Wäre ich gut in Mathe gewesen, so viel habe ich dann doch von Wahrscheinlichkeitsrechnung verstanden, wäre ich eher nicht Kolumnist geworden. Wäre ich gut in Mathe gewesen, hätte ich vielleicht in Stanford promoviert und vor wenigen Jahren ein KI-Start-up gegründet und es für viel Geld verkauft – und würde die Kinder mit dem SUV zur Schule fahren, bevor ich in Huntington Beach im Pazifik surfen ginge. Vielleicht hätte ich mit meiner beeindruckenden Nobelpreisrede auch den Trump verhindert. Wer weiß. Ich versuche mit dieser Abschweifung nur, mich mal wieder vor Mathe zu drücken.
Ich war richtig schlecht in Mathe. Und das Lernen mit meinem Vater machte es nicht besser. Nichts gegen meinen Vater. Er ist ein sehr liebevoller Vater. Und er war nie so schlecht in Mathe wie ich. Aber wenn er mich am Küchentisch erwartungsvoll ansah, verstand ich noch weniger von dem, was ich vorher schon nicht verstanden hatte. Die Karos der leeren karierten Seiten wurden größer und größer und ich fiel hinein und schrieb irgendwelche Zahlen vor mich, die nicht zu teilen waren, und fluchte und mein Vater fluchte, das sei doch nicht so schwer, und dann schrien wir uns beide an und ich weinte und am Ende gab es wieder eine Fünf.
Mein Sohn war nie so schlecht in Mathe wie ich, aber, das darf ich verraten, auch nie ein Mathe-Genie. Irgendwann war klar: Man sollte ihm helfen. Meine Frau behauptete, sie sei noch schlechter in Mathe gewesen als ich, was ich nicht überprüft habe. Also setze ich mich mit meinem Sohn an den Küchentisch, der Stoff war gerade noch so im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich sah ihn erwartungsvoll an und er bekam einen leeren, gestressten Blick und fluchte und schrieb Blödsinn in die Karos und so schwer war es nun auch nicht und dann schrien wir beide und er weinte und am Ende gab es wieder eine Vier.
Wie wenig man sich selbst und seinem ganzen Gepäck entkommen kann, merkt man ja spätestens als Vater. Wenn ich mit meinem Sohn Mathe lernte, war ich aber nicht nur Vater, sondern immer auch Kind. Ich wusste ganz genau, wie er sich fühlte, und wollte ihn vor dem ungeduldigen Vater schützen, der ich in dem Moment leider selbst war und als der ich, obwohl ich es mir immer wieder vornahm, doch nicht anders konnte, als irgendwann zu schreien: „Das kann doch nicht dein Ernst sein?!“
Nach unserer letzten Schreisession vor einem schweren Test eröffnete mir meine Tochter, dass sie nicht mehr mit mir lernen werde
Wir fanden einen tollen Nachhilfelehrer. So wie ich in den letzten zwei Jahren vor dem Abi einen Mathe-Lehrer bekam, der so mitreißend erklärte, worum es bei all dem Gerechne überhaupt geht, dass ich plötzlich eine Eins im Zeugnis hatte. So weit ist er noch nicht, aber mein Sohn ist ein beeindruckend stabiler Mathe-Schüler. Seine Schwester ist auch nicht so schlecht, wie ich es war, aber, sie wird es mir verzeihen, auch kein Mathe-Genie. Nach unserer letzten Schreisession vor einem schweren Test eröffnete sie mir, dass sie nicht mehr mit mir lernen werde. Sie habe einen sehr geduldigen Erklärer gefunden: ihren Bruder. Vielleicht kann man seiner Bestimmung doch entkommen?
Bis unsere Kleinste Mathe lernen muss, habe ich mir vorgenommen, werde ich ein guter Mathevater sein. Dann hätte es bei einem von drei Kindern geklappt, immerhin 1/3, also 0,3 Periode oder, Dings, 0,333 mal 100 … na, Sie wissen schon, es ist doch nicht so schwer!
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

