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Eine Frau, ein Buch (7):Qualität ist käuflich

DIE RICHTIGE SONNENBRILLE AUFSETZEN

Noch nie hat man ihn ohne Sonnenbrille gesehen: Karl Lagerfeld. Aber welche Brille passt zu welchem Typ?

(Foto: Foto: AFP)

Sonnenbrillen wurden im 19. Jahrhundert dort erfunden, wo auch heute wieder die meisten hergestellt werden: In China gab es die ersten so genannten Blendungsbrillen, deren Gläser aus geschliffenem, dunklem Kristall bestanden. Den weltweiten Siegeszug der Sonnenbrille konnte damals noch niemand ahnen. Doch inzwischen gibt es mehr Sonnenbrillenmodelle als Frauen, die sie tragen können. Dafür besitzen Italienerinnen im Schnitt drei Sonnenbrillen, bei deutschen Frauen steht hier eine 0 vor dem Komma, das heißt sie besitzen durchschnittlich noch nicht einmal eine.

Wenn Sie absolut uneitel sind, müssen Sie beim Sonnenbrillenkauf nur auf eine Sache achten: Dass Ihre Brille einen richtigen UV-Schutz hat. UV-Schutz haben alle Marken- und Designerbrillen serienmäßig erst seit den achtziger Jahren, davor war alles nur getöntes Glas oder Plastik. Heute haben auch einfache Brillen, wie sie beispielsweise an Tankstellen verkauft werden, einen UV-Schutz. Achten Sie aber auf den entsprechenden Vermerk am Preisschild oder am Aufkleber.

Ganz schlecht für Ihre Augen kann es ausgehen bei Brillen ungewisser Herkunft vom Flohmarkt oder gefälschten Designerbrillen. Hier sparen Sie an der falschen Stelle (vgl. Kapitel Die Frau und der Konsum, Rubrik Gefälschte Designerware erkennen). Trotz des eltonjohnesken Überangebots an Sonnenbrillen sind doch die meisten von ihnen, ähnlich wie Schuhen auf Grundformen zurückzuführen. Wenn Sie dann noch wissen, welche Form Ihrem Gesicht schmeichelt, können Sie sich mühevolles Ausprobieren sparen.

Vier archaische Grundformen

Bügelbrillen wie wir sie kennen, gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert, und sie waren auch damals bereits rund. Die Mütter aller modernen Brillen und Sonnenbrillen, bei denen neben dem Nutzwert auch die Form wichtig wurde, stammen aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts und waren aus Draht oder Zelluloid. Sie waren entweder rund, oval oder hatten eine Carrée- oder Pantoform. Sie hatten sehr kleine Gläser, weil es zu dieser Zeit technisch noch nicht möglich war, größere Brillengläser herzustellen.

Auch heute gibt es noch zahlreiche Brillenmodelle, die auf diesen Grundformen basieren.Was heute zum Beispiel unter dem Namen "Nickelbrille" läuft, auch wenn sie aus Plastik ist, ist nichts anderes als die klassische runde Brillenform. Große Nickelbrillenträgerinnen waren beispielsweise Yoko Ono (der Gatte natürlich auch) oder - etwas weniger sophisticated - Ingrid Steeger.

Schmetterlingsbrille

Dieses Modell ist wahrscheinlich die erste Fashion-Brille und stammt aus den fünfziger und sechziger Jahren. Denken Sie an Marilyn Monroe in "Wie angelt man sich einen Millionär?". Die Schmetterlingsbrille ist originär weiblich, latent zickig und nicht so leicht kombinierbar wie viele andere Klassiker. In den achtziger Jahren erlebte sie eine Art ironisches Comeback an Frauen wie Tracey Ullman oder Cindy Lauper.

Wenn Sie sich für einen eher "schrillen" oder "witzigen" Frauentyp halten, ist die Schmetterlingsbrille genau das Richtige für Sie. Obwohl ein Designklassiker, kann die Schmetterlingsbrille trotzdem schnell anstrengend werden, ähnlich wie die Frauen, die sie ausschließlich tragen.

