Bequemlichkeitsbeziehungen und diesem blöden Online-Angekettetsein.

Der Kölner Psychoanalytiker Matthias Wellershoff hat in einem Interview mit der Zeit berichtet, wie schmerzhaft die Bilder der Geflüchteten bei seinen Patienten aus allen Schichten und allen Altersstufen die verdrängte Freiheit antriggern: "Müssten, könnten, sollten wir nicht auch aufbrechen, anstatt ein Leben lang unauffällig zu funktionieren und eines Tages unglücklich zu sterben?"

Vielleicht geht es in den tieferen Schichten auch bei den Pegidas womöglich gar nicht um den primitiven Stoff, aus dem die AfD ihre nationalistischen und rassistischen Wahlprogramme bastelt, um banale Fremdenfurcht also oder diffuse Angst wegen unserer plötzlich so erkennbar privilegierten und scheinbar bedrohten Lebenssituation. Es geht um den Zorn über die eigene Mutlosigkeit, den Schmerz über die nicht gelebten Chancen, die Scham über das Im-ungeliebten-Leben-Verharren. Es geht um Freiheit, um die Unfähigkeit, das von außen bestimmte Leben mit mutigen Entscheidungen zu unserem eigenen, freien Leben zu machen, anstatt in Unfreiheit und Depression stecken zu bleiben.

Wie konnte das passieren? Wieso haben wir Freiheit mit Steckenbleiben und Depression vertauscht? Wann ist die Freiheitsfalle zugeschnappt? Und warum?

Vielleicht ist es ganz einfach: Der europäische Mensch hat sich seit der Aufklärung vor 200 Jahren sehr viel nur mit der einen Seite der Freiheit beschäftigt: Der Freiheit von etwas. Vom Fall der Bastille am 14. Juli 1789 bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989 ist es immer nur um Freiheit von etwas gegangen. Und dann ist es immer und jedes Mal kompliziert geworden, weil die Frage Freiheit zu was gar nicht beantwortet war und oft nicht einmal gestellt.

Philosophen erklären es so: Autonomie heißt, wörtlich übersetzt, nicht "ohne Gesetz", sondern "Selbstgesetzgebung". Freiheit kommt immer doppelt, mit Adelstitel gewissermaßen, Freiheit von und zu etwas, negative und positive Freiheit, wie der Philosoph Isaiah Berlin es genannt hat. Freiheit-zu-was-eigentlich, die positive Freiheit also, ist in den letzten 200 Jahren nicht wirklich definiert worden oder nur in der Theorie.

Wenn das so ist, zeigt der Wunsch nach Aufgehoben- und Akzeptiertsein, nach Geborgenheit und Halt, wie auch die gerade akute Führungssehnsucht mit der Wiederkehr autokratischer Systeme möglicherweise nur besonders deutlich, wie wenig Freiheit ohne ihre Rückseite funktioniert, ohne eine Antwort auf die Frage: Freiheit-zu-was-eigentlich?

Ohne Antwort auf diese Frage fühlen die Menschen sich wie der Fünfjährige, der aus dem antiautoritären Kindergarten heimkommt und auf die Frage, wie es denn war, antwortet: "Gar nicht schön, wir mussten wieder den ganzen Tag machen, was wir wollen". Die vielen Regalmeter spiritueller und Sinnsuch-Literatur erzählen davon, dass auch die Abschaffung Gottes im Namen von Aufklärung und Freiheit nicht wirklich funktioniert ohne eine Antwort auf diese Frage. Vielleicht interessieren sich deswegen überall auf der Welt so viele Menschen wieder mehr für die Freiheit zur Religion als für die Freiheit von Religion.

