Süddeutsche Zeitung

Erkältung und Sport:"Sport ist Stress und Entzündung"

Sport ist gesund - das gilt nicht immer. Körperliche Belastung kann sogar lebensgefährlich sein. Ein Mediziner über die Risiken.

M. Kuckuk

Holger Gabriel ist Professor für Sportmedizin an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Sein Credo: "Mal Pause machen". Denn die Quelle für gute Leistung liegt in der Regeneration.

sueddeutsche.de: Wie stärkt Sport das Immunsystem?

Prof. Holger Gabriel: Sport löst Stress und Entzündungen aus. Das klingt erst einmal negativ, doch das Gegenteil ist der Fall. Denn der Körper stärkt sich, indem er Belastungen ausgesetzt wird. Andernfalls reduziert er sich. Das einfachste Beispiel ist das Gipsbein: Wird das Bein ruhig gestellt, nimmt seine Muskulatur ab. Der Stress aber, dem Sie sich aussetzen - die Treppen, die Sie hochgehen, die Kilometer, die Sie joggen - sorgt dafür, dass der Körper in einem gewissen Trainingszustand bleibt. Dabei geht es um den richtig dosierten Stress. Die körperlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein, um die Anforderungen zu verarbeiten.

sueddeutsche.de: Man muss also bereits fit sein, um Sport gesund zu betreiben?

Gabriel: Sie müssen sowohl körperlich als auch psychisch darauf eingestellt sein. Beides spielt für das Immunsystem eine wichtige Rolle. Sport kostet Anstrengung, nicht nur, weil man ins Schwitzen gerät, sondern weil es auch psychische Überwindung kosten kann. Nach einer Stunde Joggen spürt man die körperliche Anstrengung. Diese ist messbar: Der Körper hat vermehrt Stresshormone ausgeschüttet - Adrenalin und unter Umständen auch Kortisol. Auch "Entzündungsmarker" sind zu messen. Diese Werte sind in der Regel sehr niedrig und in einem Bereich, den man gut verkraften kann.

sueddeutsche.de: Und dieser Stresszustand ist ein heilsamer?

Gabriel: Ja, das macht den Wert des Sports aus: Der Körper trainiert seine Stressverarbeitungssysteme. Er trainiert, mit solchen Entzündungen fertig zu werden. Diese Art von Entzündungen und die Aktivierung des Stoffwechsels und Hormonsystems benötigt der Körper, um auf einem Optimalniveau zu bleiben. Das ist einer der Gründe, warum man vor gut planbaren Operationen die Patienten in den Monaten vor dem Eingriff körperlich austrainiert. Sie werden stressresistenter und ihr Körper kann mit der Extremsituation "Operation" besser umgehen.

sueddeutsche.de: Wie viel Sport ist gut und ab wann übertreibt man es?

Gabriel: Meine Empfehlung als Gesundheitssportler: Betreiben Sie an den meisten Tagen der Woche eine halbe bis Dreiviertelstunde eine Ausdauersportart - Laufen, Radfahren, Walken, Schwimmen, Skilanglauf, Rudern, Ballsportarten. Und zusätzlich mindestens zwei Mal die Woche ein kraftorientiertes Training, etwa Gymnastik oder Fitnesstraining im Kraftraum.

Diese Idee von einem Idealtraining wird mindestens drei Viertel der Menschen unseres Kulturkreises frustrieren. Denn an eine solche Norm ist kaum einer gewöhnt und die wenigsten haben die Zeit für ein solches Programm. Es soll deshalb als Richtungsvorgabe verstanden werden, nach der der Einzelne sein Trainingsoptimum finden kann.

sueddeutsche.de: Wie findet man sein persönliches Optimum heraus?

Gabriel: Menschen mit viel Sporterfahrung finden schnell heraus, was ihnen guttut, auch wenn sie eine Pause von zwanzig Jahren eingelegt haben. Unerfahrene sollten sich fachkundige Hilfe holen. Doch auch wer sportlich (wieder) einsteigt und älter als 35 Jahre alt ist, muss erst einmal zu einem Sportarzt gehen, um sicher zu gehen, dass ihn keine Krankheit daran hindert, richtig loszulegen. Fürs Training selbst findet man fachkundigen Rat im Sportverein, Fitness-Studio, beim Betriebssport oder im Lauftreff.

sueddeutsche.de: Welche Warnsignale sendet denn mein Körper, wenn ich es doch übertreibe?

Gabriel: Zum Beispiel Schmerzen. Wenn ein Untrainierter aus dem Stand täglich eine Stunde joggen geht, wird er bald Überlastungserscheinungen wie Achillessehnenbeschwerden bekommen. Es kann Wochen oder Monate dauern, bis sich der Körper an die regelmäßige Belastung gewöhnt hat. Weiterhin droht man, das Immunsystem zu schwächen und man fällt von einem Infekt in den nächsten, denn die Schleimhäute werden durchlässiger für Krankheitserreger. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass der Körper überfordert ist mit der Belastung - und zwar physisch und psychisch.

sueddeutsche.de: Inwiefern belastet Sport psychisch?

