Erwachsen werden Früher peinlich, heute normal

Warum das Ausziehen so schwer fällt? "Oftmals werden wirtschaftliche Gründe vorgeschoben, aber eigentlich ist das nicht der Grund", sagt Furedi. Vielmehr handele es sich um ein sinkendes Bedürfnis nach Unabhängigkeit und danach, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. "Als ich zur Uni ging, hätte es den gesellschaftlichen Tod bedeutet, in Begleitung seiner Eltern gesehen zu werden", erinnert sich der Soziologe. Heute hingegen sei das die Norm.

Die Medien spiegeln diese Entwicklung: TV-Serien wie "Gavin und Stacey" präsentieren Erwachsene, die bei ihren Eltern leben und sich verhalten wie Berufsjugendliche. "Immer mehr junge Erwachsene schauen sich Kinderfilme im Kino an" sagt Furedi. "Von den Zuschauern des Kinderprogramms in Amerika sind 25 Prozent nicht mehr als Kinder zu bezeichnen, sondern eher erwachsen."

Der US-Psychologe Jeffrey Jensen Arnett prägte den Begriff "Emerging Adults" für jene 20- bis 30-Jährigen, die immer später erwachsen werden. "Es handelt sich dabei um eine Zwischenstufe zwischen Jugend und Erwachsenenalter", erklärt Martin Pinquart, Professor für Entwicklungspsychologie an der Uni Marburg. In dieser Phase würden jungen Menschen zwar schon Erwachsenen-Privilegien eingeräumt, wie zum Beispiel Führerschein, Wahlrecht und Alkoholkonsum, aber noch nicht die volle Verantwortlichkeit - wie finanzielle Selbstversorgung und Berufstätigkeit.

Aber wann gilt man denn nun als erwachsen? Pinquart unterscheidet nach drei Krtiterien: "Erstens: die Altersgrenze. Zweitens: der Vollzug von Rollenübergängen ins Erwachsenealter, also Schulabschluss, Berufstätigkeit, Auszug, Elternschaft, Heirat. Und drittens: die psychosoziale Reife, die zeigt, ob jemand Verantwortung übernimmt für das eigene Verhalten."

Vor allem der Zeitpunkt, an dem diese Rollenübergänge vollzogen werden, habe sich verschoben - nicht zuletzt aufgrund der durchorganisierten Förderung durch übermotivierte Eltern. "Es bleibt schon weniger Raum, sich selbst auszuprobieren, eigene Hobbies zu entwickeln oder Zeit im Freundeskreis und außerhalb des Einflusses der Erwachsenen zu verbringen", gibt Pinquart zu bedenken. Hier müsse man versuchen, eine gute Balance zu finden, also einerseits Kompetenz zu erwerben und dennoch Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen.

Eine feste Altersgrenze ohne nähere Prüfung des einzelnen jungen Erwachsenen einzuführen, hält der Entwicklungspsychologe für schwierig. "In manchen Bereichen sind die meisten 18-Jährigen durchaus verantwortungsvoll, in anderen weniger - etwa, was Komatrinken und illegale Substanzen betrifft." Sinnvoller und auch angemessener seien daher Gutachten zur psychischen Reife und eine differenziertere Sicht auf die Thematik. "Ich bin eher für flexible Grenzen, zumal in dem Alter noch nicht alle klassischen Rollen des Erwachsenenseins übernommen werden."

Für ein Lamento im Sinne von "Früher war die Jugend besser" sieht er keinen Anlass, schließlich hätten das bereits unsere Vorfahren beklagt: Der US-Psychologe G. Stanley Hall schrieb 1906 in seinem ersten Lehrbuch über die Psychologie des Jugendalters, dass die damalige Jugend viel problematischer sei als vorherige. "Dieses Bild geistert durch diverse Schriften", sagt Pinquart. "Allerdings ist aus dieser Generation trotzdem etwas Vernünftiges geworden, genau wie aus den folgenden auch."