Der Neoliberalismus der zurückliegenden Jahrzehnte hat dann die schlimmstmögliche der falschen Antworten auf die Frage nach der positiven Freiheit gegeben: Freiheit wozu wurde auf die Freiheit des Marktes reduziert, auf wirtschaftliche Deregulierung, auf die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und die Diktatur der Finanzmärkte im Namen der Freiheit. Sogar die Partei in Deutschland, die das schöne Wort "frei" im Namen trägt, verstand sich nur noch als Erste-Klasse-Vertretung der Besserverdienenden, derer, die sich die Freiheit nehmen, Geld für sich arbeiten zu lassen und - das ist die Geschichte, die die Panama Papers gerade noch einmal erzählen - möglichst keine Steuern zu zahlen. Der Unterschied von chancenlos arm und mühelos reich, von Erbe sein und ewig Nichts haben, wurde im Namen der Freiheit skandalös groß und fest zementiert wie im Ständestaat. Arbeitnehmer werden ja auch nicht mehr entlassen, sondern "freigesetzt". Freedom is just another word für nothing left to lose.

Alte und Junge machen gerade eine Wiederentdeckung: sich selbst, den Bürger, der sich die Freiheit gibt und nimmt

Das ist die Freiheitsfalle, in der wir stecken. Sie hat aus freien Bürgern Idioten gemacht. Altgriechisch "idiotes" heißt nichts anderes als "Privatmann", jemand, der sich nur noch um seine eigenen Angelegenheiten kümmert und über Gemeinwohl nicht einmal nachdenkt, weil er nun mal keiner von "denen da oben" ist, kein Amtsträger oder Politiker.

Während draußen die demokratische Kultur versteinerte, ging der Rückzug der "idiotes" in die Innerlichkeit und politische Enthaltsamkeit dieses Mal noch etwas weiter als im deutschen Biedermeier. Nicht nur zurück in die private Wohnung, sondern in den eigenen Körper, in die Selbstoptimierung, die Kontrolle von Fettprozenten, Laufstrecken, Vitalwerten, Flüssigkeitsmengen und Unverträglichkeiten.

Aber jetzt ist plötzlich etwas geschehen. Alte und Junge machen gerade eine Wiederentdeckung: sich selbst, den Bürger, der sich die Freiheit gibt und nimmt, etwas zu tun, sich um Geflüchtete kümmern und helfen zum Beispiel. Das war und ist viel politischer, als es zunächst den Anschein hatte. Weil es eine Definition der positiven Freiheit ist. Wer sich für Vertriebene und Schutzsuchende engagiert, erfindet und entdeckt endlich: Offenbar ist der Mensch nicht nur frei von etwas, sondern vor allem auch zu etwas. Die Jungen laden auf einmal Smartphone-Applikationen zum Warentausch, zur Nachbarschafts- und Flüchtlingshilfe oder zur politischen Selbstorganisation: Weltverbesserungs-Apps statt Selbstverbesserungs-Apps also.

Und diese Jugend-Studien muss man auch nur etwas genauer lesen: "Eine Mehrheit der Jugendlichen ist sich einig, dass gerade in der heutigen Zeit ein gemeinsamer Wertekanon von Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten gelten muss. Das gilt für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen", schreiben die Sinus-Forscher. Besser kann man die Suche nach der positiven Freiheit gar nicht definieren.

Wenn man die auf etwas breiteren Umfragemengen beruhende Shell-Jugendstudien des letzten Jahrzehnts nebeneinanderlegt, sieht man außerdem: Das Politikinteresse von Jugendlichen ist vom Tiefpunkt 39 auf jetzt 46 Prozent gestiegen.

Kann also sein, dass jetzt eine Zeit kommt und eine Generation, die anfängt, die Frage nach der anderen Seite der Freiheit neu zu klären, eine Generation, die es leid ist, sich über politische Lahmarschigkeit und Selbstoptimierungswahn in die Depression zu definieren. Kann auch sein, dass die Jungen uns alte Freiheitskämpfer längst mitgerissen haben auf diesem Weg zur anderen Seite der Freiheit. Ganz sicher sollten wir also nicht ausgerechnet ihnen das traurige Label "Generation Z" aufkleben, das jetzt zwar dran, aber in jeder Hinsicht auch das Letzte wäre. Sehr viel schöner ist Alpha: Generation Alpha, die Generation, die sich aufmachte, die positive Freiheit zu finden.