Diskriminierende Sprachregelung:Wissenschaft verweist auf Assoziation mit Männern

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Wieso aber ist diese Ungleichbehandlung in unserer Gesellschaft so weitgehend akzeptiert, dass die Entscheidung der Universität Leipzig solche Reaktionen auslöst? Schließlich geht es noch nicht einmal darum, die Verhältnisse im normalen Sprachgebrauch umzukehren. Lediglich in der Grundordnung dieser Hochschule wird die weibliche Begrifflichkeit verwendet. Eine Professorin wird weiterhin als "Frau Professor" angesprochen, männliche Professoren dagegen nicht als "Herr Professorin". Die Pläne der Universität, die nun gewissermaßen die Männer diskriminieren, sind also weit davon entfernt, den Spieß tatsächlich umzudrehen.

Trotzdem werden die Mitglieder des Senats der Uni Leipzig nun gefragt, ob sie bei ihrer Entscheidung eigentlich nüchtern waren. Schließlich wissen wir alle, dass mit "die Professoren" eigentlich immer Professoren und Professorinnen gemeint sind, und mit Lehrern ebenfalls beide Geschlechter. Das lernen wir schon als Kinder. Wo also ist das Problem?

Keine guten Argumente für das "generische Maskulinum"

Wir verinnerlichen dadurch die Bevorzugung und Dominanz des Männlichen in der Sprache, wo es doch um Männer und Frauen geht. Können wir wirklich ausschließen, dass diese Wahrnehmung die Gleichberechtigung von Frauen in unserer Gesellschaft nicht doch beeinträchtigt?

Die - wenigen - Erkenntnisse, die die Wissenschaft hier bietet, deuten darauf hin, dass der Gebrauch der maskulinen Form für gemischte Gruppen eher Assoziationen mit Männern hervorruft, und weniger mit Frauen. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin hat festgestellt, dass ein "generisches Maskulinum" - also ein männliches Nomen oder Pronomen, das sich auf gemischtgeschlechtliche Gruppen bezieht - im Deutschen aus psycholinguistischer Sicht eigentlich "nicht existiert". Verkürzt gesagt: Wir sprechen so, als würden wir nur über Männer reden. Und so nehmen wir es auch überwiegend wahr.

Als weiteres geläufiges Argument für den Gebrauch der männlichen Bezeichnung, wo es um beide Geschlechter geht, ist: Sprache und Texte sind leichter verständlich, wenn nicht ständig beide Geschlechter berücksichtigt werden. Doch abgesehen davon, dass die weibliche Vokabel sich dafür ebenso eignen würde, widersprechen die Studien der Psycholinguisten auch dieser Behauptung.

Die bislang diskutierten Alternativen zum generischen Maskulinum gefallen vielen Menschen nicht. Weder das Binnen-I wie in FreundInnen noch der Schrägstrich (Freund/innen) konnten die Mehrheit überzeugen. Doch selbst die Politiker und Politikerinnen in Berlin haben im Bundesgleichstellungsgesetzt festgelegt, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen sei.

Es mag unbequem sein, konsequent beide Geschlechter anzusprechen, etwa indem durchgehend von "Professorinnen und Professoren" gesprochen, und das "und" in Texten vielleicht durch einen Schrägstrich ersetzt wird. Einstweilen können wir auch Ersatzformulierungen einsetzen - etwa Studierende oder Lehrende. Das wird natürlich nicht immer und überall gelingen. Dies entbindet die Gesellschaft aber nicht von der Aufgabe, sich weiter um eine Lösung zu bemühen, die niemanden diskriminiert - weder Frauen noch Männer.

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