Ehe-Statistik Das verflixte fünfte Jahr

Die Scheidungsraten gehen zurück - doch wenn es in der Ehe knirscht, ziehen die Paare heute früher die Konsequenzen. Auch nach einer Scheidung glauben die Deutschen an die Institution Ehe - und rutschen so in die "serielle Monogamie".

Von Felix Berth

Als Chelsea heiratete, schritt sie am Arm von Bill zwischen den Bänken hindurch. Dann am Altar: Der eine Mann, ihr Vater, übergab Chelsea an den anderen Mann, den künftigen Gatten. Ein einprägsames, symbolisches Bild. Und weil auch in Deutschland Millionen Menschen dieses Hochzeitsfoto von Chelsea Clinton gesehen haben, wird die Nachfrage nach diesem Ritual wieder ein wenig steigen. Katholische Pfarrer jedenfalls berichten, dass inzwischen junge Menschen diesen sehr amerikanischen Hochzeitsritus als verbindlich vermuten. "Ich erkläre dann immer: Das ist in amerikanischen Filmen üblich, aber bei uns nicht Brauch", sagt ein Münchner Pfarrer ein wenig genervt.

Trendsetter in Sachen Ehe - oder in fünf Jahren wieder geschieden? Chelsea Clinton und ihr Ehemann Marc Mezvinsky.

(Foto: dpa)

Amerika scheint seit Jahrzehnten ein Vorbild für Deutschland zu sein, bei Hochzeiten wie bei Trennungen. So stieg in der Bundesrepublik die Zahl der Ehescheidungen seit den fünfziger Jahren an, ähnlich wie dies mit einigem Vorlauf in den USA begonnen hatte. "Jede zweite Ehe wird geschieden" lauten Standard-Überschriften in Deutschland wie in den USA seit längerem.

"Stabilisierung auf hohem Niveau"

Doch die Ehe ist stabiler, als ihr nachgesagt wird. Zumindest ist der jahrzehntelange Anstieg der Scheidungszahlen in Deutschland gestoppt. Im Jahr mit dem Höchstwert, 2003, wurden 214.000 Ehen geschieden; im Jahr 2008 waren es nur noch 192.000, etwa zehn Prozent weniger. Die Zahlen für 2009, die das Statistische Bundesamt in wenigen Tagen veröffentlichen wird, dürften wieder unter der 200.000-Marke liegen. Die These, dass sich immer mehr Menschen trennen, ist damit wohl vorerst widerlegt. "Es deutet sich eine Stabilisierung auf hohem Niveau an", stellt Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung fest. Er errechnet, dass bei Paaren, die in den neunziger Jahren geheiratet haben, "ein Scheidungsanteil von 39 Prozent zu erwarten ist" - also deutlich weniger als die gern erwähnten 50 Prozent.

Dorbritz hat bemerkt, dass die Rede vom "verflixten siebten Jahr", in dem viele Ehen angeblich scheitern, nicht mehr stimmt. Zwar ließ sich für 2004 noch zeigen, dass im siebten Ehejahr mehr Paare zum Scheidungsrichter gingen als in jedem anderen Ehejahr. Doch bald danach wurde dieser Höchstwert früher erreicht - mal im fünften, mal im sechsten Jahr nach der Trauung. Dorbritz will das nicht deuten; möglicherweise deutet sich darin eine entschiedenere Haltung der Paare an: Wenn es in der Ehe knirscht, ziehen die Partner früher Konsequenzen.

"Der Partner wird gewechselt, nicht die Institution Ehe"

Gleichzeitig reichen häufiger Frauen die Scheidung ein, die ihre Silberhochzeit hinter sich haben. Sie sind, wie die Autorin Sissi Traenkner feststellt, selbständiger und mutiger als früher: "Noch vor 15 Jahren war es für Frauen viel schwieriger, mit über 50 Jahren allein dazustehen", sagt Traenkner.

Familienrechtler wie Dieter Hobbel, der frühere Vizepräsident des Amtsgerichts Hannover, lassen sich davon nicht entmutigen. Er weist in der Zeitschrift für das Gesamte Familienrecht darauf hin, dass bei jeder vierten Trauung ein Partner dabei ist, der vorher schon einmal verheiratet war. "Serielle Monogamie" nennen die Soziologen diesen Trend; Hobbel kommentiert ihn mit dem Humor der Juristen: "Lediglich der Ehepartner wird gewechselt, nicht die Institution Ehe." Da können die Deutschen von den Amerikanern noch lernen. Nach einer Untersuchung des National Center for Health Statistics ist mehr als die Hälfte der amerikanischen Frauen spätestens fünf Jahre nach der Scheidung wieder verheiratet.