Familientrio Muss ich meinem Kind Markenklamotten kaufen?

Neonfarbene Turnschuhe - braucht es das wirklich?

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Mitschüler haben Smartphones und Markenklamotten, ein Vater kann seinem Sohn das nicht bezahlen und hat ein schlechtes Gewissen. Berechtigt? Experten antworten.

Ein Leser fragt:

In der Klasse meines elfjährigen Sohnes haben alle Jungs ein Smartphone und tragen T-Shirts von Hollister oder Abercrombie und Fitch. Sie haben neue, neonfarbene Turnschuhe, weil die jetzt "in" sind - und natürlich das sehr teure, offizielle Fußballtrikot. Mein Sohn beklagt sich niemals, dass er das alles nicht hat. Als Vater aber plagt mich ein permanent schlechtes Gewissen, dass ich auch bei ihm spare(n muss). Berechtigt? Oder nicht? Martin K., 45, München

Experten antworten:

Kirsten Boie: Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben!

Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie

(Foto: picture alliance / dpa)

Sie haben einen tollen Sohn! Natürlich müssen Sie kein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie ihm diese Dinge nicht kaufen können. Es liegt ja anscheinend nicht in Ihrer freien Entscheidung. Außerdem: Kinder werden sicher nicht zu zufriedeneren Menschen, wenn sie lernen, nur durch Statussymbole glücklich zu sein. Wer weiß, ob sie später selbst die Mittel dafür haben werden. Ein Problem könnte höchstens die Diskriminierung durch andere Kinder sein, danach klingt es aber bei Ihnen nicht - und außerdem ließe sich das dann vermutlich auch nicht allein durch neonfarbene Turnschuhe beheben. Tatsächlich hängt in der Regel die soziale Akzeptanz gar nicht so sehr von Statussymbolen ab, sondern viel stärker davon, wie ein Kind sich anderen gegenüber verhält. Aber trotzdem - oder gerade deshalb: Wenn Sie mal können, schenken Sie Ihrem Sohn doch ganz unerwartet mal so ein angesagtes Teil, auch damit er spürt: Es steckt keine Prinzipienreiterei hinter Ihrem Verhalten. Ganz sicher freut er sich über dieses eine Teil mehr als seine Klassenkameraden über ihre sämtlichen T-Shirts und Schuhe zusammen.

Kirsten Boie

Kirsten Boie ist Schriftstellerin und Autorin von mehr als hundert Kinder- und Jugendbüchern, darunter die allseits bekannten und geliebten "Geschichten aus dem Möwenweg" oder die Abenteuer des kleinen "Ritter Trenk".

Jesper Juul: Reden Sie mit Ihrem Sohn darüber!

Familientherapeut Jesper Juul.

(Foto: Franz Bischof)

Ich wünschte, Sie würden Ihre fürsorglichen Gedanken direkt an Ihren Sohn weitergeben. Erzählen Sie ihm davon und hören Sie ihm zu. Für ein Kind ist das bei Weitem wichtiger und wertvoller als jeder modische Trend, und es schafft eine stabile Grundlage zu Hause, die es leichter macht, mit der sozialen Realität umzugehen. Kinder verhalten sich zu Reichtum und Armut genauso, wie sie es von ihren Eltern kennen: Wenn Eltern sich schämen, arm zu sein, werden die Kinder das Gleiche fühlen. Wenn Eltern stolz auf ihre Besitztümer sind und ihren Reichtum vorzeigen, machen sie ihnen das auch nach. Beides Mal besteht das Risiko der sozialen Ausgrenzung und des Mobbings.

Jesper Juul

Jesper Juul ist Familientherapeut in Dänemark und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familie.

Katia Saalfrank: Vielleicht ist Ihrem Sohn das gar nicht wichtig?

Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank.

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Ich verstehe Ihren Konflikt nicht so ganz, zumindest scheint dieser mit Ihrem Sohn nichts zu tun zu haben. Ihr Sohn "beklagt" sich nicht und vielleicht sind ihm diese Markenrankings gar nicht so wichtig, wie Sie denken. Oder haben Sie den Eindruck, Ihr Sohn ist unglücklich? Mich würde aber interessieren, welche Werte in Ihrer Familie ansonsten gelten, und was Ihnen als Vater für Ihre Kinder außer materiellen Dingen noch wichtig ist. Denn vieles, was Eltern ihren Kindern (mit)geben können, ist mit Geld gar nicht aufzuwiegen: sich Zeit füreinander zu nehmen, offen für die Anliegen und Bedürfnisse der Familienmitglieder zu sein, mit Interesse aufeinander zuzugehen und in liebevollem und freundlichen Austausch miteinander zu sein. Dies jedenfalls sind wichtige Grundlagen, auf dessen Sie die Fragen, die Sie bewegen, auch mit Ihrem Sohn besprechen können. Reden Sie offen mit ihm und sagen Sie ihm auch, dass Sie sich wünschen würden, manchmal nicht so sehr aufs Geld schauen zu müssen. Ich bin sicher, dass Sie erstaunt sein werden, wie lohnend dieser Austausch mit Ihrem Kind sein kann.

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank ist Pädagogin, Musiktherapeutin und wurde als Fachberaterin in der Sendung "Die Super Nanny" bekannt. Heute arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis in der Eltern- und Familienberatung.

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