Kolumne „Bestiarium“„Lilly sieht mich als Mutterente“

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Eine besondere Beziehung: Ioan Zahorneanu und seine Ente.
Eine besondere Beziehung: Ioan Zahorneanu und seine Ente. Ioan Zahorneanu

Ioan Zahorneanu und seine Frau Christel haben eine besondere Beziehung zu ihrer Warzenente. Gemeinsame Fernsehabende und lange Spaziergänge haben sie schon erlebt. Manchmal fragen sich die Zahorneanus, ob ihre Ente glaubt, sie sei ein Mensch.

Von Lea Ehrenberg

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Wenn Ioan Zahorneanu sagt, dass er sich am Abend noch eine  Stunde zu Lilly gesetzt hat, „weil sie alleine nicht einschlafen konnte, nur mit mir“, dann meint der 75-Jährige nicht etwa seine Enkelin. Sondern seine Ente. Genauer gesagt: seine Warzenente.

Gemeinsam mit Lilly und seiner Frau Christel lebt er in Serres. Einem kleinen Dorf zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Direkt neben dem Einfamilienhaus mit Garten der Zahorneanus steht ein Spielplatz mit großem Klettergerüst. Die Kinder, die hier spielen, beobachten Lilly, wenn sie im Garten ist. Und Lilly beobachtet zurück. Oder pickt ihren Mais, sucht nach Regenwürmern, watschelt durch das grüne Gras.

Ioan und Christel Zahorneanu haben sie vor vier Jahren von Freunden bekommen, die in Rumänien einen Bauernhof haben. Damals war sie noch ganz klein, gerade erst aus dem Ei geschlüpft. In einem Karton transportierten sie Lilly nach Deutschland. Eigentlich war sie mal als Geschenk für die Enkelin gedacht, die hätte aber lieber Hasen gehabt. Also kümmert sich Ioan Zahorneanu jetzt selbst um Lilly.

Gleich von Anfang an hatten sie eine enge Beziehung. Sie schlief auf seiner Brust. „Lilly sieht mich als Mutterente“, sagt er. Leicht war es nicht. „Wenn sie mich nicht gesehen hat, hat sie einen Zirkus gemacht. Sie hat geschrien und geschrien. Wir haben irgendwann gesagt, wir können nicht mehr, sie macht so einen Krawall.“ Dabei sei das Geschrei für die Zahorneanus selbst gar kein wirkliches Problem gewesen. Sie machten sich eher Sorgen darum, ob es den Nachbarn auf die Nerven gehen könne.

Nach zwei Monaten brachten sie Lilly zu einem Züchter im Nachbarort. Die anderen Enten dort nahmen sie aber nicht an. Lilly versteckte sich unter dem Stall und verbrachte ihre Zeit notgedrungen mit den Hasen. Nur drei Tage war sie dort, und an jedem einzelnen Tag haben die Zahorneanus sie besucht und Regenwürmer mitgebracht. „Wenn wir gekommen sind, ist sie immer gleich zum Zaun gelaufen und hat gejammert“, erzählt Christel Zahorneanu. „Mir hat sie so leidgetan. Ich hab’ geweint und gesagt, also da lassen wir sie nicht.“ Schließlich brachten sie Lilly wieder nach Hause. Wenn Christel Zahorneanu von dieser Rückkehr spricht, seufzt sie erleichtert.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit: Lilly sitzt auch ganz gerne mal im Wohnzimmer des Ehepaares.
Probier’s mal mit Gemütlichkeit: Lilly sitzt auch ganz gerne mal im Wohnzimmer des Ehepaares. Ioan Zahorneanu

Sie schauten dann zu dritt Fernsehen. Ioan Zahorneanu fing Mücken für sie. Auch auf lange Spaziergänge nahmen sie Lilly mit – und ein Körbchen, in das sich die Ente setzen konnte, wenn ihr der Weg zu anstrengend wurde. Andere Spaziergänger wunderten sich. Was denn das für ein Tier sei, wollten sie wissen. „Das ist Lilly“, sagte Ioan Zahorneanu dann. „Wer hat schon eine Ente als Haustier?“, sagt Christel Zahorneanu. In Serres, wo sonst eher Kühe oder Schafe der Standard sind, haben sich die Leute inzwischen an Lilly gewöhnt.

