Vor dreieinhalb Jahren bin ich Mutter geworden, und auch wenn ich in meinen letzten Monaten als Noch-nicht-Mutter gehofft hatte, dass sich nicht allzu viel verändern würde, nachdem man zu zweit ein Krankenhaus betritt und es zu dritt wieder verlässt, witterte etwas in mir da schon: Alles wird anders werden. Der Alltag, die Freundschaften, die Sitten.
Am gewaltigsten ich selbst, wenn ich mich so von außen betrachte.
Wie du dir das Essen reinschlingst, sobald das Baby mal nicht nach dir verlangt, und es dir drei Jahre später immer noch reinschlingst, in Erwartung, dass gleich ein Teller Carbonara über den Tisch fliegt oder das Kind sich bei einem seiner Tripp-Trapp-Stunts das Schlüsselbein bricht. Aber eigentlich fliegt nichts und es fällt auch niemand, nein, du warst verdammt lange nicht mehr in der Haunerschen Kinderklinik, und du könntest essen und atmen, atmen und essen. Echt ey, entspann dich, sei doch mal wieder die Alte. Aber du schlingst, als würdest du morgen für einen Müttereignungstest in der Wüste ausgesetzt, schlingst selbst um 23 Uhr, allein vor dem Herd über einen Topf Pudding gebeugt.
Wie pastellfarbenes Plastik deine Wohnung in eine ästhetische No-go-Area verwandelt, Schnuller aus Dänemark, Wippen für den sozialverträglichen Babyschlaf, fehlt nur noch ein Windeleimer, falls der Architectural Digest mal für eine Fotostrecke über Mutterglück bei dir vorbeikommt. Ansonsten: faire Holzklötze, Decken ohne Schadstoffe und anderes giftiges Zeug aus der echten Welt da draußen, der Welt, mit der ich auch schon mal mehr zu tun hatte. Aber hey, dafür überall Kuscheltiere, in Hellblau und Rosa und Mintgrün und Glitzer, als breche die Arche Noah gleich zum CSD auf, wo ich übrigens selbst gerne mal wieder hin würde. Ja, was wollen diese vielen bunten, teuren Dinge mir nur sagen? Dass Kinderhaben mit den richtigen Gimmicks echt easy ist? Dass irgendwas an mir falsch sein muss, wenn ich dieses sich nach mehr als drei Jahren immer noch neu anfühlende Leben nicht so easy finde, derart nicht easy, dass ich eine Kolumne darüber schreibe? Touché, hier spricht der Jammerlappen.
Dafür whatsappt man stetig, fragt: Wie geht es euch? Euch, nicht dir
Wie viel seltener du deine Freundinnen siehst. Deine Urfreunde aus der Heimat wie auch jene Menschen, die in derselben Stadt leben wie du. Weil alles ein Akt geworden ist, weil man sich jetzt im Viertel vernetzt, so hörte ich. Ja, werd erwachsen: weil sie jetzt auch alle Kinder haben. Dafür whatsappt man stetig, immerhin, schickt Fotos, Videos, Datenmengen voller Liebe. Fragt: Wie geht es euch? Euch, nicht dir. Was habt ihr für Pläne? Ihr, nicht du.
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, nachts allein vor dem Kühlschrank zu stehen und zu essen, an die Plüsch- und Plastikanarchie in meiner Wohnung auch. Aber diese kleine große Frage – „Wie geht’s dir?“ –, ich vermisse sie. Jedes Mal, wenn ich sie doch mal in meinem Nachrichteneingang lese, flackert etwas in mir auf. Es ist die Erinnerung an die exklusive Beziehung, die der Absender und ich mal hatten, eine Beziehung, in der Einschlafbegleitung und Eltern-Issues keine Rolle spielten. Und dann überlege ich, ob ich ehrlich antworten soll: Dass ich mehr Erholung und weniger Glücksdruck in dieser ganzen Mutter-Großlage begrüßen würde, öfter mal Haare waschen wäre auch nett, doch meine Tochter abgöttisch liebe, natürlich.
Dann besinne ich mich und tippe in mein Handy: Alles easy, bin voll die Alte!
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer, Vater von drei Kindern zwischen vier und 14, und Friederike Zoe Grasshoff, Mutter einer dreijährigen Tochter, im Wechsel über ihren Alltag als Eltern.
