Ein Tag zum Küssen:Lippenbekenntnisse

Auf der Leinwand, zwischen Brüdern und Geliebten: Zum Valentinstag wird hoffentlich wieder ausführlich geküsst - hier sechs Varianten zur Auswahl.

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Ein Tag zum Küssen:Der leidenschaftliche Kuss

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

Quelle: SZ

Der Körper reagiert beim leidenschaftlichen Kuss wie nach einem Unfall: Drüsen schütten Stresshormone wie Adrenalin und Kortison aus, das Herz pocht, der Blutdruck steigt, die Atmung ist beschleunigt. Dafür sinkt - ähnlich wie bei Unfallopfern - die Schmerzwahrnehmung, so dass selbst Beißen und Saugen nicht als unangenehm empfunden werden. Körpereigene Rauschdrogen vernebeln im Konzert mit Dopamin und Serotonin die Sinne, was hilft, über Unebenheiten der Haut und andere Defizite des Partners hinwegzusehen. In kargen Zeiten ist tröstlich, dass der Kuss als Relikt der Mund-zu-Mund-Fütterung gilt. Der Nährstoffaustausch ist jedoch selbst beim Zungenkuss nicht optimal - nur etwa 60 Milliliter Wasser, je 0,7 Milligramm Eiweiß und Fett sowie etwa 0,4 Milligramm Salz wechseln den Besitzer. Dafür werden bis zu 40000 Keime zwischen Küssenden ausgetauscht - beim Händedruck sind es nur 5000 Erreger. Da die Bakterien meist harmlose Bewohner der Mundhöhle sind, stimulieren sie das Immunsystem, das durch die euphorisierenden Glücksgefühle eh auf Hochtouren läuft. Vor den Stressreaktionen des Körpers beim Küssen muss man übrigens keine Angst haben - langfristig senken Küsse sogar den Blutdruck.

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Ein Tag zum Küssen:Der Judaskuss

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

Quelle: SZ

Von dem Mann, der kürzlich 17,5 Millionen im Lotto gewann, wird berichtet, dass er, nachdem er ausreichend viele Gewinnzahlen auf seinem Tippschein gefunden hatte, von seiner Frau leidenschaftlich geküsst worden sei. Man kann nur hoffen, dass es sich dabei nicht um Judasküsse gehandelt hat. Judas Iskariot nämlich verwaltete zur Zeit Jesu die Jüngerkasse. Auf der einen Seite galt er als ziemlicher Pfennigfuchser, etwa wenn er die Salbung mit besonders teurem Nardenöl als finanzielle Fehlinvestition kritisierte. Andererseits war Judas dem materiellen Reichtum überhaupt nicht abgeneigt. Mit einem Kuss gab er das Zeichen zur Verhaftung Jesu in Gethsemane. Der Verrat brachte ihm 30 Silberstücke ein, was in früheren Zeiten ein halber Lotto-Jackpot war. Judas endete tragisch. Laut Apostelgeschichte stürzte er, sein Leib brach auseinander, seine Eingeweide fielen heraus. Auch so kann eben ein Kuss enden. Die wirre These des amerikanischen Dramatikers Robinson Jeffers jedenfalls, wonach Judas selber ein Märtyrer war, welcher lediglich an seinem machtbesessenen Chef gescheitert sei, wird heutzutage nicht einmal von den Piusbrüdern vertreten.

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Ein Tag zum Küssen:Der Tantenkuss

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

Quelle: SZ

Ist Küssen nichts anderes als symbolischer Geschlechtsverkehr, wie die Bremer Kulturwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld behauptet? Hoffentlich nicht. Wie sollte man sonst den Kuss der Oma, der Tante oder der Schwiegermutter psychisch und physisch aushalten? Der Omakuss fühlt sich weich, kalt und feucht an und ist begleitet von Kopftätscheln und der Feststellung: "So groß bist du geworden!". Man hat ihn als Kind durchgestanden, um anschließend Geschenke in Empfang nehmen zu können. Der Omakuss hat also keine sexuelle Komponente, eher eine finanzielle. Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt leitet das Küssen vom Saugen an der Mutterbrust ab. Das wirkt als Erklärung für den Omakuss und sonstige unsexuelle Familienküsse weitaus erträglicher.

