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Ernährung der Zukunft:Steaks für die Welt

Sieht aus wie ein echtes Steak, kommt aber aus dem Labor.

(Foto: Aleph Farms)

Man nehme Stammzellen und Nährlösung, fertig ist das Stück Rindfleisch. Zu Besuch im israelischen Rehovot, wo 2022 das erste künstlich hergestellte Steak als Schlachtfleisch-Alternative produziert werden soll.

Von Peter Münch

Es herrscht die Stille des Labors, Flüster- und Zehenspitzenstille, ein leises Summen nur liegt in der Luft. Mitarbeiter in weißen Kitteln hantieren unter Neonlicht mit Pipetten oder schauen gebannt durch ein Mikroskop. "Brennbar" steht auf einem Warnschild an der Wand, und in gefrierschrankgroßen weißen Boxen wächst hier das heran, was bald schon die weltweite Ernährung revolutionieren soll: ein richtig saftiges Steak.

Besuch in Rehovot, einem israelischen Städtchen unweit von Tel Aviv. In einer unscheinbaren Straße steht ein kastenförmiges Bürogebäude. Im Erdgeschoss ist die Filiale einer Bank untergebracht, darüber residiert eine Baufirma, und im obersten Stock hat sich Aleph Farms eingerichtet mit Büros und Labors für vorerst 40 Leute. Aleph ist der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet, hier wollen sie weltweit die Ersten sein, die künstlich gezüchtetes Rindfleisch zur Marktreife entwickeln. "Schon 2022 werden wir so weit sein", sagt Didier Toubia, der Gründer dieser Labor-Farm.

Toubia sitzt im Besprechungsraum gleich neben dem Labortrakt. Die Wände zieren Bilder, die den Bogen schlagen sollen von der alten zur schönen neuen Welt - Bilder von grünem Weideland, von glücklichen Kälbern und von einer Grillparty mit fröhlichen Menschen. In Frankreich, seiner ersten Heimat, hat Toubia Agrar- und Lebensmittelwissenschaften studiert. In Israel, der zweiten Heimat, hat er eine Business School besucht. Zwei Start-ups aus dem Medizintechnikbereich hat er schon schon gegründet und für Millionensummen verkauft. Doch Aleph Farms, so sagt er, ist etwas anderes. Die will er behalten - und groß machen. Zumindest von PR versteht der Unternehmer eine ganze Menge, auf der Internationalen Raumstation ISS gab es im Herbst 2020 einen Probelauf für ein "Space-Meat-Programm". In Kooperation mit der russischen Biotech-Firma 3D Bioprinting Solutions gelang es, Muskelfasern aus Tierzellen über einen 3D-Drucker in Form eines kleinen Steak-Stücks zu erzeugen. Die Firma träumt bereits von Produktionsstätten auf dem Mond oder auf dem Mars - mit solchen Visionen schafft man es weltweit in die Medien.

In-Vitro-Fleisch klingt nicht appetitlich

Warum das alles? Dafür nennt er gleich zwei Motive: "Ich mag gutes Fleisch und vor allem Rindfleisch", lautet das erste. Das zweite ist deutlich ambitionierter: "Schon als Teenager war es mein Traum, das Problem der Ernährung zu lösen", sagt er. "Meine Vision ist es, für jeden Menschen auf der Erde eine Fleischversorgung mit hoher Qualität zu sichern."

Das künstlich erzeugte Fleisch, auf das Toubia dabei setzt, ist allerdings längst noch nicht jedermanns Geschmack. Umfragen zufolge zeigen sich zum Beispiel in Deutschland nur 25 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen uneingeschränkt offen dafür - deutlich weniger als bei Fleischersatz auf pflanzlicher Basis. Als Frankenstein-oder Zombiefleisch wird es bisweilen noch geschmäht. In-Vitro-Fleisch oder Fleisch aus der Petrischale klingt da zwar sachlicher, aber auch nicht unbedingt appetitlich. "Clean meat", sauberes Fleisch, heißt es in den USA. Didier Tobia aber bevorzugt den Begriff "kultiviertes Fleisch". Denn das klingt nicht nur nach Zellkultur, sondern auch nach Esskultur. "Es soll ja nicht nur ernähren, sondern auch schmecken."

Am Anfang steht die Entnahme von Stammzellen, die dann in Bioreaktoren vervielfacht und in riesigen Mengen gezüchtet werden.

