DNS-Sequenzierung Das öffentliche Genom

Zehn Menschen lassen ihr Erbgut entziffern. Es soll zusammen mit ihren biometrischen und medizinischen Daten Forschern und Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht werden - im Dienste der Wissenschaft.

Von Julia Karow

Es sind sieben Männer und zwei Frauen, darunter zwei Professoren, fünf Unternehmer, ein Wissenschaftsautor und ein Informationstechnologe. Ein Teilnehmer hat es vorgezogen, vollkommen anonym zu bleiben.

(Foto: Foto: iStock; Montage: suddeutsche.de)

Was sie verbindet: Sie haben sich bereit erklärt, ihre Gene entschlüsseln zu lassen und ihre DNS-Sequenz - zusammen mit biometrischen und medizinischen Daten - sowohl Forschern als auch der Öffentlichkeit frei zugänglich zu machen.

Sie sind die ersten Teilnehmer des sogenannten Personal Genome Projects unter Leitung des Genetikers George Church von der Harvard-Universität. Sie werden zu den ersten Menschen gehören, die ihr privates Genom in Augenschein nehmen können. Doch die zehn Pioniere bilden nur die Vorhut. In wenigen Monaten will Church, der selbst zu den ersten Kandidaten zählt, damit beginnen, weitere Probanden für sein Projekt zu werben. Sein Ziel ist es, weltweit wenigstens 100.000 Teilnehmer für die Studie zu gewinnen.

Zunächst wollen Church und seine Kollegen nur die genkodierenden Abschnitte des Erbguts entziffern, die nur ein Prozent der gesamten DNS ausmachen. Dazu haben sie eine neue Sequenziermethode entwickelt, mit der sie diese Bereiche für 1000 Dollar pro Person analysieren können - 100-mal kostengünstiger als mit traditionellen Methoden.

Dieses eine Prozent des Genoms, so Church, bestimmt mehr als 90 Prozent aller erblichen Merkmale, die er mit Hilfe eines detaillierten Fragebogens erheben will. Neben Daten wie Körpergröße und -gewicht, Haut- und Haarfarbe, Cholesterinwerten und Blutdruck soll dieser auch Eigenschaften oder Fähigkeiten erfragen, die zumindest teilweise erblich bedingt sind: Sind Sie ein Morgenmensch oder eine Nachteule? Sind Sie meistens fröhlich oder eher griesgrämig? Sind Sie Links- oder Rechtshänder? Können Sie Ihre Zunge einrollen? Ein Passfoto vervollständigt die Akte.

Bis Februar 2008 wollen die Wissenschaftler die Gensequenzierung der ersten Probanden abschließen. Die Analyse der Daten wird dann aber nicht beendet sein, denn die Zuordnung von Genen und Eigenschaften steht wissenschaftlich noch ganz am Anfang. Doch genau um solche Korrelationen geht es bei der Studie. "Die ganze Genomsequenz ist erst dann interessant, wenn man weiß, welcher Mensch dazugehört", sagt Kirk Maxey, einer der Probanden und Geschäftsführer der Firma Cayman Chemical.

Einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt bilden die zehn Teilnehmer nicht. Es war Harvards Ethik-Kommission, die verlangte, dass die ersten Kandidaten einen Master-Abschluss in Genetik besitzen sollten oder über "gleichwertiges Verständnis der genetischen Forschung" verfügen müssten, um alle Aspekte der Studie verstehen zu können. Aufgrund ihres Wissens sind die Erwartungen der Teilnehmer nicht allzu hoch. Bislang können Forscher nur in wenigen Fällen Gene einem Phänotypen eindeutig zuordnen - etwa die Gene BRCA1 und BRCA2 der Entstehung von Brustkrebs, oder die genetische Veränderung, die die Huntington-Krankheit auslöst.

Die Gene des Samenspenders

Die meisten Probanden sagen, dass sie keine Angst vor Hiobsbotschaften aus dem Genom haben, etwa wenn ein erhöhtes Risiko für Krebs oder Alzheimer festgestellt wird. "Ich gehe jeden Tag ein beachtliches Risiko ein, wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre. Das ist ein bekanntes Gesundheitsrisiko", sagt Maxey, der ausgebildeter Mediziner ist. "Aber dass man auf einer gefährlichen Straße fährt, heißt nicht, dass man einen Unfall haben muss." Genauso ist es mit Abschnitten im Erbgut, die ein Krankheitsrisiko erhöhen. "Ich habe überhaupt keine Angst davor", so Maxey.

Seine DNS-Sequenz könnte nicht nur für ihn selbst von Interesse sein. Als Medizinstudent war er jahrelang Samenspender und hat errechnet, womöglich der biologische Vater mehrerer hundert Kinder zu sein, die alle die Hälfte seines Erbguts in sich tragen.