Und auch am Geschrei störte man sich in der Nachbarschaft nicht. Im Gegenteil. Gegenüber lebte eine Familie, die aus der Ukraine geflohen war. Die Nachbarin kam jeden Morgen zu Lilly, um sich „mit ihr zu unterhalten“, wie Ioan Zahorneanu sagt. In der Ukraine hatte die Frau auch Enten gehabt. „Sie hat sich erinnert und geweint.  Auf Russisch hat sie erzählt, das haben wir natürlich nicht verstanden. Aber ich habe gesagt: Guck mal, Lilly lernt jetzt Russisch.“ Es war dann trotzdem gut, dass Lilly im Alter von sechs Monaten mit dem Piepsen aufhörte.

Ein paar Jahre wird Lilly Ioan Zahorneanu und seine Frau sicherlich noch begleiten. Warzenenten können bis zu 20 Jahre alt werden. „Die Frage ist: Wer beerdigt wen? Wir Lilly oder sie uns?“, lacht er.

Das Ehepaar stammt aus Rumänien, 1988 sind sie nach Deutschland gekommen. „In Rumänien hatten wir alles. Geld, Auto, Essen – aber keine Freiheit“, sagt Ioan Zahorneanu, der in Timișoara, einer Stadt im Westen Rumäniens, Grundschullehrer war. Christel Zahorneanu hat deutsche Vorfahren, weshalb die Ausreise möglich war. Während sie im Kindergarten arbeitete, konnte Ioan Zahorneanu auf Deutsch gerade einmal „Guten Morgen“ sagen und arbeitete an einer Maschine. Nach einer „langen Odyssee“, wie es seine Frau bezeichnet, fand er einen neuen Job in der Pharmabranche: Er optimierte zahlreiche Medikamente und war Betriebsrat bei Weimer Pharma sowie später Vorsitzender der Pharma-Sparte bei Körber. „Wenn ich zurückblicke, habe ich ein erfülltes Leben gehabt. Ich bin sehr zufrieden. Ich habe alles gesehen und alles gegeben. Jetzt bin ich zu Hause und beschäftige mich mit Lilly“, sagt Ioan Zahorneanu.

Lilly lebt im Garten des Paares. Blumen, Rasen, Gemüsebeet, zwei Korbschaukeln, unter denen sie im Sommer gerne sitzt. Einen Zaun gibt es nicht. Trotzdem verlässt die Ente nie das Grundstück. „Sie läuft nicht weg, weil sie weiß, das hier ist ihr Zuhause“, sagt Ioan Zahorneanu. „Sie ist zufrieden und hat alles, was sie braucht.“ Sie überlegten schon, eine zweite Ente dazuzuholen, damit Lilly eine Kameradin hätte. Aber dann müssten sie wohl doch einen Zaun bauen, und das gehe nicht. Sie wollen Lilly nicht hinter Gittern halten.

Inzwischen ist sie zu schwer, um im Körbchen getragen zu werden, sie wiegt sechs Kilo

Wenn die Zahorneanus einkaufen sind, wartet sie vorne an der Haustür, auf der Fußmatte, bis die beiden wieder zurück sind. Genauso, wenn sie spazieren gehen. Um im Körbchen getragen zu werden, ist die Ente mit ihren sechs Kilo mittlerweile nämlich zu schwer. Das Auto der Zahorneanus erkennt sie am Geräusch und watschelt ihnen bei ihrer Rückkehr schon entgegen.

Der Garten der Zahorneunus grenzt direkt an den Garten ihrer Tochter, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter dort wohnt. Nur eine Steinmauer und eine Edelstahltreppe trennt die beiden Grundstücke voneinander. Wenn sie drüben einen Besuch machen, wartet Lilly brav auf der Steinmauer und schaut hinüber in den Garten, sie beobachtet, was dort vor sich geht. Abends schaut sie zum Fenster rein, ob das Licht noch brennt, der Fernseher noch läuft. Hat sie kein Futter mehr, klopft sie mit dem Schnabel gegen die Scheibe der Terrassentür.  „Niemand weiß, was im Kopf von Lilly vorgeht. Entweder denkt sie, dass sie auch ein Mensch ist, wie wir. Oder sie denkt, diese blöden Menschen denken, dass sie Enten sind“, sagt Ioan Zahorneanu.

