Diskussion um Jugendgewalt "Alle sagen: Sollen doch die anderen"

sueddeutsche.de: Von welchen Programmen raten Sie ausdrücklich ab?

Christian Bachmann ist Kinder- und Jugendpsychiater und Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité Berlin. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Therapieforschung und Störungen des Sozialverhaltens. Im Frühjahr verbrachte Bachmann zwei Monate am Institute of Psychiatry des King's College London, um dort effiziente Jugendhilfeprogramme kennenzulernen.

(Foto: privat)

Bachmann: Amerikanische Studien zeigen beispielsweise, dass die in der US-Jugendhilfe bis dahin sehr populären Boot Camps nicht nur teuer sind, sondern antisoziales Verhalten noch fördern. Im militärisch organisierten Lager lernen die Jugendlichen zwar, sich zu benehmen - aber sobald die Mutter daheim nicht mit der Trillerpfeife zum Appell ruft, verblasst der Effekt. Außerdem treffen die Jugendlichen bei den Umerziehungsmaßnahmen auf andere straffällige Jugendliche, von denen sie sich noch was abschauen können.

sueddeutsche.de: Was schlagen Sie vor, um die Situation in Deutschland zu verbessern?

Bachmann: Es wäre gut, wenn man in Deutschland zu dem Grundkonsens käme, dass man Steuergeld nur für Maßnahmen ausgibt, von denen man sicher weiß, dass sie helfen. So wie in anderen Ländern.

sueddeutsche.de: Wie ist die Jugendhilfe anderswo organisiert?

Bachmann: In den USA wurden zum Beispiel vor einigen Jahren alle Programme für Kinder und Jugendliche mit antisozialem Verhalten auf ihren erwiesenen Nutzen überprüft. Das Ergebnis: Bei acht von rund 800 Programmen war wissenschaftlich erwiesen, dass sie etwas nutzen. Bei den mehr als 790 anderen war nicht klar, ob sie helfen oder nicht - oder vielleicht sogar schaden. Also versuchten die Amerikaner herauszufinden, welche Behandlungsmethoden sinnvoll sind. Inzwischen haben sie - und zum Beispiel auch die Skandinavier - angefangen, die Programme mit den besten Ergebnissen flächendeckend einzusetzen. Davon sind wir in Deutschland meilenweit entfernt.

sueddeutsche.de: Könnte man die Ergebnisse der anderen Länder nicht einfach übernehmen?

Bachmann: Man müsste prüfen, ob die etwa sechs Programme, die in Großbritannien, Skandinavien und den USA sehr gut laufen, bei uns ebenfalls funktionieren. Dazu benötigt man Pilotstudien. Dass sie auch in Deutschland Erfolg zeigen würden, ist übrigens sehr wahrscheinlich - in Norwegen hilft's, in Großbritannien hilft's, in der Schweiz hilft's - wieso sollte es dann nicht bei uns helfen?

sueddeutsche.de: Klingt ja ziemlich vernünftig, nur Geld für Sinnvolles auszugeben. Warum tut man das nicht einfach?

Bachmann: Die Jugendhilfe in Deutschland ist nicht zentral organisiert, sie arbeitet in jeder Stadt völlig unabhängig. Zudem gibt es bei den Beteiligten kein großes Bewusstsein dafür, dass man in der Jugendhilfe Geld sparen könnte - und dabei den Jugendlichen gleichzeitig besser helfen. Selbst eine Pilotstudie ist sehr schwer zu realisieren: Die Idee finden viele Stellen sinnvoll - aber keiner fühlt sich dafür verantwortlich, sie umzusetzen. Alle sagen: Sollen doch die anderen.

sueddeutsche.de: Wer würde von effizienten Programmen denn profitieren - abgesehen von den Jugendlichen?

Bachmann: Der Effekt ist weitreichend, weil diese Jugendlichen verschiedenen Trägern hohe Kosten verursachen: Sie betrinken sich, prügeln sich und kommen dann in die Unfallchirurgie oder zum Ausnüchtern in die Notaufnahme. Manche kommen in die Psychiatrie oder müssen eine Drogenreha machen - das kostet die Krankenkassen viel Geld. In den USA reduzierten sich bei Anwendung effizienter Jugendhilfeprogramme bei der Zielgruppe die Kosten für Heimunterbringung und psychiatrische Krankenhausaufenthalte jeweils um 50 Prozent. Das Justizsystem würde sparen, weil die Jugendlichen weniger Prozesse verursachen und seltener in Haft kommen würden - und ein Tag in Haft kostet immerhin ungefähr 100 Euro. Das Schulsystem würde sparen, weil weniger Jugendliche an Förderschulen für Erziehungsschwierige gehen müssen. Und natürlich würde die ganze Gesellschaft sparen, weil ein höherer Prozentsatz des Klientels einen Schulabschluss schafft und später Arbeit findet. Und nicht zuletzt - und das ist nach der Gesundheit der Jugendlichen das Wichtigste - stellen diese Menschen ein Potential dar, auf das unsere Gesellschaft nicht verzichten kann.

sueddeutsche.de: Warum klappt es in anderen Ländern?

Bachmann: Dort haben sich die verschiedenen Verantwortlichen zusammengetan - in Großbritannien haben beispielsweise Gesundheitsministerium und Ministerium für Kinder, Schulen und Familien gemeinsam einige Millionen für eine große Studie zu MST bereitgestellt. Das wäre in Deutschland auch möglich - macht das Ganze aber so kompliziert. Denn man muss nicht nur einen Entscheidungsträger überzeugen, sondern immer mehrere gleichzeitig.

sueddeutsche.de: Sind eigentlich immer die Eltern schuld, wenn Kinder delinquent werden?

Bachmann: Ich denke, die meisten Eltern wollen ihre Kinder gut erziehen - aber einige von ihnen haben nicht gelernt, wie es geht. Eine wichtige Lehre der Wissenschaft ist jedoch: Erziehen kann man lernen. Und deshalb kann man den elterlichen Faktor gut beeinflussen. Die Verfügbarkeit von Drogen oder der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind hingegen nur schwer zu steuern. Insofern spielen Eltern, auch wenn sie längst nicht an allem schuld sind, bei der Behebung des Problems fast immer eine zentrale Rolle.