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Familie:Das große, gute Genaurichtigso

Familie - Ein Junge spielt mit einem Herz

Alle Eltern lieben ihre Kinder, wie sie sind - und vergleichen sie trotzdem dauernd mit anderen.

(Foto: Anna Kolosyuk/Unsplash)

Klar lieben Eltern ihre Kinder wie sie sind. Doch schon kurz nach der Geburt verfallen sie in den Rausch, sie ständig mit anderen vergleichen zu müssen. Warum ist das so - und wie kommt man da wieder raus?

Von Meredith Haaf

Das Kind kommt zu uns auf die Welt, nackt und nass und warm. Atmet die erste Luft, macht den ersten Schmatzer, bringt die kleine Hand an den Mund. Die Liebe zu unseren Kindern überfällt Eltern ja nicht immer exakt in diesem Moment. Manchmal zieht sie auch etwas gemächlicher in unser Leben ein. Was aber doch gleich da ist, ist die Gewissheit: Dieses Wesen ist genau richtig geworden.

Was also bringt uns dazu, zu fragen, ob bei unserem Kind auch wirklich alles gut genug läuft? Meistens beginnt es schon, sobald man ein Kind zum ersten Mal unter seinesgleichen mischt. Da liegt es dann, zum Beispiel beim Rückbildungskurs, neben anderen Babys auf der Matte, und man bemerkt auf einmal: Es ist ja ein vergleichsweise dickes Baby! Oder relativ dünn! Oder, Horror, das eigene Kind ist dieses eine, das dauernd schreit, während alle anderen gemütlich daliegen und vor sich hin glucksen. Auf einmal sieht man nicht nur das eigene Baby (natürlich weiterhin wunderbar!), sondern eben auch alle anderen.

Und man sieht auch all die anderen Eltern. Die Dinge anders machen als man selbst: merkwürdig, verkrampft, bewundernswert - möglicherweise besser?! Menschen, die Eltern werden, mutieren dabei oft auch zu manischen Ethnologen ihres eigenen Stamms. Was wären all die Bonding-Gespräche unter Müttern ohne das Große: "Und, wie ist das bei euch so?" Wissen aufzusaugen und weiterzugeben, die anderen zu beobachten, sich selbst andauernd zu fragen, ob man es richtig macht: Das gehört alles zum Prozess der Transformation.

Eltern im Abgleichsrausch

Manche entwickeln fast wissenschaftliche Methoden: akribische Beobachtung des kindlichen Verhaltens, Abgleich mit der vorhandenen Kontrollgruppe und Auswertung der Daten, um möglicherweise zu einer Erkenntnis über den Stand des eigenen Kindes zu kommen. Vielleicht schreit sie nur so viel, weil sie motorisch besonders begabt ist? Schließlich bewegt sie sich ja auch mehr als die anderen Babys. Oder sie ist einfach besonders sensibel? So wie das Kind von Steffi, das hat wohl auch sehr viel geschrien.

In den meisten Familien folgt die Vergleicherei einem natürlichen Verlauf, der in etwa so aussieht: Das erste Jahr ist geprägt vom Abgleichsrausch: Schläft er schon durch? Krabbelt sie schon? Jetzt könnte sie langsam Haare bekommen, die anderen haben doch auch. Im Kindergarten flaut es ab, da hat man die eigenen Kinder nicht mehr dauernd im Blick und hat sich daran gewöhnt, dass andere Menschen auch welche haben. Dann geht die Schule los, und die Fragen werden plötzlich andere: Kommt er mit? Liest sie schnell genug? Wird er es schaffen? Warum zum Teufel macht sie nicht einfach ihre Hausaufgaben, die anderen kriegen es doch auch hin!

Niemand gibt gern zu, dass er sein Kind mit anderen vergleicht. Wer will schon zu den Optimierungs-Eltern gehören, die immer darauf aus sind, die eigenen Kinder auf Exzellenz zu trimmen: Sprachförderung, Musikschule und mindestens ein Sport. Und schon gar nicht möchte man zur Helikopter-Fraktion gerechnet werden, die ständig über ihren Kindern kreist. Schließlich soll das Kind doch sein dürfen, wie es ist, und man liebt es ja auch genau so.

Wenn da nur nicht die Angst wäre, dass es sich selbst irgendwann weniger lieben wird, dass es womöglich nicht mitkommt in der Gesellschaft - wenn es nicht alles erfüllt, all die Erwartungen, die an einen Menschen eben so gestellt werden. Andererseits, nur die Ruhe: Vergleichen ist nun mal das, was Menschen in einer Gesellschaft tun. Wir haben einen ganzen Katalog an sozialen Praktiken entwickelt, die wir benutzen, um uns von anderen abzusetzen und unseren Wert in der Gesellschaft zu steigern - der Soziologe Pierre Bourdieu sprach vom sozialen und kulturellen Kapital, das ein Mensch anhäuft. Bourdieu schrieb zwar nicht über Elternschaft.

Kinder als Risikobündel, Eltern als Risikomanager

Doch die britische Erziehungssoziologin Ellie Lee sagt, dass sich im Erziehungsstil unbedingt auch kulturelles Kapital ausdrückt: "Elternschaft ist heute eine Möglichkeit, eine Identität aufzubauen, das Gefühl zu erleben, dass man etwas richtig macht." Und dieses Gefühl werde dadurch verstärkt, dass das eigene Kind sich im Vergleich zu anderen gut macht. Hinzu komme eine ungeheure Verantwortung, die auf Eltern übertragen werde.

Lees Kollege Frank Furedi spricht von einer Ideologie des "Elternschafts-Determinismus": Eine hyperindividualisierte Gesellschaft trifft auf Freudsche Theorie in dem Glauben, dass nichts für die Entwicklung eines Lebens so wichtig sei wie das Verhalten der Eltern. Das erzeugt nicht nur Druck, sondern auch eine tiefe Unsicherheit im Eltern-Kind-Verhältnis."Eltern beginnen ihre Kinder als eine Art Risikobündel zu sehen und sich selbst als Manager der Risiken", sagt Ellie Lee.

Natürlich ist es nicht vollkommen egal, wie wir unsere Kinder erziehen. Und dass wir uns für ihren Erfolg interessieren - also ob sie beliebt, sportlich, ehrgeizig, intelligent sind -, gehört zum Elternsein dazu. "Evolutionspsychologisch gesehen ist es richtig und normal, dass wir uns für die eigene Brut und deren Stärken mehr interessieren als für die anderen", sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert. Aber sie sagt auch: "Wer seinem Kind immer wieder vermittelt, dass es gegen andere bestehen muss, sabotiert das positive Bild, das die anderen von ihm haben könnten und behindert damit letztendlich das positive Selbstbild des Kindes."

Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht nur Leistung und materiellen Erfolg sehr hoch bewertet, sondern mit Schwächen teilweise ungnädig verfährt. Natürlich kann man versuchen, das eigene Kind optimal für so eine Gesellschaft zu rüsten. Noch wichtiger aber ist es, ihm zu helfen, dass es sich darin frei fühlen kann. Dafür müssen wir diesem Kind, das wir lieben, nicht unbedingt das Gefühl vermitteln, es sei egal, was die anderen machen, oder wie es abschneidet.

Aber ein bisschen egal darf es doch eigentlich schon sein. Denn das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist nicht die tollste Förderung und das aufmerksamste Fordern. Das eigentliche Geschenk ist, dass man ihm lässt, was am Anfang da war: das große, gute Genaurichtigso.

© Süddeutsche Zeitung Familie/bavo

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