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Durchschnitts-Jugendzimmer:Langeweile in Kiefer

Werber aus Hamburg haben Wohnraum und Lebenswelt des durchschnittlichen deutschen Jugendlichen ermittelt - das Ergebnis ist ein schauderlicher Abgesang auf die Individualität und die tragische Gestalt des Jan Müller.

Von der Raufasertapete Marke "Erfurt Classico" umgeben blickt Jan durch die doppelverglasten Fenster seines Zimmers nach draußen. Er liegt in seinem Bett aus Kiefernholz, allein Harry Potter leistet ihm dort Gesellschaft. Eine Freundin hat Jan nicht. Die Einsamkeit treibt ihn nicht in die Nikotinsucht, sondern zum 1. FC Köln. Und täglich 128 Minuten vor den Fernseher und 138 Minuten ins Internet. Er ist unaufgeregt, leistungsbereit und auf dem Papier katholisch.

Das durchschnittliche Jugendzimmer in Deutschland, langweilige Zuhause von Jan Müller.

Er steht auf und geht auf dem Laminat seines 14,4 Quadratmeter großen Zimmers im Kreis. Weil seine Eltern so schrecklich jung geblieben sind, kann er sich nicht von ihnen abgrenzen, denkt er, eine Ladung "Axe" unter den Achseln verteilend.

An der Wand hängen eine Dart-Scheibe und ein Lukas-Podolski-Poster. Soll er sich nun auf seinem 32-Zoll-Flachbildschirm den Tom-Cruise-Schinken Last Samurai anschauen oder Playstation spielen? Jan ist ratlos. Macht aber nix, es gibt ihn ja gar nicht.

Jan Müller, 1,82 Meter groß, 73,9 Kilo schwer, ist der fiktive deutsche Durchschnitts-Achtzehnjährige. Die Werbeagentur Jung von Matt hat ihn und seinen Wohnraum errechnet, aus Interviews und einer "ausführlichen Analyse von Studien und Publikationen", wie es in der Mitteilung der Agentur schön unverbindlich heißt. Ziel sei es, sich "noch besser in Zielgruppen zu versetzen". Seit 2004 hat die Firma deshalb an drei Standorten landestypische Wohnzimmer aufgebaut. Und seit Dienstag gibt es eben auch ein Jugendzimmer, in Stuttgart. Darin wohnt der langweiligste Junge der Welt.

Der Durchschnitt ist nie aufregend, sonst wäre er ja kein Durchschnitt. Ausreißer fallen bei seiner Berechnung kaum ins Gewicht, und selbst Variationen der Masse werden auf einen einzelnen Wert reduziert. Dass Individualität dabei keine Rolle spielt, liegt in der Natur der Sache. Im Fall von Jan Müller aber ist die Rechnung grausam. Dem Gymnasiasten wird eine elementare Pubertätsentscheidung - mit der Meute oder gegen den Strom - abgenommen vom arithmetischen Mittel eines Datenhaufens. Das erklärt vieles. Aber längst nicht alles.

Woher kommt der anachronistische USA-Kitsch?

Was etwa macht eine zweifarbige 3-D-Brille an der Pinnwand eines technikbegeisterten Achtzehnjährigen? Wie kommt das Lustige Taschenbuch in die Lektüreliste eines jungen Erwachsenen? Wozu der beamtenmäßige Locher auf dem Schreibtisch? Wieso das olle "Monopoly" auf dem Schrank? Woher der ganze anachronistische USA-Kitsch (Texas-Nummernschild, New-York-Stadtplan, New-York-Taxi-Poster)?

Man mag der (offenbar in Köln) befragten Jugend wünschen, dass sie den Werbemenschen nur elternkompatiblen Unsinn erzählt hat, um weiterhin in Ruhe ein aufregendes Leben zu führen. Jan Müller aber hilft das auch nichts mehr. Der wohnt jetzt in einem Kinderzimmer, das in den 80er Jahren einem Zwölfjährigen gefallen hätte.