"Er sagt, sie sagt" Sie hat den Knall, er die Tüte

Zumutung oder Liebesbeweis? Warten vor Umkleidekabinen.

(Foto: iStock)

Er und sie beim Shoppen. Sie arbeiten sich von Geschäft zu Geschäft - Wäscheladen, Schuhladen, Klamottenladen. Gerade betreten sie eine Handtaschenboutique. Er bleibt am Eingang stehen, ganz offensichtlich ausgelaugt, und starrt verdrießlich ins Leere.

Von Violetta Simon

Sie: Ich bitte dich, steh' da doch nicht so herum. Das wirkt ja, als würdest du gleich wieder gehen!

Er: Würde ich ja auch am liebsten ...

Sie: Warum bist du dann überhaupt mitgekommen?

Er: Du kannst vielleicht fragen. Weil du mich dazu genötigt hast! Ich verstehe ja selbst nicht, warum du mich jedes Mal dabei haben willst.

Sie: Na, wegen der Tüten?

Er: Dachte ich mir. Du denkst nur an dich. Dir ist ganz egal, wie ich mich dabei fühle.

Sie: Ach komm' schon, ich mach' doch nur Spaß!

Er: Toller Spaß.

Sie: Jetzt hab' ich ein schlechtes Gewissen. Komm, lass' uns nach Hause fahren.

Er: Kommt nicht in Frage. Du behältst das schlechte Gewissen mal schön bei dir, da ist es mir lieber. Er setzt sich in Bewegung, die Taschen demonstrativ hinter sich her ziehend, und bleibt neben ihr stehen.

Sie (seufzt, nimmt eine Handtasche aus dem Regal und dreht sich damit zu ihm): Schau mal, wie findest du die?

Er: So eine hast du doch schon.

Sie: Das behauptest du jedes Mal, wenn ich etwas Schönes sehe. So eine hatte ich noch nie!

Er: Das behauptest du jedes Mal, wenn du etwas kaufen willst. Ich bin mir jedenfalls ganz sicher, dass du genau so eine bereits hast. Na ja, oder so eine ähnliche.

Sie: Du meinst die Rote mit den Stickereien? Die sieht ganz anders aus.

Er: Nein, die meine ich nicht. Glaube ich.

Sie: Dann die mit der großen Schnalle? Die habe ich schon vor Ewigkeiten meiner Schwester geschenkt.

Er: Du verschenkst also deine Taschen, damit du dir anschließend neue anschaffen kannst.

Sie: Ach woher. Die alte war senfgelb. Die hier ist eindeutig ockerfarben.

Er: Na gut, meinetwegen nehmen wir die auch noch mit. Können wir dann?

Sie: Jetzt warte doch mal!

Er: Ja, das tue ich doch die ganze Zeit! Warten, nichts als warten.

Sie: Warum fühle ich mich dann von dir gedrängelt?

Er: Bitte!? Seit zwei Stunden bewege ich mich zentimeterweise wie eine angeleinte Schnecke und bepackt wie ein Muli in deinem Windschatten voran.

Sie: Es ist deine Ausstrahlung.

Er: Du meinst, man sieht mir an, dass dieses erzwungene Nichtstun sich unvorteilhaft auf meine Laune auswirkt und dass ich am Gefühl der Fremdbestimmheit verzweifle? Wäre durchaus möglich.

Sie: Na ja, ich finde, du wirkst einfach nur genervt und desinteressiert.

Er: Und wenn schon, wäre das ein Wunder? Wusstest du eigentlich, dass Männer ein ganzes Lebensjahr damit verschwenden, auf ihre Frauen zu warten?

Sie: Davon kann bei dir aber keine Rede sein, so wie du mich immer hetzt.

Er: Ich bitte dich! Allein in den Bekleidungsgeschäften dieser Stadt verbringe ich laut Statistik mehrere Wochen meines Lebens mit Warten. Das entspricht in etwa der Dauer einer Weltreise! Da siehst du mal, wie viel Zeit ich mir für deine Bedürfnisse nehme. Aber das wird kein bisschen geschätzt.

Sie: Jetzt geht das wieder los.

Er: Du weißt ja nicht, wie das ist: warten, ohne zu wissen, worauf. Ohne zu wissen, wie lange. Ohne zu wissen, ob am Ende etwas dabei herauskommt.

Sie: Das wusstest du damals auch nicht, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und weißt du noch, was du zu mir gesagt hast? "Ganz egal, wie lange es dauert - ich werde auf dich warten."

Er: Da hast du aber etwas missverstanden. Doch nicht vor Umkleiden. Oder Badezimmertüren! Abgesehen davon waren damals die Aussichten auf das Ende der Warterei schon ein bisschen verlockender. Heute blüht mir am Ende bestenfalls Tütenschleppen.

Sie: Was erwartest du jetzt von mir - dass ich dir ein Eis kaufe? Warum siehst du es nicht einfach mal positiv - endlich mal Zeit, seine Gedanken schweifen zu lassen. Wann wird einem schon mal so viel Zeit geschenkt!

Er: Gestohlen trifft es besser.

Sie: Weißt du was? Für Menschen wie dich gibt es einen Namen: Shop-ping-brem-se.

Er: Für Menschen wie dich auch: Nim-mer-satt. Darf ich an dieser Stelle Epikur zitieren: "Wem wenig nicht genügt, dem genügt nichts." Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis du mich auch ausmusterst ...

Sie: Also bitte, jetzt komm' mir nicht so, ja? Du bist schließlich keine Bluse.

Er: Ist doch wahr.

Eine Verkäuferin nähert sich und fragt, ob sie behilflich sein kann.

Sie: Hm, also wenn Sie sich schon so freundlich erkundigen - ich hätte da eine etwas ungewöhnliche Frage, es geht um meinen Mann.

Er: Untersteh' dich!

Sie (fährt unbeirrt fort): Sie hätten nicht zufällig Verwendung für ihn? Ich würde ihn gern in Zahlung geben oder gegen eine Tasche eintauschen, wenn das möglich wäre. Er ist mir hier keine große Hilfe, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Verkäuferin (lächelt wissend): Ich verstehe sogar sehr gut, aber ich fürchte, da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen.

Er: Tja, so wie es aussieht, wirst du wohl noch eine Weile mit mir Vorlieb nehmen müssen. Und, was ist jetzt mit der Tasche?

Sie: Ich glaube, ich will jetzt keine mehr.

Er: Umso besser! Vielleicht suchen wir dann zur Abwechslung mal nach Herrenklamotten, dann könnte ich mich zumindest optisch erneuern.

Sie: Wenn du meinst ...

Er: Und weißt du was? Zur Belohnung darfst du dir später ein Eis aussuchen. Sollst ja wissen, wofür du gewartet hast.