Ein Hofbericht Die Perversion der modernen Agrarwirtschaft

Die moderne Agrarwirtschaft - zwischen Wohlstand und Wahnsinn.

(Foto: Allegro Film)

Den Dokumentarfilm "Bauer unser" von Robert Schabus umweht Mitleid für die Landwirte und ihre Welt. Als Sohn eines Biobauern weiß er: So kann es nicht weitergehen.

Von Cathrin Kahlweit

Der Film ist gebaut wie eine Fuge: Ein Thema, versetzt und in verschiedenen Stimmen wiederholt, ein Motiv, imitiert und mit wachsender Intensität variiert. Bei Robert Schabus beginnt jede Sequenz, jede Variation mit einem Drohnenflug über einen Bauernhof, ach was, über einen landwirtschaftlichen Komplex, der früher mal ein Hof war. Von oben kann man gut alt und neu unterscheiden, altes Dach, neue Dächer, alter Stall, neue Ställe, Silos, Lastwagen, Drainagen, Güllebecken. Die Topografie der Effizienz. Rechts und links endlose Flächen mit Mais, Weizen, Raps. Was die meisten Landwirte eben so anbauen, heutzutage.

"Ich glaube daran", sagt Schabus, "dass sich Geschichte abbildet, man kann sie sehen." Also zeigt er mit der Kamera die Ausdehnung einer Welt und zugleich ihren inneren Niedergang zwischen Spalt- und Betonböden: erschöpfte Landwirte in riesigen Ställen mit den gleichen Sorgen und den Zweifeln. Tiere, die sich kaum unterscheiden: Größe, Alter, Gewicht, alles uniform. Menschen im Blaumann vor Computern, Maschinen, die melken und füttern und mähen, Menschen auf Maschinen bei der Arbeit. Individuell und doch verwechselbar in einer Industrie, in der es nur nach vorn geht, weiter, größer, mehr. Mehr Investitionen, mehr Tiere auf mehr Quadratmetern, 320 Eier pro Huhn pro 14 Monate, 30 000 Liter Milch pro Kuh pro Jahr, mehr Düngemittel und Pestizide.

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"Bauer unser" heißt die Dokumentation, die der Kärntner Filmemacher Robert Schabus in zwei langen Jahren recherchiert und gedreht hat, im November kam der Film in Österreich in die Kinos und hatte im Handumdrehen mehr als 80 000 Zuschauer. Das ist viel für das kleine Land und machte "Bauer unser" zum zweiterfolgreichsten heimischen Film 2016. Nun läuft die Dokumentation auch in Deutschland an. Sie spielt vor allem in Österreich und Brüssel. Man sieht keine reißerischen, heimlich aufgenommenen Bilder von gequälten Tieren und blutigen Schlachtungen. Man sieht auch kein Idyll mit glücklichen Kühe auf Blumenwiesen und blonden Sennerinnen auf Almen, wie es moderne Werbefilme so gern zeigen, wie es Aussteiger vor 20 Jahren und Romantiker vor 200 Jahren imaginierten - wie es ohnehin nie existierte.

Schabus wird trotzdem auch in Deutschland erfolgreich sein. In seiner Heimat, sagt er so zögernd, als wundere er sich selbst immer noch über die große Resonanz, hätten Menschen Karten gekauft, die seit 30 Jahren nicht mehr in einem Kinosaal waren. Seine früheren Arbeiten waren eher was für Liebhaber, und sein Leben war bisher eher beschaulich, manchmal sogar, sagt er in seiner zurückhaltenden Art, "prekär". Aber sein neues Werk schauten Nebenerwerbsbauern, Jungbauern, Mitglieder der Landwirtschaftskammern und des Bauernbundes, der ÖVP und von Genossenschaften, Bioladen-Fans, Gemüsekisten-Abonnenten, Selbstversorger, Familien mit kleinen Kindern, Studenten-WGs, Schulklassen. Alle, die sehen wollten, was der Kärntner zu zeigen hat: So kann es nicht weitergehen.

Dabei hat er selbst noch Glück. Einer seiner Brüder hat den Biohof im Kärntner Gailtal vom Vater übernommen, flacher Talboden vor wilder Bergkulisse, 27 Kühe, Holzwerkstatt, Metallwerkstatt, Hühner, Obst, Gemüse, eigenes Brot, ein "Universum der Möglichkeiten", sagt Schabus. Die Möbel selbst gebaut, das Kompott selbst eingeweckt, und abends alle gemeinsam am Tisch. Schon jetzt stehen die Kinder vom Bruder bereit, den Hof weiterzuführen, Vater und Mutter, eigentlich schon im Austrag, arbeiten auch mit. "Ziemlich nah dran am Ideal."