Wayfarer

Ray Ban erfand diese Brille Anfang der fünfziger Jahre, und sie ist genauer betrachtet die große, coole Cousine zweiten Grades der Schmetterlingsbrille, die aber mit der Familie ideologisch gebrochen hat. Berühmt wurde die Wayfarer 1961 in dem Film "Frühstück bei Tiffany". Danach erlebte sie turbulente modische In- und Out-Zeiten, die derzeit in einem neuerlichen Hype gipfeln. Die Wayfarer gilt trotz zyklischen Umsatzeinbrüchen als die bisher meist verkaufte Sonnenbrille und steht fast jedem Gesicht.

Pilotenbrille

Tropfenförmig ist die Pilotenbrille von Ray Ban mit Bausch&Lomb-Gläsern. Sie ist bis heute der Augen-Blaumann für Soldaten der U.S. Air Force, und sie hatte schon vor allen anderen Sonnenbrillen UV-Schutzgläser. In den siebziger Jahren wurde die Brille auch von Frauen entdeckt und modisch aufgewertet. Pilotenbrillen und ihre unendlichen Interpretationen stehen allerdings nicht jeder Frau. Auf Gesichtern mit kleiner Nase wirken sie nicht gut, und auf sehr großen, flachen Gesichtern ebenfalls nicht.

Die übergrosse Brille

Es war das Haus Dior, das in den siebziger Jahren die riesigen, runden Sonnenbrillen auf denMarkt brachte, die fast das halbe Gesicht verdeckten. Eine Zeitlang war diese Brillenform für die Femme fatale ein absolutes Muss. Dann verschwand diese Brillenform in der modischen Versenkung, um später als typische Witzbrille auf Siebziger-Jahre- Mottopartys ein verhöhntes Dasein zu fristen. Zum Jahrtausendwechsel tauchte sie dann wieder in den Modemagazinen auf. Paris Hilton war eine der Frauen, die diesem Look wieder auf die Sprünge half. Statt Femme fatale jetzt also Femme banale. Wenigstens aber gut getarnt.

Die gebogene Brille

Die gebogene Brille, die sich stromlinienförmig an das Gesicht anpasst, ist eine Erfindung der achtziger Jahre und wurde damals sehr schnell sehr populär. Derzeit ist diese Sonnenbrillenform nicht so angesagt, außer Sie machen gerade das ausklingende Achtziger-Jahre- Revival mit. Aber wie bei allen Klassikern: Schmeißen Sie nichts weg, der Tag wird kommen, an dem sie denken, dass auch diese Brille faszinierend zeitlos und ein unverzichtbares Accessoire ist.

Und sonst

Die siebziger und achtziger Jahre waren die Jahrzehnte der großen Design-Durchdreher und unfassbaren Sonnenbrillenkonstruktionen: Ob Eiffelturm, Igel oder Sonnenschirm - einfach jedes denkbare Objekt wurde zu einer "verrückten" Sonnenbrille umdesignt. Heute finden Sie bei Sonnenbrillen eine ungleich größere Auswahl, aber die Modelle variieren in sich nicht so stark, Differenz wird heute über Marken- und Designerlogos geschaffen.

Die Sonnenbrille ist, mehr noch als Taschen und Schuhe, ein Statussymbol. Fast jede Frau kann sich mit ein bisschen mehr oder weniger Sparen eine Sonnenbrille von Chanel mit XL-Logo leisten. Schuhe oder Taschen der gleichen Marke sind dagegen nur für sehr wenige Frauen erschwinglich. Norbert Kähler, Geschäftsführer der Berliner Brillenwerkstatt, berichtet, dass es in Deutschland ein klares Nord-Süd-Gefälle gibt: Münchener lieben ihre Logos, Berliner stehen auf protestantisches Understatement.

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