Nachts muss Lilly aber doch in den Stall. Wegen der Marder. Als sie klein war, hat sie noch in der Gartenhütte in einem Karton geschlafen. Dafür ist sie jetzt aber zu groß. Deshalb hat Ioan Zahorneanu einen Hasenstall für sie besorgt, in den sie nur äußerst ungern gesperrt wird. Also hat er noch ein Vordach mit Maschendrahtzaun vor den Stall gebaut. Dort ist die Ente lieber. „Villa Lilly“ nennt Christel Zahorneanu das Gehege. Einziges Problem: Lilly lässt sich nur von Ioan Zahorneanu hineinbegleiten. Und wenn das Ehepaar im Urlaub ist, muss die Tochter sie einfangen. Keine einfache Aufgabe, einmal musste sie die Nacht daher draußen verbringen. Ganz anders bei Ioan Zahorneanu: „Ich muss nur kommen und sagen: Lilly, heia. Und dann, tip, tip, tip, watschelt sie mir ohne Probleme hinterher in den Stall. Verrückt.“ Aus dem Urlaub fragen sie immer bei der Tochter an, wie es der Ente geht. Die meldet dann per Whatsapp: „Lilly ist im Bett.“

Seit ein paar Tagen ist die Beziehung zwischen Ioan Zahorneanu und Lilly allerdings etwas angespannt. Sie wollte ihn picken. „Ich habe gesagt, das geht so nicht, Lilly!“ Keine Reaktion. Also hat er sie in ihr Häuschen gesperrt – nicht in den Hasenstall natürlich, nur unter das Vordach. Aber das hat gereicht, Lilly ist nachtragend. „Sie hat ein Gedächtnis! Man denkt nicht, dass eine Ente sich erinnern kann. Sie denkt jetzt, wenn ich sie fange, muss sie in ihr Haus. Deshalb kann ich sie gerade nicht halten.“ Irgendwann werde sie aber ganz von allein wiederkommen. Sie sitze viel zu gerne bei Ioan Zahorneanu auf der Schulter, als dass sie jetzt für immer beleidigt wäre. „Aber ich respektiere das. Man kann das nicht mit Gewalt machen“, sagt er.

Vor der Terrassentür steht eine Schale mit Mais und eine mit Wasser. Als Lilly zum Fressen an die Tür kommt, versucht Zahorneanu, sie zu locken. „Komm, Lilly, komm ...“ Kein Erfolg. Also geht er raus zu ihr in den Garten. Mit einem Messer geht er zum Gemüsebeet, um einen Wurm für sie zu fangen. Sie watschelt ihm hinterher durch den Garten, bis zum Beet. „Nein, ich fang dich nicht. Komm, Lilly, komm.“ Wieder Fehlanzeige. „Sie wird in den nächsten Tagen wieder kommen“, ist er sicher.

Niemals würden sie Lilly wieder hergeben. Sie wissen alles über sie. Welches Futter sie besonders mag (Mais, Regenwürmer und Löwenzahn), um wie viel Uhr sie aufsteht (halb sieben) und dass sie nach dem Aufstehen erst mal eine Runde ums Haus spaziert. Dass sie sich im Sommer Schattenplätze im Garten sucht, wasserscheu ist und dass sich ihre Federn am Kopf aufstellen, wenn sie etwas Neues sieht. Auch, dass Lilly eigentlich gar kein Weibchen ist, sondern ein Männchen. Das ist den beiden aufgefallen, als sie nach einer Zeit keine Eier gelegt hat. Der Name ist trotzdem geblieben. Außer, wenn sie mit ihr schimpfen. Dann sagen sie Willy.

Kleine Artenkunde:

Die Warzenente ist die domestizierte Form der südamerikanischen Moschusente und damit die einzige Entenrasse, die nicht von der Stockente abstammt. Schon bevor sie 1514 nach Europa gelangte, wurde sie von indigenen Völkern in Südamerika gehalten. Sie war auf vielen Bauernhöfen verbreitet, ist heute jedoch seltener geworden. Trotz ihres relativ hohen Körpergewichts kann die Warzenente fliegen – dank ihrer kräftigen Flügelmuskulatur. Deshalb ist die Warzenente auch unter dem Namen Flugente bekannt. Auch Stummente wird sie genannt, da sie im Gegensatz zu anderen Entenrassen nicht schnattert oder quakt, sondern eher zischende und glucksende Laute von sich gibt.

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