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Diskussion um Frauenkörper:Woher kommen Vorstellungen von Weiblichkeit?

So vermittelt die Sendung auf mehreren Ebenen verstörende Bilder von Frauen und ihren Körpern. Sowohl für diejenigen der jungen Zuschauerinnen, die das dort propagierte Körperideal nie erreichen werden und darunter leiden. Als auch für diejenigen, die sich köstlich darüber amüsieren, wie sich eine Reihe als "magersüchtig" verspotteter Mädchen für einen karrieremäßig ziemlich nutzlosen Titel erniedrigt.

Aber woher kommen derartige Bilder von Weiblichkeit, woher kommt der Drang, Frauen und ihre Körper zu beobachten und zu bewerten? Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen sucht in ihrer Abhandlung "Die imaginierte Weiblichkeit" in der Literatur nach historischen Frauenbildern. Und wie viele davon gibt es da! Die Frau ist die schöne Verführerin, die Mutter, die Empfindsame, die Tugendhafte.

Einen wichtigen Punkt macht Bovenschen zu Beginn ihrer Betrachtungen. Denn entworfen wurden diese Bilder lange Zeit hauptsächlich von Männern. Frauen, das waren in den Augen der Autoren mythische, naturverbundene, emotionsgetriebene Wesen, das Objekt männlicher Betrachtungen und Begierden. Vor allem aber waren sie irgendwie anders, die Abweichung von der (männlichen) Norm. Das Von-außen-Beurteilen, Bewerten hat also schon eine lange Tradition.

Frauen als Objekte

Und heute? "Frauen werden immer noch zu sehr als Objekt betrachtet", sagt Modebloggerin Blümlein. "Da ist es okay, mit nackten Frauenbrüsten für ein Auto zu werben, denn sie sind ja dazu da, dem männlichen Zuschauer zu gefallen. Aber anderseits ist es für viele nicht okay, wenn eine Frau in einem Café ihre Brust rausholt und ihr Baby stillt. Weil es dann nicht um das Vergnügen des Betrachters geht."

Gott sei Dank ist es so, dass Frauen längst nicht mehr nur Objekt sein wollen und sich erfolgreich aus den ihnen zugeschriebenen Rollen befreien. Die feministische Autorin Laurie Penny sieht in diesem Prozess die Kontrolle von Frauenkörpern als einen Abwehrkampf derer, die die alte Ordnung bewahren wollen. Wie das funktioniert? Die britische Journalistin berichtet in ihrem Buch "Meat Market - Female Flesh and Capitalism" von ihrer eigenen Essstörung, die ihr Interesse an Politik, Literatur und Musik schwinden ließ, weil sie nur noch über Essen sprach, an Essen dachte.

Vor so einer Frau müsse niemand Angst haben - denn statt der Revolution beschäftige sie ein möglichst geringer Kalorienverbrauch. Das ist für Penny der Grund dafür, warum Mädchen einerseits so vehement eingeredet werde, Schlanksein sei das erstrebenswerteste überhaupt und warum anderseits genüsslich über erfolgreiche, prominente Frauen berichtet werde, die unter Essstörungen litten. Denn die bewiesen für den mitleidigen Beobachter vor allem eins: Frauen kommen mit Erfolg nicht klar.

Körperregeln für Karrierefrauen

Nun leidet nur eine Minderheit der Frauen an so schweren Essstörungen, wie Penny sie beschreibt. Und vielen Frauen ist es schon lange gelungen, die angestammten Rollen und Räume zu verlassen. Es gibt zum Beispiel taffe, gebildete und gut verdienende "Karrierefrauen", die dem traditionellen Konzept von Weiblichkeit oft entgegengestellt werden. Können diese Frauen, die sich mehr um ihr Gehalt als um ihre Schönheit sorgen, das ganze Körperthema endlich abschließen?

Leider nein. Denn auch im Job gibt es Körperregeln, sagt die Soziologin Andrea Bührmann von der Universität Göttingen. Der augenfälligste Beweis: Große und dünne Menschen machen eher Karriere als kleine und dicke. Bührmann erklärt das mit dem Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu: "Menschen entwickeln bestimmte Körperformen auch aufgrund von Verhaltensweisen, an denen sich sehr einfach erkennen lässt, welchen sozialen Status sie haben." Sie mögen und essen bestimmte Dinge - dick machende Pommes oder Austern. Sie tragen eine bestimmte Art von Kleidung und Schmuck - Jeans oder Anzug. Und sie sprechen natürlich auch über bestimmte Themen - den Campingurlaub oder die letzte Opernaufführung.

Schlanksein werde in unserer Gesellschaft als Zeichen von Disziplin, Dynamik und damit Erfolg gewertet. "Wenn Menschen eine dicke Frau sehen, die Pommes isst, würden sie eher nicht auf die Idee kommen, dass sie eine erfolgreiche Managerin ist", sagt Bührmann. Dicken Menschen hafte der Ruf an, undiszipliniert zu sein. Auch eine Kopftuchträgerin oder eine Frau mit dunkler Haut halten viele Menschen hierzulande eher für eine Putzfrau oder ein Zimmermädchen als für die Chefin der Finanzabteilung, das zeigen viele Erfahrungsberichte. Wollen sie sich durchsetzen, müssen sie größere Widerstände überwinden als eine, die den Vorstellungen auf den ersten Blick entspricht.

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