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Ein Jahr nach dem Angriff:"Bataclan"-Terror - wie in Paris etwas kaputtging

Ismael El Iraki vs. Jesse Hughes

Ismael El Iraki im "Bataclan".

(Foto: Screenshot Facebook)

Ismael El Iraki überlebte den Angriff auf die Konzerthalle vor einem Jahr. Paris lasse sich nicht unterkriegen, betont er heute - und fühlt doch, dass sich die Stadt verändert hat.

Im Mai 2016, ein halbes Jahr, nachdem im Pariser "Bataclan" 93 Menschen ermordet wurden, gibt Jesse Hughes, der Sänger der Eagles of Death Metal, dem amerikanischen Taki's Magazine ein Interview. Hughes stand auf der Bühne, als das Töten begann. Doch in dem Interview, das er gibt, geht es nicht um Horror, Angst oder Trauer. Das Gespräch besteht weniger aus Fragen und Antworten, als aus einem Ping-Pong immer radikalerer Statements.

"Die Franzosen sind so besorgt als Rassisten zu gelten, dass sie den Muslimen das Morden einfach so durchgehen lassen", sagt der Interviewer. Und Hughes sagt: "Nach dem Angriff habe ich gesehen, wie die Muslime in den Straßen von Paris gefeiert haben. Woher wussten die zu dem Zeitpunkt schon was passiert? Das muss alles koordiniert gewesen sein." Und der Interviewer stellt fest: "Politische Korrektheit tötet." Am Ende einigen sie sich darauf, dass der Angriff aufs "Bataclan" wahrscheinlich von den muslimischen Mitarbeitern des Clubs unterstützt wurde.

Ismael El Iraki antwortet in einem offenen Brief auf Facebook auf dieses Interview. El Iraki, 32 Jahre alt, Marokkaner, war an diesem Abend im "Bataclan" im Publikum. Er schreibt den offenen Brief nicht, weil ihn das Gesagte so schockiert, sondern weil er daran erinnern will, wer ihm und vielen anderen das Leben gerettet hat: der 35-jährige Algerier Didi, ein Muslim. Didi war an diesem Abend Chef der Sicherheitskräfte. Als die Terroristen begannen, mit ihren Maschinengewehren in die Menge zu schießen, öffnete er einen der Notausgänge. Viele konnten fliehen, Didi lief in den Konzertsaal zurück und begann, Verletzte herauszutragen.

"Es muss sich auch nicht jeder Musiker für David Guetta entschuldigen"

Er ist in eine Doppelrolle geraten, sagt El Iraki. Einerseits begreift er die Islamisten in Marokko als das größte Problem seines Heimatlandes. Andererseits macht ihn der aufgeschreckte Umgang der Franzosen mit dem Islam verrückt. Einerseits erzählt sein preisgekrönter Kurzfilm "Harash" davon, wie ein Freigeist in Casablanca von strenggläubigen Muslimen zusammengeschlagen wird. Andererseits regt es ihn auf, wenn auf den Zeitschriftentiteln gefühlt jede Woche neu die Frage verhandelt wird, ob Muslime in Frankreich überhaupt integrierbar sind. "Ich begreife es als meine Verantwortung, mich mit den Islamisten auseinander zu setzen, sie zu kritisieren, mich über sie lustig zu machen. Aber gleichzeitig muss ich mich als Mensch, der aus einem muslimisch geprägten Land kommt, nicht für Terroristen entschuldigen. Es muss sich auch nicht jeder Musiker für David Guetta entschuldigen."

In den Tagen nach dem Anschlag, wirkte es, als sei ganz Paris in diesem Geist des Jetzt-erst-Recht vereint. Das Trinken, Feiern und Ausgehen wurde zu einer Geste des Widerstands. "Die wunderbar französische Fuck-You-Haltung", nennt El Iraki das. Zwei Wochen lang ging er den ganzen Tag lang von Café zu Bar zu Café. Freunde, Bekannte, alle meldeten sich und wollten feiern, dass er lebt. Die Treffen wurden alle mit einem lauten "Yeah" verabredet, sie endeten still und traurig. Jeder wollte laut herausschreien, dass die Stadt sich nicht kaputtmachen lasse, und jeder fühlte, wie doch etwas kaputtgegangen war. Etwas, das nicht nur im Einzelnen zerbrach, sondern in dem, was Zusammenleben heißt, im Aushalten voneinander. El Iraki fasst das so zusammen: "Wenn ich früher in die Metro eingestiegen bin, haben die alten Frauen einfach ihre Handtaschen fester umklammert. Heute wechseln sie in einen anderen Wagen."

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