Süddeutsche Zeitung

Diskussion um Jugendgewalt:"Antisoziales Verhalten wächst sich nicht aus"

Was tun mit Jugendlichen, die prügeln und die Schule schwänzen? Jugendpsychiater Christian Bachmann von der Charité Berlin kritisiert die bisherige Praxis - und fordert mehr Super-Nannys.

Das Thema Jugendgewalt treibt Politiker und Bevölkerung spätestens seit dem Tod von Dominik Brunner und dem warnenden Buch von Kirsten Heisig um. Doch die sogenannten Intensivtäter sind nur die Spitze des Eisbergs - die Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Störungen des Sozialverhaltens wird in Deutschland auf 700.000 bis 800.000 geschätzt, das sind etwa acht Prozent aller Minderjährigen. Wie sich dieses Verhalten äußert, ist altersabhängig. Typisch für diese Kinder und Jugendlichen ist, dass sie den Eltern nicht gehorchen und den Unterricht schwänzen. Dazu kommen Prügeleien und Ladendiebstähle, häufig kommen Drogenprobleme hinzu.

Dr. Christian Bachmann ist Kinder- und Jugendpsychiater und Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité Berlin. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Therapieforschung und Störungen des Sozialverhaltens. Im Frühjahr verbrachte Bachmann einen Forschungsaufenthalt am diesbezüglich führenden Institute of Psychiatry und der National Academy of Parenting Research in London, um dort effiziente Jugendhilfeprogramme kennenzulernen.

Ein Gespräch darüber, ob die Eltern schuld sind, wenn ihr Nachwuchs antisoziales Verhalten an den Tag legt - und ob diesen Jugendlichen überhaupt zu helfen ist.

sueddeutsche.de: Schule schwänzen, Klassenkameraden verprügeln, Regeln missachten - das klingt eher nach schlechter Erziehung als nach einem Fall für die Psychiatrie. Was haben Sie als Psychiater mit solchen Jugendlichen zu tun?

Christian Bachmann: Unter unseren stationären Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind Störungen des Sozialverhaltens die häufigste Diagnose. Anlass ist häufig, dass ein Schulverweis droht. Oder die Polizei liest einen Jugendlichen volltrunken auf. Manchmal sagen die Eltern auch: Unser Kind prügelt uns, können Sie's mal nehmen? Aber in der Psychiatrie sind diese Kinder und Jugendlichen nicht am richtigen Ort.

sueddeutsche.de: Wieso nicht?

Bachmann: Sie hören keine Stimmen, haben keine Essstörung, mit Medikamenten kommt man meistens auch nicht weiter. In den meisten Fällen ist das Verhalten der Kinder und Jugendlichen vornehmlich ein pädagogisches Problem und erst nachrangig ein psychiatrisches. Häufig landen die Patienten nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie dann in Jugendheimen, wo sie einige Zeit später wieder rausfliegen. Sie sitzen einfach zwischen allen Stühlen. Das finde ich immer sehr frustrierend.

sueddeutsche.de: Viele Jugendliche machen in der Pubertät schwierige Phasen durch - und finden sich später trotzdem zurecht im Leben. Trifft das auch auf diese Gruppe zu?

Bachmann: Man weiß, dass antisoziales Verhalten sehr stabil ist - es wächst sich nicht aus, sondern wird ohne wirkungsvolle Behandlung eher schlimmer. Als Erwachsener haben viele dieser Menschen dann eine antisoziale Persönlichkeitsstörung - und nicht wenige von ihnen landen im Gefängnis.

sueddeutsche.de: Es gibt bereits eine große Bandbreite in der Jugendhilfe. In Deutschland wird sehr viel Geld ausgegeben, um zu verhindern, dass solche Kinder und Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. Sie scheinen damit jedoch nicht zufrieden zu sein.

Bachmann: Wir geben einige Milliarden im Jahr für sie aus - für Heime, Boot Camps und Projekte wie "Delinquente Jugendliche spielen Fußball mit Polizisten". Dabei weiß keiner, ob das wirklich hilft. Aber wir geben Geld dafür aus, weil wir das Gefühl haben, es könnte helfen. Hier wird aber überhaupt nicht wissenschaftlich sauber evaluiert. Und das muss sich ändern.

sueddeutsche.de: Welche Programme könnten den Jugendlichen denn helfen?

