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Einkaufen im Supermarkt:Zweikassengesellschaft

Allerlei Senftöpfchen, bunte Nudeln und Panettone: Wer heute Lebensmittel einkauft, bekommt eine Welt an Genuss. Aber den Kunden wird auch unfassbar viel vorgegaukelt - eine Inventur.

Da sind sie schon wieder und grinsen einem aus den Regalen heraus frech entgegen: die Kochkünstler, die man im Fernseher schon so oft abgeschaltet hat. Von Hunderten Dosen und Tüten werfen sie ihr anbiedernd breites Geschmunzel so ungeniert auf die Kunden im Kaufhaus herunter, dass man sich als Passant warm angefasst fühlt und angewidert seinen Schritt beschleunigt.

Einkaufen im Supermarkt, Zweikassengesellschaft

Manchmal ist die Verpackung größer als der Inhalt - Supermarktkunden wird einiges vorgegaukelt.

(Foto: Foto: Photocase)

Es muss offensichtlich Leute geben, die auf die Gesichter aus den Kochshows erotisch reagieren. Nur so ist zu erklären, dass der Herr, der sich eben anschickt, den Gewürzmarkt in deutschen Kaufhäusern zu monopolisieren, nun auch schon mit Namen und Gesicht auf edlen Porzellantellern und -töpfen für die Ewigkeit posiert.

Wer sein "siebenteiliges Vorspeisenset" erwirbt, bekommt drei tiefe Schalen, auf denen der Name des Herrn peinlich breit geschrieben steht; dazu drei Senftöpfchen, auf denen das Gesicht des Meisters in bekannter Jovialität prangt. Vervollkommnet wird das absurde Beieinander durch eine große flache Schale, auf der man wechselweise die kleinen Schalen oder die Senftöpfe abstellen oder kombinieren kann, was ein Stillleben von einzigartiger Sinnlosigkeit ergibt. Aber vielleicht ist das Ganze ja als Hausaltar gedacht; vielleicht soll man mit dem Krempel der abgebildeten Fernseh-Kultfigur, dem Senfgott in seiner Dreifaltigkeit, die nötige Ehrerbietung erweisen.

Der andere Herr aus dem Fernsehen hat sich mit seinem routinierten Schaugegrinse der italienischen Nudel verschrieben. So wie er im Fernsehen hinter dem Showherd agiert, als klassische Halbfigur, grüßt er großformatig von zahllosen italienischen Pastatüten herunter, die Einblick geben auf bunte Nudeln der obersten Preisklasse. Mit Spinat, Curcuma, Paprika, Roter Beete oder Sepiatinte werden die Nudeln spektakulär grün, braun, rot oder schwarz eingefärbt, was geschmacklich sehr viel weniger bringt, als die Augen suggerieren.

Besonders stolz scheint die Firma auf ihre vierfarbig gestreiften Breitbandnudeln zu sein, die wie Schlipse aussehen, jedenfalls den Eindruck erwecken, als könne man sie wie Fliegen um den Hals binden. Geschmacklich sind diese Vierfarbennudeln der reine Betrug, denn beim Kauen vermischen sich die getrennten Aromadetails so, dass Unterschiede nicht mehr wahrzunehmen sind. Das ist so wie wenn man vier individuelle Saucen zusammengießt und dann vierfachen Genuss erwartet. Doch über solche kulinarischen Spitzfindigkeiten kann der Herr auf der Tüte nur lachen: Ein halbes Pfund "seiner" Trikolore-Pasta kostet satte 6,99 Euro.

Panettone zum Auspacken - und zum Lachen

Den monströsesten Kult mit einem gewöhnlichen Alltagsprodukt betreiben wohl die Italiener in der Vorweihnachtszeit mit dem Panettone, jenem luftigen Kuchenkegel, der, obwohl geschmacklich wenig ergiebig, in Italien als der Inbegriff des edlen Geschenks zu gelten scheint. Noch Mitte Februar türmten sich in Münchner Kaufhäusern ganze Pyramiden mit unverkauften Panettone-Präsent-Arrangements.

Selbst hochherrschaftliche Hutschachteln in der Kaiserzeit können nicht edler gestaltet gewesen sein als die feinbedruckten Trommeln, Kegel oder Sechseck-Zylinder, die oben mit einem Dutzend sich überlappender Zungen geschlossen und mit Kordeln und Quasten bombastisch verschnürt sind. Hat man sich durch die vielen zierenden Verpackungsschichten bis zum eigentlichen Inhalt hindurchgekämpft, bricht lautes Gelächter aus über das, was übrigbleibt: ein Häufchen gebackenen Teigs, dessen Grundmaterial keine zwei Euro wert ist - für das Zwanzigfache ist es verkauft worden; der Verpackungsmüll aber füllt einen ganzen Sack.

Wie mit zeitgeistigen Anspielungen Unverkäufliches zu hohen Preisen an den Mann gebracht werden soll, dafür ist das Produkt "Feng Shui" ein gutes Beispiel. Wir haben es in einem Kaufhaus, von unverschämten 17,99 auf 8,99 Euro heruntergesetzt, monatelang auf einem Tisch schmoren sehen. Die feine Schachtel enthielt eine Flasche mit deutschem Riesling-Perlwein der minderen Sorte, eine Phiole mit einem Duftwässerchen und ein geschlitztes Stöckchen, das wohl als Wedel zum Zerstäuben verwendet werden sollte, den Riechsaft aber nur in dicken Tropfen durch den Raum schleuderte, was am Boden hässliche Flecken verursachte.

Man hätte also besser den Perlwein in die Luft befördert. Wie jemand überhaupt auf die absurde Idee kommen kann, in einem Geschenkpaket Wein mit Parfüm zu kombinieren, bleibt ein Rätsel. Die Spekulation mit dem Modebegriff Feng Shui hat jedenfalls einen fetten Ladenhüter in die Welt gesetzt.

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