Familientrio:Was ist ein richtiges Hobby?

Statt Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, zu basteln oder zu lesen, ist die Teenagerin nur in ihrem Zimmer und telefoniert mit Freundinnen. Die Oma sorgt sich - zu recht? Unser Familientrio weiß Rat.

Drei meiner vier Enkel haben Hobbys. Nur die 13-Jährige legt alle Hobbys, die einvernehmlich mit ihr gefunden wurden, rasch nieder, Lesen und Basteln mag sie auch nicht. Fürs Homeschooling hat sie einen Laptop erhalten. Damit verbringt sie viel Zeit im Zimmer. Ist ihr Internet-Limit erreicht, telefoniert sie mit Freundinnen über Mode oder Kosmetik. Ich sorge mich (leider aus der Ferne) um ihre Entwicklung. Wie kann ich sie für ein Hobby begeistern?

Johanna G. aus Mönchengladbach

Herbert Renz-Polster:

Ich verstehe das Problem nicht ganz. Die Enkelin, von der die Rede ist, hat doch ein Hobby! Sie interessiert sich für Mode, für ihre Freundinnen, und was sie "in ihrem Zimmer" macht, dürfte auch dem entsprechen, was als Hobby definiert wird, nämlich eine "Freizeitbeschäftigung, die der Ausübende freiwillig und regelmäßig zum eigenen Vergnügen oder der Entspannung betreibt" - so Wikipedia. Vielleicht ist hier das Problem eher das, dass Sie eine andere Vorstellung von einem "richtigen" Hobby haben. Dies rührt dann an ein erzieherisches Grunddilemma, nämlich dass die Erziehenden oft klare Zielvorstellungen für die Entwicklung eines Kindes haben. Sie gehen dabei von dem aus, was ihnen selbst im Leben als richtig und wichtig erscheint. Das ist verständlich, führt in der Praxis aber oft auch zu Konflikten, weil unser Nachwuchs nun mal keine Kopie von uns selbst ist. Sondern der Welt mit ganz eigenen Kompetenzen, Begabungen und inneren Antreibern begegnet. Das auszuhalten und trotzdem den "Wert" und das "Eigene" im Kind anzuerkennen, ist die Magie von Erziehung. Gleichzeitig ist es die Grundlage eines echten Austausches. Und der gelingt umso besser, je wärmer der Draht zum Kind ist. Vielleicht bekommen Sie einen anderen Blick auf Ihre Enkelin, wenn Sie sie nicht nur aus der Ferne beurteilen? Dann können Sie vielleicht auch versuchen, das Hobby Ihrer Enkelin zu verstehen, statt es zu verurteilen.

Familientrio: Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Margit Auer:

Ich gehe mal davon aus, dass die 13-Jährige kein Einzelkind ist, sondern Geschwister hat, richtig? Dann würde ich kräftig durchatmen und darauf bauen, dass sich die Situation entspannt. Die Chancen stehen nicht schlecht. Geschwister und Freunde werden das Mädchen aus seinem Zimmer locken, da bin ich mir ziemlich sicher. Irgendwann wird es ihm nämlich zu doof werden, nur digital mit anderen zu kommunizieren. Dass 13-Jährige kein festes Hobby haben, finde ich nicht so tragisch. Einigeln dagegen schon. Wenn das der Fall ist, würde ich jede Chance nutzen, um das Mädchen ins Familienleben zu integrieren. Einkaufen, das Mittagessen kochen, einen Film für den Abend auswählen - solche Dinge.

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Collien Ulmen-Fernandes:

Liebe Johanna, hier meine schockierende Diagnose: Ihre 13-jährige Enkelin ist ein Teenager! Und zwar auf dem Höhepunkt ihrer Blüte. Gegen ihre Bocklosigkeit, gegen ihre Verweigerungshaltung, gegen ihr Desinteresse an allem außer an sich selbst, ist kein Kraut gewachsen. Dass alle anderen Enkel ambitionierten Hobbys nachgehen, zeigt mir, dass die Eltern interessante Angebote machen, an der Förderung scheitert es wohl nicht, nur an fehlender Lust, was aber in dieser Lebensphase voll okay ist. Ich würde Ihnen aber fast prognostizieren, dass eines Tages die heute 13-Jährige mit einem umso extravaganteren Hobby, einer lichterloh entflammten Leidenschaft für etwas ganz Besonderes um die Ecke kommen wird. Etwas, mit dem heute noch niemand rechnet, etwas, das all ihre Motivation freisetzt und vielleicht gar ihr künftiges Leben bestimmen wird. Klar, eine Garantie kann ich Ihnen nicht geben, aber sagen wir so: Es würde mich nicht wundern. Denn wer braucht schon schnöde Hobbys ...

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

© SZ vom 08.05.2021
Zur SZ-Startseite

Familientrio
:Wenn Kinder von Gewalt erzählen

Eine neue Freundin der Tochter behauptet, zu Hause geschlagen zu werden. Soll man das glauben? Die Eltern konfrontieren? Aber wie? Das Familientrio weiß Rat.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB