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Edle Biersorten:Aufs Ritual kommt es an

Jedes Jahr Ende Juli wird der erste Sud in Anwesenheit des Erbprinzen "eingefertigt", wie das in der Sprache der Brauer heißt. Man tritt dem Prinzen sicher nicht zu nahe, wenn man davon ausgeht, dass seine Gegenwart nicht entscheidend ist für die Qualität des Gebräus, aber Rituale müssen eben sein. Ausschlaggebend sind wohl eher die besondere Mischung aus Gersten- und Weizenmalz, die für das fürstliche Edelbier verwendet wird, verschiedenen Aromahopfensorten sowie die spezielle Hefe, die sonst nur in Weinkellereien zum Einsatz kommt. Und dann natürlich das Handwerk. Braumeister Volker Röthinger legt großen Wert auf die Feinheiten, die sein Produkt von den "Fernsehbieren", wie er die Massenware abfällig nennt, unterscheidet: "Das fängt schon damit an, dass wir den Sud länger kochen und später viel länger lagern können als die Großbetriebe." Im Wallersteinschen Zweikessel-Sudhaus aus den sechziger Jahren geht alles noch etwas langsamer, was sich auch auf den Geschmack auswirkt: "Der ist dann natürlich nicht so neutral wie bei den Fernsehbieren. Da nähert sich der Geschmack ja immer mehr an."

Im Fall der 1598 Edition Privée mit ihrem hohen Stammwürzegehalt von 23 Prozent kommt noch hinzu, dass das Bier nicht nur einmal, wie sonst üblich, sondern gleich dreimal gärt und drei Monate gelagert wird. Erst dann kann abgefüllt werden, wofür Röthinger allerdings extra nach Neustadt an der Weinstraße fahren muss - zu einer Abfüllerei, die eigentlich auf Wein spezialisiert ist.

Als Ergebnis bekommt man dann ein recht ungewöhnliches Bier mit einem relativ hohen Alkoholgehalt von neun Prozent. Sommelier Rüdiger Meyer sagt: "Da sind auch Weinkenner überrascht und begeistert, nach anfänglicher Skepsis - denn das ist ja auch nicht einfach Bier." Sondern ein richtiger Aperitif, der gut zu Wild, Geräuchertem und Vorspeisen passt.

Dass für so etwas noch Platz ist auf dem Luxusmarkt, hat auch die neu gegründete Frankfurter Firma "Braufactum" erkannt - sie versteht sich, vornehm wie man ist, als "Intendanz" für 32 internationale Edelbiersorten, darunter acht deutsche von kleinen Brauereien. Etwas ordinärer ausgedrückt, ist "Braufactum" eine Vertriebsorganisation, die vom belgischen Lambic-Bier (bekannt für die sogenannte Spontangärung mit Hefepilzen aus der Luft) bis hin zum amerikanischen "East India Pale Ale" aus Brooklyn allerlei Spezialitäten zu Preisen zwischen 2,99 und 29,99 Euro pro Flasche im Sortiment hat, darunter auch Sorten, die neun Monate in Whiskyfässern reifen oder mit Himbeeren oder Sauerkirschen nachvergären. Man könnte meinen, die Kollektion sei doch eher was für Snobs. Aber an dem Start-up-Unternehmen "Braufactum" ist immerhin der große "Fernsehbier"-Konzern Radeberger maßgeblich beteiligt.

Auch das deutet darauf hin, dass auch die Großen der Branche wegwollen vom prolligen Bölkstoff-Image. Wenn Getränke Menschen wären, wäre Bier der nächste Emporkömmling.