(Foto: Aleph Farms/Aleph Farms)

An Genuss denkt man allerdings erst einmal nicht, wenn man von Toubias Mitarbeiterin Ayelet Maor-Shoshani durchs hochsterile Labor geführt wird. Zuvor forschte sie am israelischen Weizmann-Institut sowie am MIT in Cambridge, Massachusetts, dann war sie als Expertin für Organzüchtung beim Pharmakonzern Teva beschäftigt. Nun erklärt sie, wie man auf dem schnellsten Weg von der Zelle zum Steak kommt: "Bei uns dauert das drei bis vier Wochen - statt der zwei bis drei Jahre von der Geburt bis zur Schlachtung einer Kuh."

Am Anfang steht die Entnahme von Stammzellen, die dann in Bioreaktoren vervielfacht und in riesigen Mengen gezüchtet werden. "Die Temperatur in den Inkubatoren ist die gleiche wie in einer Kuh", erklärt sie. "Die Frage ist nur: Was müssen wir hinzufügen, um die Zellen glücklich zu machen?" Lange Zeit verwendeten Forscher auf der ganzen Welt dafür sogenanntes fötales Kälberserum, das auf ziemlich grausame Weise gewonnen wird. Aleph Farms gibt an, die tierischen Bestandteile in der Nährlösung komplett ersetzt zu haben. Man nehme also Wasser, Proteine, Kohlenhydrate, Fette, Vitamine und Mineralien - fertig ist die Nährlösung zum Heran- und Zusammenwachsen der Zellen. Wichtig ist, dass dabei die Mischung stimmt aus Muskelzellen, Fettzellen, Blutzellen und Stützzellen. Schließlich soll das Produkt kein Fleischersatz sein oder ein zähes Imitat, sondern ein Steak, dass es in Sachen Textur, Geschmack und Aroma mit jedem Stück Schlachtfleisch aufnehmen kann.

"Unnatürlich ist die bisherige Fleischproduktion"

"Der einzige Unterschied ist, dass es außerhalb des Tieres gewachsen ist", sagt Didier Toubia. Wenn man ihn fragt, ob dies nicht unnatürlich sei, dann kontert er: "Unnatürlich ist die bisherige Art der Fleischproduktion." Der Firmenchef verweist auf die Bedingungen in der Massentierhaltung und auf die vielen Schlachthäuser, die er schon besucht habe. "Wir wollen ja nicht den kleinen Bauern mit drei Kühen in den Schweizer Alpen ersetzen, sondern die industrielle Fleischproduktion, bei der die Verbindung zwischen Mensch und Tier längst komplett gekappt ist."

Tatsächlich werden in jedem Jahr 70 Milliarden Tiere auf der Welt getötet: vor allem Rinder, Schweine, Hühner oder Truthähne, die exotischeren Vorlieben sind da nicht einmal einberechnet. "Wenn wir eine Kuh schlachten, macht das Fleisch nur 40 Prozent aus. Da ist ganz viel Abfall dabei", sagt Toubia. Winston Churchill klingt da an, der es einst schon als absurd bezeichnete, ein ganzes Huhn zu züchten, wenn man doch nur Brust, Keule oder Flügel bräuchte.

Überdies, so erklärt Toubia, sei das schlachtfreie Steak nicht kontaminiert mit Antibiotika, und es löse auch keine Seuchen aus wie Rinderwahnsinn, Schweinepest oder Vogelgrippe. "All diese Krankheiten und auch das Coronavirus kommen von den Tieren", warnt er. "Das wird noch schlimmer werden, wenn wir das System jetzt nicht ändern."

"Schon als Teenager war es mein Traum, das Problem der Ernährung zu lösen", sagt Didier Toubia.

(Foto: Aleph Farms)

Im Besprechungsraum neben dem Labor kommt Toubia, der Geschäftsmann, sehr schnell zu den großen und grundsätzlichen Dingen, zum Beispiel zum Ressourcenschutz. 15 000 Liter Wasser würden verbraucht für ein Kilo Fleisch, rechnet er vor. Insgesamt gingen somit acht Prozent des weltweiten Wasserbrauchs allein für die Fleischindustrie drauf, außerdem 33 Prozent des gesamten nutzbaren Farmlands. Die Viehzucht sei auch für 15 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Sein Fazit: "Wir müssen sehen, wie wir schnell wieder zu einer Balance mit der Natur zurückfinden."