So etwas hat nicht jeder. Trotzdem ist er weggegangen, zum Studieren, Philosophie, Medienkommunikation, Pädagogik; das Umfeld sei "sozial zu eng gewesen". Ein Bruder ist Bildhauer geworden, er hat eine Professur in Wien. Manchmal klingt Robert Schabus wie ein Melancholiker, der weiß, wo er hingehört und ahnt, dass das, was er liebt, dem Untergang geweiht ist. Und der das Wort "Heimat" deshalb mit einem Zögern ausspricht. Pathos ist nicht seine Sache, aber wer aus der Natur kommt, sie versteht, der kann schon mal pathetisch werden.

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Er lebt mit seiner Familie in Klagenfurt, macht dort seit Jahrzehnten Filme, kleine, größere Dokus, und immer haben sie mit seiner Heimat zu tun. Mit den Spuren jüdischer Geschichte in Kärnten, mit den Slowenen im Land, mit Grenzsteinen und Wanderwegen, Flüssen und Bergen. Jetzt ist er zugleich zum Naturforscher und Ökonomen geworden. Hat sein Land bereist und zeigt, wie Heimatgefühl und Heimatverlust mit der Gigantomanie der modernen Landwirtschaft zusammenhängen. Obwohl sie immer mehr Menschen ernähren kann. Was ja erst einmal ein Fortschritt ist.

Seit 1970 hat sich die Größe eines Hofes in der EU verdoppelt, der Zwang zum Wachsen hat fast alle erfasst. Kostengünstig zu produzieren, das sagt die Industrie, das sagt auch die Politik, das gehe nur über Masse und Menge. Dafür gibt es Geld. Je größer die Betriebe sind, desto mehr Fördermittel bekommen sie: Ein kleiner Hof erhält im Durchschnitt 5000 Euro, ein Großbetrieb auch schon mal zehn Millionen. Aus eigener Kraft schaffen es immer weniger: 70 Prozent des Einkommens der Bauern in Österreich stammt aus öffentlichem Geld, das ist anderswo in der EU nicht viel anders. Alle naslang sperrt ein Hof zu, es geht nicht mehr, aus, vorbei. Die, die aufhören, machen dabei nur Platz für die, die immer größer werden. Den Traum vom autarken Leben mit ein paar Ziegen, ein paar Rindern, Tomaten an der Hauswand und Marillen im Garten, ihn gibt es fast nur noch in Landliebe-Magazinen.

Schabus, der in der Klagenfurter Kulturszene zu Hause ist, arbeitet bereits am nächsten Projekt; es soll um die Folgen von Globalisierung und Neoliberalismus gehen. Der Film über die Landwirtschaft wäre dann quasi eine Vorstudie zum Thema gewesen. Der Künstler weitet also den Blick. Weil er gelernt hat, dass der grenzenlose Freihandel, verkürzt auf den Streit um TTIP, eine "Sackgasse" ist. Den Bauern werde eingeredet, dass man "nicht in den Markt eingreifen darf." Dabei ist doch das Gegenteil richtig, findet er. Weil die Effizienz, mit der in Europa Nahrungsmittel produziert werden, nur noch begrenzt steigerbar ist. Weil alle von der Substanz leben, und weil es an die Substanz geht. "Das geht auch an die Substanz der Gesellschaft", sagt der Bauernsohn, der kein stiernackiger Kämpfer ist, sondern ein schmaler, graubärtiger Künstler, ein Denker, kein Aktivist. Aber es macht ihm Angst, wenn den Bauern eingeredet wird, der Weg sei alternativlos.

Andere jubeln. Der gewöhnlich großartige Economist hat kürzlich eine Lobeshymne auf das Modegetreide Quinoa gedruckt. Es war auch eine Lobeshymne auf die internationale Arbeitsteilung in der Nahrungsmittelproduktion. Die Globalisierung, steht da, habe es möglich gemacht, dass Essen grenzüberschreitend genutzt und genossen wird, Menschen auf allen Kontinenten könnten so neue Geschmacksrichtungen und neue Zusammensetzungen kennenlernen. Chinesen zum Beispiel äßen neuerdings gern Baguette und weniger Reis, das sei ein Beleg für wachsenden Wohlstand und Wahlfreiheit. Und die Quinoa-Bauern in Peru fänden den neuen Boom auch toll, weil sie so mehr verkauften und dadurch selbst mehr kaufen könnten. An manchen Stellen klingt der Artikel, als habe ein Lobbyist von Monsanto ihn geschrieben. Der Autor ist begeistert, der Teil des Einkommens, den Menschen weltweit für Essen aufwenden müssten, sei von 79 auf 54 Prozent gesunken.