Ein Leben ohne Alkohol Enthaltsamkeit macht einsam

Manche sagen, man brauche Alkohol um gesellig zu sein, tatsächlich braucht man ihn, um die Gesellschaft seiner Mitmenschen zu ertragen. Es ist einfach, gemeinsam zu trinken, es ist nicht so einfach, gemeinsam nicht zu trinken. Enthaltsamkeit wird, außer bei den Anonymen Alkoholikern, kaum kollektiv genossen. Bei Partys, die ich mit Alkohol überstanden hätte, sitze ich jetzt wie auf Kohlen. Ihr seid alle Gamma-Menschen, denke ich dann, aber man braucht euch nicht mal mehr zum Türenaufmachen, die gehen ja inzwischen automatisch auf.

Auf dem Oktoberfest einen über den Durst zu trinken, gehört heute beinahe zum guten Ton. Seinen Rausch auf der Wiese auszuschlafen, zum Glück noch nicht.

(Foto: dapd)

Genauso peinlich wie Saufen ist dieses Wein-Spießertum, das die Deutschen für Lebensart halten. Wenn er nicht schmeckt, mischt man ihn eben mit Orangensaft! Je falscher das Leben ist, das die Menschen führen, umso besser muss der Wein sein, den sie trinken. Den besten Rotwein meines Lebens habe ich in Bulgarien getrunken, in einer Sommernacht in Melnik, aber das lag daran, dass ich aus meinem stumpfsinnigen Hiwijob geflüchtet war und eine bulgarische Freundin hatte, mit der mir auch "Le Patron" aus dem Tetrapack geschmeckt hätte.

Wenn man schon trinkt, dann wie die Russen, Benzin aus dem Panzer, wenn der Schnaps alle ist. In Russland lernt man schnell die Technik, beim Spazierengehen Torkelnden auszuweichen. Das größte russische Kultbuch war lange der monotone Monolog eines Säufers, der erklärt, wie man aus Bremsflüssigkeit und Nagellackentferner Cocktails mixt.

Im Osten war Saufen Subversion, weil es Arbeitskraft vernichtete. Ich werde nie den Alt-Hippie vergessen, der vor der Währungsunion mit einem Einkaufskorb voll bulgarischem Rotwein aus dem Konsum kam, man musste Vorräte anlegen, die Kapitalisten wollten uns austrocknen und ans Fließband stellen.

Manchmal denke ich beim Einschlafen, dass mir schlecht wird, und dann fällt mir ein, dass ich ja gar nichts getrunken habe, und ich lächle in mich hinein. Letztes Silvester gab es Selters mit Zitronensaft. Mache ich einen Fehler? Für die Griechen war Denken mit Alkohol verbunden, aber Sokrates hat eben auch viel vertragen. Beim Symposion hat er nicht nur am meisten getrunken, sondern man hat es ihm auch als Einzigem nicht angemerkt. Er ist als Letzter wach gewesen und am Morgen direkt ins Badehaus gegangen. Ein Abend mit Sokrates hätte für mich schlimm geendet. Aber bin ich wirklich neidisch auf die Glückskekssprüche, die er als Philosophie hinterlassen hat?

Wann steige ich wieder ein? Ich wollte ja nur ein paar Wochen Abstinenz ausprobieren, und jetzt komme ich nicht mehr davon los. Wie herrlich war es manchmal zu trinken! Damals auf dem Zeltplatz in Südfrankreich, wir hatten nur vier Francs und bekamen dafür unsere Wasserflasche mit Wein gefüllt. Das war ja billiger als im Osten! Der Alkohol wirkte erlösend, alle Ängste in der Fremde waren weg, und die Freundin war plötzlich nicht mehr so biestig. Man sollte aber nicht mit Frauen zusammen sein, die man nur betrunken erträgt.

Wenn man geraucht hat, braucht die Lunge Jahrzehnte, um wieder auszulüften. Ist das nicht herrlich, dass eine Kur, die nur darin besteht, etwas nicht zu tun, nach so langen Jahren noch zu einer Verbesserung führt? Die Jugend ist wie ein Höhentrainingslager, im reiferen Alter wirft man den Ballast eines Lebensstils ab, den man mit Spaß verwechselt hatte. Literweise Wasser durchspült meinen Körper wie den von Norman Bateman, mit jedem Schweißtropfen werden Schwermetallreste herausgespült und Alkoholmoleküle lösen sich in den Organen aus ihrer Verankerung. Ich werde immer reiner.

P.S.: Vergangene Woche ist es doch noch passiert: im Donaudelta, in einer neu gebauten Pension, die aussah wie ein deutsches Reihenhaus. Vier nette Rumänen, die alle mit Frauen aus dem Westen verheiratet waren und in Portugal oder England arbeiteten, wollten einfach nicht verstehen, warum ich nur Wasser trank, von den Deutschen hatten sie eigentlich eine gute Meinung gehabt. Sie waren richtig erleichtert, als ich meinen Starrsinn schließlich aufgab und mit dem vom Hausherrn selbst gekelterten Wein auf den Geburtstag meiner Tochter im fernen Berlin anstieß. Sie rühmten sich, dass sie wieder einen Menschen aus mir gemacht hätten. Dabei hatte ich mir nur beweisen wollen, dass ich noch mit Alkohol leben kann.

Jochen Schmidt, 40, ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm "Weltall. Erde. Mensch" und "Dudenbrooks".