Kolumne „Schön doof“Es lebe der „Eierkontrollgriff“

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Fit im Schritt: Bundeswehrsoldaten beim Appell.
Fit im Schritt: Bundeswehrsoldaten beim Appell. Julian Stratenschulte/dpa

Mit der Musterung kehrt auch eine gefürchtete Schikane ins Leben junger Männer zurück: der Hodengriff beim Bundeswehrarzt. Ein Überlebender gibt Entwarnung.

Eine Kolumne von Jan Stremmel

Deutschland entdeckt seine Traditionen neu. Von Januar an startet die Bundeswehr ihre neue „Wehrerfassung“, lädt also alle Männer, die im kommenden Jahr volljährig werden, zur Musterung. Damit kehrt, wie diese Woche der Spiegel meldet, auch die unter älteren Teenagern einst berüchtigtste aller staatlichen Amtshandlungen zurück: der „Eierkontrollgriff“. Das Geschrei nicht nur jüngerer Männer in den Kommentarspalten ist groß, weshalb man als Überlebender dieser angeblich so traumatischen Untersuchung spontan Entwarnung geben möchte.

Die Musterung, dieser eigentümliche Übergangsritus in die Welt der staatlich erfassten Erwachsenen, war zwar lange abgeschafft, aber nie ganz vergessen. Der bange Gang zum Kreiswehrersatzamt, die Kniebeugen in Boxershorts, der strenge Blick der Krankenschwestern gehören zum geteilten Erinnerungsschatz von Generationen. Wobei man selbst als moralisch gefestigter Kriegsdienstverweigerer einen gewissen Stolz nicht verleugnen konnte, wenn trotz Akne und Trichterbrust am Ende „T2“ auf dem Zeugnis stand. Theoretisch könnte man schließlich noch Panzerfahrer werden!

Gekrönt wurde dieses Ritual vom sogenannten EKG – dem auf Schulhöfen ehrfürchtig diskutierten „Eierkontrollgriff“. Die bereits Gemusterten schilderten diesen Prozess den Jüngeren stets als existenzielle, alles verändernde Zäsur. In dieser Erzähltradition wurde der EKG grundsätzlich entweder von gottlos sadistischen oder überirdisch attraktiven medizinischen Fachkräften ausgeführt, in jedem Fall mit eiskalten Händen. In Wirklichkeit erinnert man sich an eine zweisekündige Berührung von einem angemessen desinteressierten Militärarzt. Ach, das war’s schon?

Durch diese Legendenbildung haben es Männer geschafft, den Hodengriff als grundsätzlich fragwürdige Praxis zu brandmarken.  Sogar eine schriftliche Anfrage der Opposition wurde 2009 hierzu eingereicht; sie brachte die Antwort: Die „Inspektion und Palpation der sichtbaren Geschlechtsteile“ sei nötig, um Leistenbrüche, Hodenhochstand oder, besonders tückisch bei jungen Männern, Hodenkrebs zu erkennen. So weit, so logisch.

Es spricht also vor allem für eine notorische Wehleidigkeit, wenn Männer zum ersten Mal im Leben genital untersucht werden und sich direkt lautstark darüber beschweren – während Frauen Ähnliches im Schnitt einmal im Jahr machen. Wäre es mit dem neuen Wehrdienst nicht Zeit für einen Paradigmenwechsel? Nicht nur bei den Männern, sondern auch aufseiten der Bundeswehr. Statt den „Eierkontrollgriff“ weiterhin verschämt als bedauerliche Notwendigkeit zu framen, könnte sie ihn selbstbewusst als attraktiven Benefit bewerben – wie andere Arbeitgeber Dienstwagen und Müslibar. Wer in letzter Zeit mal acht Monate auf einen Termin beim Urologen gewartet hat, wird sich jedenfalls dreimal überlegen, ob er stattdessen nicht doch noch schnell Panzerfahrer wird.

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