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Drogen in der Medizin:Rausch auf Rezept

Dass es dies in bereits verschwindend geringen Dosen leistet, sei laut Hofmann ein Hinweis dafür, dass es zentral dort angreift, wo im Gehirn das Wesen des Menschen entstehe. Der Chemiker sieht in dieser Eigenschaft enorme Möglichkeiten für die Hirnforschung.

Offensichtlich sind es die gleichen wahrnehmungsfilternden Eigenschaften bestimmter Substanzen, die sie sowohl als Rauschmittel, als auch für die Behandlung von Krankheiten interessant machen. Dass aber ein Stoff - nämlich Heroin - seinen eigenen Missbrauch therapieren soll, ist dennoch ein besonderer Streitpunkt. Patienten wie Max Mayer bekommen das Gift schließlich gegen ein Leiden, das sie ohne dasselbe gar nicht hätten.

"Das stimmt nur oberflächlich betrachtet", sagt der Oberarzt des Münchner Heroinprojektes Oliver Pogarell. Es gebe zahlreiche wissenschaftliche Hinweise dafür, dass manche Personen mit einer Anlage zur Sucht auf die Welt kommen. Demzufolge haben sie den Drogenhunger schon, bevor die Droge sie findet. Außerdem bestünde eine praktische Notwendigkeit für das Projekt, wie Pogarell betont: "Es geht darum, Leute am Leben zu erhalten, damit man ihnen überhaupt helfen kann." Abstinenz sei grundsätzlich das Langzeitziel.

Offensichtliche Janusköpfigkeit bei Opiaten

"Zwischen Therapie und Missbrauch entscheidet die Absicht hinter dem Konsum, nicht die Substanz als solche", sagt Psychologin Eva Hoch. Besteht also der Belohneffekt der Droge darin, dass sie diffuse Betäubung und Ablenkung verschafft, entsteht eine andere Bedürftigkeit, als wenn sie gezielt Krankheitssymptome lindert. Frei von Suchtgefahr ist aber auch Letzteres nicht. Knapp zwei Millionen Deutsche sind abhängig von legal verschriebenen Medikamenten, meist Schmerz- und Beruhigungsmittel.

Die Janusköpfigkeit des Gebrauchs wahrnehmungsfilternder Stoffe ist bei Abkömmlingen des Opiums besonders offensichtlich: Einerseits ist das Opiat Heroin die illegale Droge mit dem höchsten Abhängigkeitspotential, andererseits ist das Opiat Morphium unverzichtbar für die Therapie starker Schmerzen und deshalb in der Medizin etabliert.

"Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille", sagt der Neurologe und Schmerzmediziner Peter Schwenkreis von der Ruhr Universität Bochum. Schmerzwahrnehmung und Psyche sind eng miteinander verschaltet. Eine Droge, die den Schmerz abschaltet, wirkt auch euphorisierend und umgekehrt. "Es gibt parallele Effekte, je nach der Stelle im Gehirn, wo die Substanz angreift", so Schwenkreis. Das Nervensystem unterscheidet offenbar nicht zwischen der Betäubung der Seele und der des Körpers. Entscheidend ist, was man draus macht.