Bachmann: Das weltweit am besten erforschte Programm nennt sich Multisystemic Therapy (MST). Dieses Programm richtet sich an Jugendliche von zwölf bis 16 Jahren, die ganz kurz davor sind, aus der Familie rausgenommen zu werden. Die Idee hinter MST ist: "Wir bringen den Eltern erziehen bei" - also das Super-Nanny-Prinzip.

sueddeutsche.de: Hört sich zunächst nach Privatfernsehen und nicht sehr vertrauenserweckend an.

Bachmann: Bislang herrscht in Deutschland die Methode vor, dass man bei Jugendlichen mit schweren Störungen des Sozialverhaltens die Hilfsprogramme aus der Familie auslagert und die Kinder ins Heim oder Boot Camp schickt. Bei MST bringt man den Jugendlichen und ihren Eltern das, was sie brauchen, in ihrem normalen Umfeld bei. Der MST-Therapeut betreut nur vier bis fünf Familien gleichzeitig und hat deshalb ganz viel Zeit für den einzelnen Jugendlichen. Er schaut, wo die Probleme liegen. Die Lösungen können ganz banal sein: Die Eltern lernen nachzufragen, was das Kind den ganzen Tag so macht. Ihnen wird dabei geholfen, klare Regeln mit klaren Konsequenzen aufzustellen. Und bei Problemen sind die Helfer 24 Stunden am Tag erreichbar - das ist ein Riesenunterschied zum Jugendamt, wo man manchmal Wochen auf einen Termin warten muss.

sueddeutsche.de: Das klingt teuer.

Bachmann: Das ist durchaus teuer und auch sehr intensiv am Anfang - rechnet sich aber auf Dauer. Ein Therapeut kostet maximal 70.000 Euro im Jahr. Die Behandlungsdauer ist auf sechs Monate pro Fall beschränkt, er betreut also im Jahr mindestens acht Familien. Ein hochwertiger Heimplatz wiederum kostet rund 200 Euro am Tag - im Jahr also gut 70.000 Euro. Wenn ein Therapeut es schafft, von seinen acht Klienten nur einen für ein Jahr vor dem Heim zu bewahren, ist sein Jahresgehalt schon eingespielt.

sueddeutsche.de: Wie effizient ist dieses Programm?

Bachmann: Das Ergebnis einer Studie zeigt, dass Jugendliche, die mit MST behandelt wurden, 14 Jahre nach dem Programm durchschnittlich zwei Jahre in Haft verbracht hatten. Die Vergleichsgruppe, die eine normale Psychotherapie bekommen hatte, war im Schnitt vier Jahre im Gefängnis. Das heißt, das Programm schafft es, die Haftzeit zu halbieren. Und das ist schon mal gut. In Norwegen, wo MST landesweit eingesetzt wird, sind von den Jugendlichen zu Beginn der Behandlung 20 Prozent zur Schule gegangen, am Ende 80 Prozent. Und dieses Ergebnis bleibt dann stabil. Wer einen Schulabschluss hat, findet auch häufiger eine Arbeit und landet mit großer Wahrscheinlichkeit nicht beziehungslos im gesellschaftlichen Off. Es gibt also nicht wenige Jugendliche, die durch solche Programme in der Bahn bleiben.

"Alle sagen: Sollen doch die anderen"

sueddeutsche.de: Von welchen Programmen raten Sie ausdrücklich ab?

Bachmann: Amerikanische Studien zeigen beispielsweise, dass die in der US-Jugendhilfe bis dahin sehr populären Boot Camps nicht nur teuer sind, sondern antisoziales Verhalten noch fördern. Im militärisch organisierten Lager lernen die Jugendlichen zwar, sich zu benehmen - aber sobald die Mutter daheim nicht mit der Trillerpfeife zum Appell ruft, verblasst der Effekt. Außerdem treffen die Jugendlichen bei den Umerziehungsmaßnahmen auf andere straffällige Jugendliche, von denen sie sich noch was abschauen können.

sueddeutsche.de: Was schlagen Sie vor, um die Situation in Deutschland zu verbessern?

Bachmann: Es wäre gut, wenn man in Deutschland zu dem Grundkonsens käme, dass man Steuergeld nur für Maßnahmen ausgibt, von denen man sicher weiß, dass sie helfen. So wie in anderen Ländern.

sueddeutsche.de: Wie ist die Jugendhilfe anderswo organisiert?

