Ein Jahr #Aufschrei:Simone Ortner, Frauennotruf München

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Simone Ortner ist Geschäftsführerin des Frauennotrufs München. Seit 20 Jahren ist die Einrichtung Anlaufstelle für Frauen und Mädchen, die Opfer von Übergriffen werden. Wegen sexueller Nötigung melden sich noch immer viel zu wenige.

"Die #Aufschrei-Debatte war wichtig, weil sie auf ein Problem aufmerksam gemacht hat, das sehr viele Frauen betrifft, über das aber nur wenige sprechen. Der Hashtag hat ihnen gezeigt, dass sie nicht allein sind. Sie haben erkannt, dass jede Frau Opfer von sexueller Belästigung werden kann - und dass nicht sie die Verantwortung dafür tragen, sondern die jeweiligen Männer.

Dennoch ist sexuelle Belästigung, vor allem am Arbeitsplatz, nach wie vor ein Tabuthema. Wir vom Frauennotruf München merken das auch daran, dass sich mit diesem Problem viel weniger Frauen bei uns melden als zum Beispiel Opfer häuslicher Gewalt. Obwohl wir wissen, dass es sehr häufig vorkommt.

Nur wenige Frauen wehren sich, denn fast immer befinden sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis. Da ist zum Beispiel die Doktorandin, die von ihrem Doktorvater belästigt wird, aber nichts sagt, weil sie Angst vor einer schlechten Note hat. Oder die Auszubildende, die froh ist, einen guten Platz in einer Zahnarztpraxis bekommen zu haben und fürchtet, ihre Stelle zu verlieren, wenn sie ihrem übergriffigen Chef klare Grenzen aufzeigt. Massive Probleme gibt es auch bei Behörden, in denen viele Männer arbeiten. Erst kürzlich sprach ich mit einer Gleichstellungsbeauftragten, die mir erzählte, dass es einige männliche Kollegen sehr lustig finden, pornografische Bilder und Sexspielzeug in den Schränken ihrer Kolleginnen zu deponieren. Die betroffenen Frauen wehren sich häufig nicht, weil alles unter dem Deckmantel des Scherzes passiert.

Zu viele Menschen in Deutschland glauben immer noch, dass es sich bei anzüglichen Bemerkungen und sexuellen Anspielungen lediglich um Kavaliersdelikte handelt, die nicht der Rede wert sind - doch für die betroffenen Frauen ist die Situation oft extrem unangenehm.

Auch dank der #Aufschrei-Debatte ist uns Mitarbeiterinnen vom Frauennotruf München klar geworden ist, dass wir nicht nur die Frauen ermutigen müssen, sich zu wehren. Mindestens genauso wichtig ist es, in deutschen Unternehmen eine Arbeitskultur zu etablieren, in der sexuelle Belästigung auf keinen Fall toleriert wird. Deswegen wenden wir uns seit Beginn des Jahres an Firmen und bieten Schulungen an, um die Unternehmen für die Problematik zu sensibilisieren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich viele Vorgesetzte einfach noch nicht ausreichend mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

US-Firmen haben uns da einiges voraus. Dort werden die Mitarbeiter aufgefordert, das Management zu informieren, wenn sie sexuell belästigt oder Zeuge einer Belästigung werden. Es ist genau festgelegt, was in so einem Fall passiert - und wenn die Beschwerde berechtigt ist, wird dem Verantwortlichen gekündigt. Das muss bei uns in Deutschland auch selbstverständlich werden."

Protokoll: Sonja Salzburger

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