Süddeutsche Zeitung

Drogen-Konsumräume:Sie kommen, um zu überleben

Konsumräume, in denen Süchtige unter Aufsicht Drogen nehmen können, sind umstritten. Doch Sozialpädagogen halten sie für die beste Möglichkeit, um den Abhängigen wieder eine Struktur zu geben.

Gut, dass irgendjemand ausziehbare Schminkspiegel in die Wand gebohrt hat. Sie helfen, wenn das Heroin in die Halsvene gespritzt werden muss, weil es anders nicht mehr geht, weil die Venen in der Armbeuge vernarbt und zerstochen sind.

"Du willst ballern Nico, oder?", fragt Kristin Hagemann den nächsten in der Warteschlange. Nico H. nickt. Ballern, das heißt Heroin spritzen und Nico H. kann das hier unter Aufsicht tun. Gelbe Kacheln, Edelstahltische, vier Plätze, es riecht nach Desinfektionsmittel und muffigen Klamotten.

"Eine Zwölfer, eine Sechzehner und ein Pfännchen", bestellt Nico H. Klingt wie in einem Baumarkt. Aber das hier ist der Drogen-Konsumraum in Münster, die Zwölfer und Sechzehner sind keine Schrauben, sondern Nadeln. Hier werden die Süchtigen von Sozialarbeitern und -pädagogen betreut, können sich unter hygienischen Bedingungen ihren Schuss setzen.

Aus den weißen Schubladen im kleinen Vorraum sucht Hagemann die Injektionsnadeln heraus. "Brauchst du einen Abbinder?", fragt die Sozialpädagogin. "Nein danke, hab schon", sagt Nico H.

Etwa 1200 Personen gehören, grob gerechnet, zur Drogenszene der 300.000-Einwohner-Stadt. Am Bahnhof treffen sie sich, kaufen Heroin, Kokain oder andere harte Drogen - und kommen dann zu Hagemann und ihren Kollegen, nur 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Die Mitarbeiter sind als Ersthelfer ausgebildet, haben die Sauerstoffflasche zur Hand, wenn ein Süchtiger eine Überdosis genommen hat.

Wer mit dem Konsum fertig ist, kann ein Stockwerk höher ins Café des Konsumraums gehen und bekommt dort Linseneintopf, Kaffee oder Limo. Und trifft auf Menschen, die Zeit für Gespräche haben. Gerade Praktikanten oder neuen Mitarbeitern passiert dann, was vielen, die mit Abhängigen zu tun haben, irgendwann passiert. "Jeder hat diese eine Person, von der er glaubt, er könne sie retten. Das hatte ich auch. Und dann merkt man: Kann ich nicht. Klappt nicht. Ich werde dich nicht retten", erzählt Hagemann.

Bei ihrer Arbeit geht es nicht ums Retten. Es geht auch nicht ums Entgiften. Es geht ums Überleben.

In Deutschland gibt es 24 Konsumräume, in 15 Städten, in sechs Bundesländern. Sie sind umstritten. Kritiker bezeichnen sie häufig als "rechtsfreie Räume". Der Konsum von Drogen ist in Deutschland zwar nicht eindeutig strafbar, wohl aber der Besitz. Sie zu konsumieren, ohne sie vorher zu besitzen - quasi unmöglich. Als im Jahr 2000 das Betäubungsmittelgesetz geändert wurde, gab es endlich eine rechtliche Grundlage für Konsumräume.

Leute wie Ralf Gerlach hatten solche Einrichtungen schon lange gefordert. Gerlach hat den Verein, der den Konsumraum in Münster betreibt, vor 20 Jahren mitgegründet. Er findet, dass solche Einrichtungen ein wichtiger Weg sind, um die Zahl der Drogentoten zu senken. Die Statistik stützt seine Aussage auf den ersten Blick nicht. 2016 stieg die Zahl der Drogentoten in Nordrhein-Westfalen von 182 auf 204. Konsumräume werden aber hauptsächlich von Opiatkonsumenten genutzt, von denen es immer weniger gibt. Die Zahl der Abhängigen synthetischer Drogen hingegen steigt. So wird aber zum Beispiel Ecstasy in Pillenform konsumiert, da bedarf es keinem sterilen Raum mit steriler Spritze. Konsumräume sind also kein Allheilmittel zur Senkung der Zahl der Drogentoten. "Sie können aber - gut gemacht - ein sinnvoller Bestandteil der Suchthilfe vor Ort sein", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

Der Körper will Nachschub

Dicke Schweißperlen rinnen Nico H. von der Stirn in die Augenbrauen, immer wieder wischt er sich mit einem Papierhandtuch über das Gesicht. Die letzte Spritze ist zu lange her. Er wird "affig", wie es in der Szene heißt. Der Körper will Nachschub. Nico H. ist etwa 30 Jahre alt, muskulös, die ausgebeulte Jeans sitzt tief, der blaue Kapuzenpulli ist durchgeschwitzt, an den Füßen trägt er weiße Sneaker. Er packt das "Gratis-Set" vor sich auf dem Tisch aus: Spritze, Safer-Use Filter, steriles Wasser und einen Alkoholtupfer. Das bekommen die "Klienten" des Konsumraums am Empfang, die Nadel überreicht Sozialpädagogin Hagemann erst an der Tür, die in den gelbgefliesten Raum führt.

Nico H. erhitzt das Heroin im Pfännchen und zieht die Spritze auf. Er setzt in der Armbeuge an, er trifft die Vene nicht, es blutet. Er wirft die Spritze auf den Metalltisch, Blut tropft heraus. Er schwitzt stark, die Pupillen in den rotgeränderten Augen bewegen sich gehetzt hin und her. Hagemann reicht ihm ein Papiertuch. Er wischt das Blut weg, dann den Schweiß von der Stirn, setzt neu an. Es klappt wieder nicht. Die anderen beiden Männer im Raum machen ihn nervös, sie streiten sich. Hagemann reicht ihm Oropax und eine neue Nadel. Er presst die blauen Schaumstoffkugeln in die Ohren. Setzt an, trifft diesmal, legt die Nadel weg, stützt die Arme auf den Tisch, hält den Kopf zwischen den Händen. Minutenlang. "Manche sitzen hier eine Stunde, um zu genießen", erklärt Hagemann. Andere bräuchten nur zehn Minuten. Nico H. steht nach zehn Minuten auf, desinifziert seinen Platz, wirft das blutige Drogen-Besteck in den Mülleimer. Noch immer perlen Schweißtropfen über seinen Kopf und Nacken.

"Junkie sein ist verdammt teuer"

Elf hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten im Konsumraum. Wenn die Abhängigen es wollen, übernehmen sie auch die Kontoführung, damit sichergestellt ist, dass am Ersten des Monats, wenn das Sozialamt das Geld überweist, zuerst die Miete bezahlt wird. Viele Klienten investieren fast alles, was sie zur Verfügung haben, in Drogen. Doch das warme Gefühl, das das Heroin im Körper auslöst, ist nur von kurzer Dauer. Dann geht die Jagd wieder los. Hagemann erinnert sich an einen Fall, als ein Abhängiger bei Karstadt einen Kleiderständer klaute, die Mäntel anschließend auf dem Schwarzmarkt verkaufte. "Junkie sein ist verdammt teuer", sagt sie.

Viele Abhängige in Münster nehmen ihre Drogen nicht im Konsumraum, sie kommen nur vorbei und tauschen umsonst die benutzten gegen neue, sterile Spritzen. Innerhalb einer Woche werden im Durchschnitt 2500 Spritzen getauscht. Hochgerechnet auf das Jahr sind das 135 000 Stück, die die Abhängigen nicht achtlos in der Stadt entsorgen und so auch keine Krankheiten übertragen können.

Auf dem dunkelbraunen Würfelregal im Café im Obergeschoss brennen rote Grabkerzen. Sechs Stück, drei links, drei rechts. Sie stehen zwischen weißen Steinen, auf denen mit schwarzem Edding Namen geschrieben sind. Sie erinnern an die Toten aus der "Szene". Kleine Warnungen, wie schnell eine Überdosis zum Tod führen kann. "Klar, wenn einer von ihnen stirbt, das schockiert die anderen hier", sagt Gerlach. Aber er wundere sich, wie schnell es dann plötzlich doch kein Thema mehr sei.

Nadine W. trägt ihr Haar blondiert, die langen Strähnen sind zerzaust, dunkel wächst der Ansatz mehrere Zentimeter nach. Von ihrem linken Schneidezahn ist ein Stück abgebrochen, die Bruchstelle ist dunkel verfärbt. Sie wirft die benutzte Spritze in den Mülleimer. Das Heroin wirkt, das lässt sich erkennen an ihren glitzernden Augen im fahlen, rotfleckigen Gesicht. Die zuerst wortkarge und müde Frau, die vor einer halben Stunde den Konsumraum betreten hat, ist jetzt wach. Wie ein Mädchen auf dem Schulhof flüstert sie Hagemann ins Ohr: "Ich habe heute Nacht bei ihm geschlafen, glaubst du das? Der hatte seit 15 Jahren keinen Sex mehr. Heute Nacht schlafe ich wieder da. Ich bin verliebt", sagt sie. Hagemann gibt ihr ein Papiertuch mit Desinfektionsmittel, damit sie ihren Platz sauber wischt. "Kristin, mir geht es ganz gut gerade, oder? Weil - nochmal schaffe ich keine Entgiftung. Echt nicht. Ich sage Dir, wenn ich mit 40 noch abhängig bin, dann Überdosis, das sag ich dir." "Quatsch", sagt Hagemann nur.

Bei vielen Abhängigen häufen sich irgendwann die Kleindelikte

Im großen Aufenthaltsraum, wo die Abhängigen für ein paar Cent eine warme Mahlzeit bekommen, sitzt Fabian K.. In der einen Hand hält er einen Becher Limo, in der anderen eine Zigarette. Er wippt mit dem Fuß auf und ab, schiebt sich das Cappy immer wieder aus der Stirn mit der Hand, in der die Zigarette glimmt. Er diskutiert mit Hagemann in ihrer Mittagspause, ob er sich noch bei seiner Bewährungshelferin melden sollte. Schließlich sei es Freitagnachmittag, 14 Uhr. Und er wolle seinem Ruf treu bleiben. "Meine Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit hat ja eigentlich ein System". Hagemann lacht, sagt ihm, er solle es trotzdem erledigen. Fabian K. schweift ab. "Hab mit meiner Freundin und der Kleinen den Polo angemeldet", erzählt er. "Ich sag dir, die hat sich gefreut - das glaubst du nicht." Er dreht sich um zur Theke, holt sich mehr Limo, quatscht mit zwei anderen Männern. Kehrt nach zehn Minuten zurück, bietet Hagemann eine Zigarette an. Sie lehnt ab und Fabian K. wiederholt, was er vorhin schon einmal erzählt hat. "Hab mit meiner Freundin und der Kleinen den Polo angemeldet. Ich sag dir, die hat sich gefreut - das glaubst du nicht."

Seit wann er abhängig ist? Keine Ahnung, mindestens solange, wie Hagemann dort arbeite, etwa sechs Jahre. Wie er abhängig wurde? "Falsch abgebogen". Dann kam die Berufsunfähigkeit. Der Alltag spielte sich nur noch in der Drogenszene ab. Wie bei so vielen Abhängigen häuften sich irgendwann die kleinen Delikte, im juristischen Fachjargon "Beschaffungskriminalität" genannt. Bis die Staatsanwaltschaft ihn anklagte und er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Mittlerweile gehe es Fabian besser, sagt Hagemann. Viel besser. Früher habe er den ganzen Tag am Bremer Platz vor dem Hauptbahnhof herumgehangen. Jetzt ist er nur noch über Mittag dort, kauft seinen Stoff und geht wieder. Vor zwei Jahren lernte er seine Freundin kennen, die zwei bekamen ein Kind. An einem Entzug habe er zwar nicht teilgenommen, aber allein, dass sein Tag strukturierter geworden sei, habe ihm enorm geholfen.

Wie gesagt, es geht nicht um Entgiftung. Es geht ums Überleben.

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