"Er sagt, sie sagt" Tür zu!

Partnerschaft und Privatsphäre müssen sich nicht ausschließen.

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Das Badezimmer ist in Kerzenlicht getaucht. Sphärische Klänge dringen durch die Dampfschwaden, die aus der Wanne emporsteigen. Sie liegt träge im Wasser, die Augen geschlossen. Die Tür geht auf, er kommt rein.

Von Violetta Simon

Er: Puh, hier sieht man ja die Hand vor Augen nicht!

Er klappt den Klodeckel hoch und setzt sich. Missmutig linst sie über den Badewannenrand hinweg zu ihm hinüber, während er vertrauensselig vor sich hinplätschert.

Sie: Also ich könnte das ja nicht. Einfach so pinkeln, wenn mir jemand dabei zusieht.

Er: Du bist ja auch nicht irgendjemand, mein Schatz. Vor dir habe ich keinerlei Hemmungen.

Sie: Oh ja. Ich weiß.

Bevor er wieder geht, wischt er mit der flachen Hand über den beschlagenen Badezimmerspiegel und versucht, sein Gesicht darin zu erkennen, um sich einen Pickel auszudrücken.

Sie: Hast du's dann?

Er: Ist ja gut, ich bin schon weg.

Sie (ruft ihm hinterher): Und schließ' bitte die Tür hinter dir. Ganz!

Er (steckt noch mal den Kopf durch die Tür): Was ist mit der Gummi-Ente, darf die etwa bleiben?

Sie: Raus!

Er: Sehr wohl, Frau Müller-Lüdenscheidt.

Fünf Minuten später kommt er wieder herein, sie fährt hoch und verschluckt sich am Badewasser.

Er: Nicht erschrecken, ich bin's doch nur. Jetzt ist mir wieder eingefallen, was ich noch machen wollte. (Er stellt einen Fuß auf die Klobrille und beginnt, mit einem Zwicker an seinen Zehennägeln herumzuknipsen)

Sie: Und das muss ausgerechnet jetzt sein? Würde es dir etwas ausmachen, damit zu warten, bis ich fertig gebadet habe?

Er: Aber Liebes - wir beide wissen doch nur zu gut: Es kann ewig dauern, bis du da wieder rauskommst. Keine Angst, ich störe dich nicht.

Sie: Tust du doch. Ich würde mich nämlich gern entspannen. Und das geht nicht, wenn du ... (feindselig verfolgt sie den Flug eines Nagelsplitters, der durch die Luft segelt) ... das da vor meinen Augen machst.

Er (zieht den Duschvorhang zu): So, nun kannst du dich entspannen.

Knips. Knips.

Sie: Ich kann dich immer noch hören. Bist du endlich fertig? Ich bekomme hier drin Beklemmungen.

Er (zieht den Vorhang wieder zurück): Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn ich dir beim Baden Gesellschaft leiste und nebenbei ein bisschen Pediküre mache?

Sie: So eine Frage hättest du mir vor acht Jahren niemals gestellt.

Er: Damals hätte dich so was auch nie gestört.

Sie: Von wegen. Ich hätte es nur nicht zugegeben.

Er: Genau. Und weißt du, warum? Weil wir damals nicht so vertraut miteinander waren wie heute. Jetzt mal ehrlich: Wir kennen uns inzwischen doch gut genug.

Sie: Was soll das heißen - gut genug, um sich gegenseitig an der Körperhygiene teilhaben zu lassen? In dem Fall würde ich dich lieber weniger gut kennen. Hast du denn gar kein Bedürfnis nach ein wenig Intimsphäre?

Er: Ach komm' schon. Weißt du noch? Damals haben wir uns sogar die Zahnbürste geteilt!

Sie: Aber doch nur, wenn ich spontan bei dir übernachtet habe - und nur, weil du keine Gäste-Zahnbürste hattest.

Er: Wo liegt denn bitte der Unterschied, ob wir uns küssen oder die Zahnbürste teilen?

Sie: Darüber möchte ich jetzt wirklich nicht sprechen. Ich bade gerade, und da will ich dir weder beim Pinkeln zusehen müssen noch beim Fußnägelschneiden. Und auch nicht über gemeinsame Zahnbürsten nachdenken. Fehlt nur noch, dass du dir die Nasenhaare entfernst.

Er: Ich sehe schon, du bist eindeutig unlocker. Ich hatte gehofft, du hättest dir ebenfalls ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper bewahrt. Aber ich bleibe dabei: Schamgefühl unter Liebenden ist unnötig.

Sie: Du klingst wie Rainer Langhans. Warum hängst du nicht gleich die Klotür aus - Toilettenbesuch und Nägelschneiden als kollektives Happening, seht alle her!

Er: Hoffentlich ist da viel Melisse und Lavendel drin, in deinem Badezusatz. Das soll ja entspannen. Knips, Knips.

Plötzlich fliegt ein Stück Nagel durch die Luft - direkt in ihr Badewasser.

Er: Uuups!

Sie: So. Ich denke, es reicht. Ich habe genug gebadet. Dann werde ich mir jetzt mal ein paar Meter Alufolie um den Kopf wickeln, um meine Haartönung zu intensivieren und anschließend die Beine epilieren. Dazu werde ich mir mithilfe von Wachsstreifen schreckliche Schmerzen zufügen und dabei das Gesicht zu einer unansehnlichen Fratze verzerren. Kein schöner Anbklick, wenn du verstehst, was ich meine.

Er: Hm ... dann werde ich vielleicht doch besser gehen. Weißt du, ich muss nicht unbedingt Zeuge deiner wundersamen Verwandlung sein. Sondern erfreue mich lieber an ihrem Ergebnis. Was dagegen, wenn ich die Gummi-Ente mitnehme? So was sollte sie nicht sehen.