Ein Jahr #Aufschrei:Christine Lüders, Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Christine Lüders leitet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Dort meldeten sich seit #Aufschrei deutlich mehr Frauen, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebten. Doch es sind noch lange nicht genug.

"Dank der #Aufschrei-Debatte wurden viele Frauen ermutigt, offener über das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu sprechen und sich zu wehren. Bei uns ist im vergangenen Jahr die Zahl der Frauen, die sich gemeldet haben, im Vergleich zu den Vorjahren um ein Drittel gestiegen. Dennoch haben wir nur 180 Fälle bearbeitet - viel zu wenig, wenn man bedenkt, dass eine europaweite Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2011 gezeigt hat, dass jede zweite Frau schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurde.

Viele Frauen trauen sich nicht, dagegen vorzugehen. Oft haben sie Angst um ihren Arbeitsplatz oder suchen gar die Schuld bei sich. Das kommt auch daher, dass viele Männer anzügliche Bemerkungen noch immer für Petitessen halten und denken, Frauen seien selbst schuld, wenn sie einen tiefen Ausschnitt oder einen kurzen Rock tragen. Sie irren sich! Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ist klar definiert, dass auch unerwünschte, anzügliche Bemerkungen als sexuelle Belästigung gelten.

Um mehr Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, leisten wir als Antidiskriminierungsstelle Aufklärungs- und Beratungsarbeit. Wir raten Frauen, gegen sexuelle Belästigung vorzugehen und den Arbeitgeber zu informieren. Er hat die Pflicht, alle Beschäftigten vor sexueller Belästigung zu schützen. Außerdem können sich Frauen an die Beschwerdestelle des Unternehmens oder direkt an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Wir können eine Stellungnahme vom Unternehmen anfordern, das hat oft eine hilfreiche Wirkung. Wir raten Frauen auch, mit Kolleginnen zu sprechen, denen ähnliche Übergriffe passiert sind, um gemeinsam gegen Belästigung aktiv zu werden.

Natürlich liegt es auch in den Händen der Unternehmen, Aufklärungsarbeit zu leisten, um das Bewusstsein ihrer Beschäftigten zu schärfen. Die Aufschrei-Debatte hat deutlich gemacht, dass es noch sehr viel Gesprächsbedarf gibt."

Protokoll: Sonja Salzburger

© Süddeutsche.de/leja/sosa/jst/vs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB