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Drogen-Konsumräume:"Junkie sein ist verdammt teuer"

Elf hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten im Konsumraum. Wenn die Abhängigen es wollen, übernehmen sie auch die Kontoführung, damit sichergestellt ist, dass am Ersten des Monats, wenn das Sozialamt das Geld überweist, zuerst die Miete bezahlt wird. Viele Klienten investieren fast alles, was sie zur Verfügung haben, in Drogen. Doch das warme Gefühl, das das Heroin im Körper auslöst, ist nur von kurzer Dauer. Dann geht die Jagd wieder los. Hagemann erinnert sich an einen Fall, als ein Abhängiger bei Karstadt einen Kleiderständer klaute, die Mäntel anschließend auf dem Schwarzmarkt verkaufte. "Junkie sein ist verdammt teuer", sagt sie.

Viele Abhängige in Münster nehmen ihre Drogen nicht im Konsumraum, sie kommen nur vorbei und tauschen umsonst die benutzten gegen neue, sterile Spritzen. Innerhalb einer Woche werden im Durchschnitt 2500 Spritzen getauscht. Hochgerechnet auf das Jahr sind das 135 000 Stück, die die Abhängigen nicht achtlos in der Stadt entsorgen und so auch keine Krankheiten übertragen können.

Auf dem dunkelbraunen Würfelregal im Café im Obergeschoss brennen rote Grabkerzen. Sechs Stück, drei links, drei rechts. Sie stehen zwischen weißen Steinen, auf denen mit schwarzem Edding Namen geschrieben sind. Sie erinnern an die Toten aus der "Szene". Kleine Warnungen, wie schnell eine Überdosis zum Tod führen kann. "Klar, wenn einer von ihnen stirbt, das schockiert die anderen hier", sagt Gerlach. Aber er wundere sich, wie schnell es dann plötzlich doch kein Thema mehr sei.

Nadine W. trägt ihr Haar blondiert, die langen Strähnen sind zerzaust, dunkel wächst der Ansatz mehrere Zentimeter nach. Von ihrem linken Schneidezahn ist ein Stück abgebrochen, die Bruchstelle ist dunkel verfärbt. Sie wirft die benutzte Spritze in den Mülleimer. Das Heroin wirkt, das lässt sich erkennen an ihren glitzernden Augen im fahlen, rotfleckigen Gesicht. Die zuerst wortkarge und müde Frau, die vor einer halben Stunde den Konsumraum betreten hat, ist jetzt wach. Wie ein Mädchen auf dem Schulhof flüstert sie Hagemann ins Ohr: "Ich habe heute Nacht bei ihm geschlafen, glaubst du das? Der hatte seit 15 Jahren keinen Sex mehr. Heute Nacht schlafe ich wieder da. Ich bin verliebt", sagt sie. Hagemann gibt ihr ein Papiertuch mit Desinfektionsmittel, damit sie ihren Platz sauber wischt. "Kristin, mir geht es ganz gut gerade, oder? Weil - nochmal schaffe ich keine Entgiftung. Echt nicht. Ich sage Dir, wenn ich mit 40 noch abhängig bin, dann Überdosis, das sag ich dir." "Quatsch", sagt Hagemann nur.

Bei vielen Abhängigen häufen sich irgendwann die Kleindelikte

Im großen Aufenthaltsraum, wo die Abhängigen für ein paar Cent eine warme Mahlzeit bekommen, sitzt Fabian K.. In der einen Hand hält er einen Becher Limo, in der anderen eine Zigarette. Er wippt mit dem Fuß auf und ab, schiebt sich das Cappy immer wieder aus der Stirn mit der Hand, in der die Zigarette glimmt. Er diskutiert mit Hagemann in ihrer Mittagspause, ob er sich noch bei seiner Bewährungshelferin melden sollte. Schließlich sei es Freitagnachmittag, 14 Uhr. Und er wolle seinem Ruf treu bleiben. "Meine Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit hat ja eigentlich ein System". Hagemann lacht, sagt ihm, er solle es trotzdem erledigen. Fabian K. schweift ab. "Hab mit meiner Freundin und der Kleinen den Polo angemeldet", erzählt er. "Ich sag dir, die hat sich gefreut - das glaubst du nicht." Er dreht sich um zur Theke, holt sich mehr Limo, quatscht mit zwei anderen Männern. Kehrt nach zehn Minuten zurück, bietet Hagemann eine Zigarette an. Sie lehnt ab und Fabian K. wiederholt, was er vorhin schon einmal erzählt hat. "Hab mit meiner Freundin und der Kleinen den Polo angemeldet. Ich sag dir, die hat sich gefreut - das glaubst du nicht."

Seit wann er abhängig ist? Keine Ahnung, mindestens solange, wie Hagemann dort arbeite, etwa sechs Jahre. Wie er abhängig wurde? "Falsch abgebogen". Dann kam die Berufsunfähigkeit. Der Alltag spielte sich nur noch in der Drogenszene ab. Wie bei so vielen Abhängigen häuften sich irgendwann die kleinen Delikte, im juristischen Fachjargon "Beschaffungskriminalität" genannt. Bis die Staatsanwaltschaft ihn anklagte und er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Mittlerweile gehe es Fabian besser, sagt Hagemann. Viel besser. Früher habe er den ganzen Tag am Bremer Platz vor dem Hauptbahnhof herumgehangen. Jetzt ist er nur noch über Mittag dort, kauft seinen Stoff und geht wieder. Vor zwei Jahren lernte er seine Freundin kennen, die zwei bekamen ein Kind. An einem Entzug habe er zwar nicht teilgenommen, aber allein, dass sein Tag strukturierter geworden sei, habe ihm enorm geholfen.

Wie gesagt, es geht nicht um Entgiftung. Es geht ums Überleben.

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