Gabriel: Menschen mit extrem viel Stress und einer schlechten Stressverarbeitung vertragen nicht noch zusätzlich den Stress, den der Sport für den Körper bedeutet. Es ist ein Trugschluss zu sagen: Ich habe gerade extrem viel Stress, ich will mir was Gutes tun und treibe Sport. Sport kann in diesem Fall das Fass zum Überlaufen bringen, also kontraproduktiv wirken. Ehe man Sport macht, muss man erst mal in den anderen Bereichen den Stress minimieren.

Auf der nächsten Seite: Bei welchen Symptomen man die Sportschuhe stehen lassen sollte.

"Sport ist Stress und Entzündung"

sueddeutsche.de: Aber Sie sagten doch, Sport mache stressresistent?

Gabriel: Ja, aber nicht sofort. Es dauert wirklich Wochen, Monate, manchmal Jahre. Im Sport muss die Belastung und die Erholung ausgeglichen sein. Die Belastung muss auf einen belastbaren Körper treffen. Wenn ich den Körper aber mehr belaste, als er belastbar ist, muss ich mehr Erholung in meinen Trainingsplan einbauen.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das in der Erkältungszeit? Wie lange muss ich pausieren, wenn ich einen Schnupfen habe?

Gabriel: Es gibt keine Pauschalantwort. Aber es gibt zwei Risiken, die dringend zu bedenken sind: Die größte Gefahr ist der plötzliche Herztod. Das kann sowohl Leistungssportler als auch Freizeitsportler treffen. Häufig hängt das mit einer Herzmuskelentzündung zusammen, die durch festgesetzte Infektionen entstanden ist. Dadurch enstehen Herzrhythmusstörungen, an denen man akut versterben kann. Insbesondere dann, wenn man sich durch Sport körperlich belastet. Das Herz ist schlicht überfordert. Die zweite Gefahr: Man wird infektanfällig. Es bildet sich ein Infektionsherd aus. Mandel- oder Kieferhöhlenentzündung können chronisch werden.

sueddeutsche.de: Bei welchen Symptomen sollte ich also auf jeden Fall die Sportschuhe stehen lassen?

Gabriel: Ich darf unter gar keinen Umständen Sport treiben, wenn ich Fieber habe, bei Schwellungen und Schmerzen im Hals, in den Ohren und Kieferhöhlen. Aber auch bei allgemeinen Symptomen, wie Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen, Rücken- und Nackenschmerzen oder Gelenkschwellungen, Kopf- und Bauchschmerzen beim Infekt der oberen Luftwege. Auch dann: kein Sport! Andererseits kann der Sportgeübte bei einem leichten Schnupfen ein leichtes Training fortsetzen. Dann reichen aber zwanzig Minuten laufen statt einer Stunde. Aber am besten macht man einfach einen ausgedehnten Spaziergang, denn körperlich aktiv bleiben hilft.

sueddeutsche.de: Ist es denn besser, sich draußen zu bewegen als Indoorsport zu betreiben - wegen der frischen Luft für die Schleimhäute?

Gabriel: Diese generelle Aussage kann man nicht treffen. Es geht darum, dass der Einzelne für sich herausfindet, was gut für ihn ist. Und die Hauptsache ist: Man ist körperlich aktiv. Es muss nicht gleich Sport sein, denn es gibt viele ältere und kränkere Menschen unter uns, denen das nicht möglich ist. Es ist auch unrealistisch zu verlangen, dass jeder täglich draußen eine Stunde Rad fährt oder läuft, insbesondere für Menschen in der Großstadt. Im Fitness-Studio und selbst zu Hause kann ich mich ausreichend bewegen.

sueddeutsche.de: Haben Sie Tipps, wie man möglichst schnell wieder auf die Beine kommt?

Gabriel: Müssen Sie denn möglichst schnell wieder fit werden?

sueddeutsche.de: Um arbeiten zu gehen ...

Gabriel: Also, wenn das Ziel ist, möglichst schnell wieder produktiv zu sein, dann behaupte ich: Es macht keinen Sinn. Dieser Druck ist hinderlich, um dem Körper Erholung zu geben. Niemand ist so wichtig, dass man ihn nicht ersetzen könnte. Wenn ich diesen Druck von mir nehme, habe ich das erste Gute getan, damit ich schneller wieder gesund werde. Und ganz praktisch gesprochen: Nehmen Sie viel Vitamin C und Zink zu sich. Essen Sie Leichtes und Frisches und trinken frische Säfte. Bei den vielen Mittelchen in der Apotheke wäre ich zögerlich; sie kosten häufig unnötig viel Geld. Die bewusste Ernährung kann man zum Anlass nehmen, seine Ernährung generell so zu ändern, dass man die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung erfüllt.

sueddeutsche.de: Ihr Credo ist also: Besser mal eine Pause einlegen?

Gabriel: Ja, sowohl im Spitzen- als auch im Freizeitsport ist die wichtigste Quelle für gute Leistung: die Regeneration. Trainieren kann jeder, ausreichend zu pausieren wissen leider die wenigsten. Also: Zuerst die Pause planen, dann die Belastung. Dann beugt Sport Entzündungen im Körper vor - und damit langfristig Krankheiten wie Arteriosklerose und Herzinfarkt.

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