Ein Jahr #Aufschrei:Monika Schneider, Hotelfachfrau

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Monika Schneider heißt eigentlich anders. Seit 15 Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf als Hotelfachfrau - einer Branche, in der Sexismus als weit verbreitet gilt. Eine Einschätzung, die sie allerdings nicht teilt.

"Meiner Meinung nach war die ganze #Aufschrei-Debatte übertrieben. Plötzlich sind alle Medien darauf angesprungen, das Thema wurde in jeder Talkshow diskutiert. Man hatte fast den Eindruck, es handele sich um ein Problem, das über Nacht entstanden sei, dabei gab es sexuelle Belästigungen schon immer und es wird sie auch immer geben. Die Situation ist jedoch längst nicht so ernst, wie sie von den Medien dargestellt wird.

Ich arbeite in einem Bereich, dem man nachsagt, dass sexuelle Belästigungen auf der Tagesordnung stehen. Aber ich bin in 15 Berufsjahren als Hotelfachfrau nur ein einziges Mal unsittlich berührt worden. Damals habe ich sofort meinen Chef verständigt und der entsprechende Gast wurde rausgeworfen. Grabschende Gäste sind wirklich eine absolute Ausnahme. Wer das einmal macht, der landet in unserem Hotel auf einer schwarzen Liste und darf nie wieder ein Zimmer buchen. Es kommt allerdings immer wieder vor, dass Gäste einem nackt die Tür öffnen, wenn man ihnen das Essen auf ihr Zimmer bringt. Meinem ersten nackten Gast begegnete ich mit 19, ganz am Anfang meiner Ausbildung. Damals war ich total geschockt, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Solange die Gäste einen nicht anfassen, ist alles gut. Sie haben das Zimmer schließlich gemietet und können sich dort so aufhalten, wie es ihnen gefällt. Übrigens gibt es auch genauso viele Frauen, die den Bademantel ablegen, wenn sie einen männlichen Mitarbeiter in ihrem Zimmer empfangen.

In meiner Ausbildung wurde sexuelle Belästigung nicht thematisiert. Vielleicht wäre es gut, wenn man junge Frauen in der Branche besser darauf vorbereitet. Es kann ja nicht schaden, mal darüber zu reden. Allerdings sollte man es auch nicht dramatisieren, sonst besteht die Gefahr, dass Trittbrettfahrerinnen anfangen, Kollegen anzukreiden und hinter jeder Bemerkung eine sexuelle Belästigung vermuten. Kürzlich ist das einem Bekannten von mir passiert. Der hat einfach einen speziellen Humor und reißt manchmal etwas anzügliche Witze. Einige Kolleginnen haben den Betriebsrat informiert, der Mann muss sich jetzt einen neuen Job suchen. Dabei hat er gar nichts gemacht. Jeder findet doch andere Sachen lustig.

Angeblich gibt es viele Frauen, die tatsächlich sexuell belästigt werden und sich nicht wehren, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Das kann ich nicht verstehen. In dem Fall sind immer zwei schuld, nicht nur die Person, die es macht, sondern auch diejenige, die es mit sich machen lässt. Ich würde mir das nicht gefallen lassen. Wenn es gar nicht anders geht, würde ich mir auch einen anderen Job suchen."

Protokoll: Sonja Salzburger

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