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Ein Tag zum Küssen:Der Bruderkuss

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

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Politiker, die keine Brüder waren, aber sein mussten, küssten sich hinter dem Eisernen Vorhang. Der sozialistische Bruderkuss war dabei ein Symbol der internationalen Verbrüderung und Solidarität. Nicht alle Oststaatenlenker pflegten ihn aber mit gleicher Hingabe. Dem rumänische Diktator Nicolae Ceausescu etwa, der stets Tüchlein mit Desinfektionsmittel mit sich führte, um sich nach Fremdkörperkontakten die Hände feucht abzuwischen, grauste vor den politischen Überzeugungsküssen ebenso wie seinem Volk vor ihm. Anders Erich Honecker. Sein inniger Kuss zum 30. Geburtstag der DDR 1979 mit Leonid Breschnew wurde zur Ikone des Bruderkusses, mit der T-Shirt-Versender heute noch ihre Billigware beflocken. Was Jahrzehnte nicht bekannt war, offenbarte der polnische Ex-Diktator Wojciech Jaruzelski, als der Ostblock lange abgetaut war. Dem grauste es noch in der Rückschau vor Honeckers feuchten Lippen, als er zu Protokoll gab: "Er hatte diese ekelhafte Art zu küssen."

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Ein Tag zum Küssen:Das Bussi-Bussi

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

Quelle: SZ

Ein wenig windig und naturgemäß oberflächlich kommt diese sehr süddeutsche Begrüßungsart daher, was daran liegt, dass die Teilnehmer nur so tun, als ob sie sich küssten. Bussi, Bussi, einmal links, einmal rechts - das ist ein Hauch von Höflichkeit, der sich in einer manchmal etwas umständlichen Annäherung der Wangen manifestiert. Idealerweise formt sich der Mund dabei zu einem nach vorne gepressten Oval, was zugleich die Gefahr des Overstatements birgt. Das Bussi ist immer als gesellschaftliche Andeutung zu verstehen, als Signal von Vertrautheit und sozialer Gleichheit. Diese inszenierte, oft auch mit einem leichten Schmatzgeräusch untermalte Spielart hat vor allem in München eine besondere Karriere gemacht, was manchmal mit der Nähe zu Italien erklärt wird. Wer zur sogenannten Bussi-Gesellschaft gehört, begrüßt sich mit dem unverbindlichsten aller Küsse. Das hat einen großen Vorteil: Der Lippenstift bleibt, wo er ist. Im Bild tauschen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel Küsschen aus.

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Ein Tag zum Küssen:Der Leinwandkuss

Ein Tag zum Küssen, Lippenbekenntnisse

Quelle: SZ

Ein guter Kuss könnte sein wie ein Feuerwerk. Das ist ein wenig banal, aber dennoch ganz schön erregend, wenn man es auf der Kinoleinwand sieht, in der berühmten Szene zwischen Grace Kelly und Cary Grant, in Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza". Man rühmt den Meister gemeinhin seiner ausgetüftelten Mordszenen wegen. Aber Sir Alfred wollte mehr, er hat seinen Ehrgeiz darauf gesetzt, auch im Erotischen alle Kollegen wie Internatsschüler aussehen zu lassen - hat seine Küsse länger, intensiver und mystischer inszeniert. Legendär Kim Novak und James Stewart im grünstichigen Hotelzimmer in "Vertigo", das sich - als die Kamera sie im Kuss umkreist - in den Pferdestall von San Juan Bautista verwandelt. Der Kuss zwischen Ingrid Bergman und Cary Grant in "Notorious", an die drei Minuten lang - drei Sekunden waren damals die Toleranzgrenze. Die Kamera klebt an den beiden Köpfen, die Münder drängen immer wieder heißhungrig vor, während die beiden vom Balkon zum Telefon gehen und weiter zur Tür, sie sagen Sachen wie: "Action speaks louder than words ..." Oder der erste Kuss in "Fenster zum Hof", wieder Grace Kelly, wieder James Stewart. Der liegt in seinem Zimmer, die Dämmerung ist da, und ein Schatten fällt auf sein Gesicht. Es ist seine Freundin, ein Luxusgirl, die sich groß zum Kuss vorbeugt - man meint, die Leinwand fängt an zu vibrieren. Jaja, bestätigt Hitchcock, da haben wir dem Kamerawagen einfach einen leichten Tritt gegeben. Und noch ein Leinwandkuss: Cary Grant und Katherine Hepburn in "The Philadelphia Story" (im Bild).

Foto: dpa (Text: SZ vom 14.02.2009/bart/zip/ta/from/chrm/göt)

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