Bachmann: In den USA wurden zum Beispiel vor einigen Jahren alle Programme für Kinder und Jugendliche mit antisozialem Verhalten auf ihren erwiesenen Nutzen überprüft. Das Ergebnis: Bei acht von rund 800 Programmen war wissenschaftlich erwiesen, dass sie etwas nutzen. Bei den mehr als 790 anderen war nicht klar, ob sie helfen oder nicht - oder vielleicht sogar schaden. Also versuchten die Amerikaner herauszufinden, welche Behandlungsmethoden sinnvoll sind. Inzwischen haben sie - und zum Beispiel auch die Skandinavier - angefangen, die Programme mit den besten Ergebnissen flächendeckend einzusetzen. Davon sind wir in Deutschland meilenweit entfernt.

sueddeutsche.de: Könnte man die Ergebnisse der anderen Länder nicht einfach übernehmen?

Bachmann: Man müsste prüfen, ob die etwa sechs Programme, die in Großbritannien, Skandinavien und den USA sehr gut laufen, bei uns ebenfalls funktionieren. Dazu benötigt man Pilotstudien. Dass sie auch in Deutschland Erfolg zeigen würden, ist übrigens sehr wahrscheinlich - in Norwegen hilft's, in Großbritannien hilft's, in der Schweiz hilft's - wieso sollte es dann nicht bei uns helfen?

sueddeutsche.de: Klingt ja ziemlich vernünftig, nur Geld für Sinnvolles auszugeben. Warum tut man das nicht einfach?

Bachmann: Die Jugendhilfe in Deutschland ist nicht zentral organisiert, sie arbeitet in jeder Stadt völlig unabhängig. Zudem gibt es bei den Beteiligten kein großes Bewusstsein dafür, dass man in der Jugendhilfe Geld sparen könnte - und dabei den Jugendlichen gleichzeitig besser helfen. Selbst eine Pilotstudie ist sehr schwer zu realisieren: Die Idee finden viele Stellen sinnvoll - aber keiner fühlt sich dafür verantwortlich, sie umzusetzen. Alle sagen: Sollen doch die anderen.

sueddeutsche.de: Wer würde von effizienten Programmen denn profitieren - abgesehen von den Jugendlichen?

Bachmann: Der Effekt ist weitreichend, weil diese Jugendlichen verschiedenen Trägern hohe Kosten verursachen: Sie betrinken sich, prügeln sich und kommen dann in die Unfallchirurgie oder zum Ausnüchtern in die Notaufnahme. Manche kommen in die Psychiatrie oder müssen eine Drogenreha machen - das kostet die Krankenkassen viel Geld. In den USA reduzierten sich bei Anwendung effizienter Jugendhilfeprogramme bei der Zielgruppe die Kosten für Heimunterbringung und psychiatrische Krankenhausaufenthalte jeweils um 50 Prozent. Das Justizsystem würde sparen, weil die Jugendlichen weniger Prozesse verursachen und seltener in Haft kommen würden - und ein Tag in Haft kostet immerhin ungefähr 100 Euro. Das Schulsystem würde sparen, weil weniger Jugendliche an Förderschulen für Erziehungsschwierige gehen müssen. Und natürlich würde die ganze Gesellschaft sparen, weil ein höherer Prozentsatz des Klientels einen Schulabschluss schafft und später Arbeit findet. Und nicht zuletzt - und das ist nach der Gesundheit der Jugendlichen das Wichtigste - stellen diese Menschen ein Potential dar, auf das unsere Gesellschaft nicht verzichten kann.

sueddeutsche.de: Warum klappt es in anderen Ländern?

Bachmann: Dort haben sich die verschiedenen Verantwortlichen zusammengetan - in Großbritannien haben beispielsweise Gesundheitsministerium und Ministerium für Kinder, Schulen und Familien gemeinsam einige Millionen für eine große Studie zu MST bereitgestellt. Das wäre in Deutschland auch möglich - macht das Ganze aber so kompliziert. Denn man muss nicht nur einen Entscheidungsträger überzeugen, sondern immer mehrere gleichzeitig.

sueddeutsche.de: Sind eigentlich immer die Eltern schuld, wenn Kinder delinquent werden?

Bachmann: Ich denke, die meisten Eltern wollen ihre Kinder gut erziehen - aber einige von ihnen haben nicht gelernt, wie es geht. Eine wichtige Lehre der Wissenschaft ist jedoch: Erziehen kann man lernen. Und deshalb kann man den elterlichen Faktor gut beeinflussen. Die Verfügbarkeit von Drogen oder der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind hingegen nur schwer zu steuern. Insofern spielen Eltern, auch wenn sie längst nicht an allem schuld sind, bei der Behebung des Problems fast immer eine zentrale Rolle.

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