Klar ist zumindest, dass es so wie jetzt kaum weitergehen kann. Denn der Fleischverbrauch auf der Erde wächst und wächst. Seit 1990 hat er sich auf 330 Millionen Tonnen jährlich verdoppelt, und einer Studie der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zufolge wird er in den nächsten drei Jahrzehnten noch einmal auf 465 Millionen Tonnen steigen.

Auch die Regierung schießt Fördergeld zu

Auf diesem Wachstumsmarkt dürfte also reichlich Platz sein auch für jene Firmen, die am kultivierten Fleisch arbeiten. Den Anfang hatte 2013 der Niederländer Mark Post gemacht, der bei einer PR-trächtigen Versammlung in London einen ziemlich trockenen Hamburger präsentierte und öffentlich verzehren ließ. Seither pumpen auch Investoren wie Bill Gates oder Richard Branson ihr Geld in diese neue Branche. Dutzende Firmen sind weltweit aktiv. Doch nirgends sind sie schon so weit wie in Israel.

"Wir sind eine Start-up-Nation", erklärt Toubia. "Aleph Farms ist ein tolles Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik." Von Beginn an kooperierte Aleph Farms mit dem Technion der Universität Haifa. Der führende israelische Lebensmittelkonzern Strauss sichert die Finanzierung, und auch die Regierung schießt Fördergeld zu.

So konnte es gelingen, dass Aleph Farms schon 2018, nur gut ein Jahr nach der Gründung, das erste kultivierte Minutensteak vorstellte. "Es war nicht größer als eine Kreditkarte", sagt Toubia. Klein und leicht also, aber trotzdem ein gewichtiger Anfang. Im November 2020 wurde auf dem Asien-Pazifik-Innovationsgipfel in Singapur dann schon der Prototyp eines Rindersteaks für die kommerzielle Produktion präsentiert. Und als ein paar Wochen später Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in Rehovot zu Gast war, wurde ihm gleich ein ganzes Menü serviert, zubereitet vom Küchenchef Amir Ilan, den das Unternehmen eigens für solche Anlässe unter Vertrag genommen hat. Mit angereist war überdies die Tierschutzbeauftragte der israelischen Regierung.

Koch Amir Ilan bereitet das Fleisch von Aleph Farms für offizielle Präsentationen zu.

(Foto: Tsafrir Abayov/AP)

Netanjahu lobte den "hervorragenden Geschmack", es sei "kein Unterschied" festzustellen zu normalem Fleisch. Er hob den "schuldfreien Genuss" hervor und versprach am Ende, dass Israel alles tun werde, um "ein Kraftzentrum für alternatives Fleisch" zu werden. Zu schade, dass man als Journalist derzeit noch nicht probieren darf - zu sensibel ist offenbar das ganze Projekt.

Kein Nischenprodukt für Reiche

Die Markttauglichkeit, das weiß auch Toubia, hängt jedoch nicht nur von den Geschmacksnerven des Regierungschefs ab, sondern vor allem vom Kilopreis für Fleisch. Der 140 Gramm schwere Burger des Holländers Mark Post hatte 2013 noch 250 000 Euro gekostet. Doch Didier Toubia vergleicht die Entwicklung des kultivierten Fleischs gern mit jener von Solarzellen, die anfangs auch sehr teuer waren und heute für jedermann erschwinglich sind.

Sein Steak soll bei der geplanten Markteinführung im nächsten Jahr nur noch 50 bis 100 Prozent über dem Preis für anderes Fleisch liegen. Anfangs wird es wohl nur in ein paar ausgesuchten Restaurants angeboten werden, als neues heißes Ding für den experimentierfreudigen Gourmet. "Aber wir wollen kein Nischenprodukt für Reiche werden", kündigt Toubia an. "Schon fünf Jahre nach dem Launch wollen wir Preisgleichheit herstellen."

Dann soll das Steak aus dem Inkubator in jedem Supermarkt zu haben sein - nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des jetzigen Angebots. "So wie es Weißwein neben Rotwein gibt, wird es dann auch zwei Kategorien von Fleisch geben: das Schlachtfleisch und das kultivierte Fleisch", sagt er. "Fleisch gibt es ja jetzt schon in tausend verschiedenen Produkten, und wir sind dann das Produkt Nummer 1001."

© SZ/jrot
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